Die Zunge des hl. Antonius

 

Im Juni 2031 feiern wir das 800. Jubiläumsjahr des hl. Antonius. In Padua, wo in der prachtvollen Basilika di S. Antonio sein heiliger Leib ruht, wird in einer kostbaren Monstranz – ein Kunstwerk des 15. Jahrhunderts – die Zunge des Heiligen aufbewahrt. Als man 30 Jahre nach seinem Tod das Grab öffnete, fand man den ganzen Leib verwest, die Zunge dagegen frisch und rot, wie die eines Lebenden. Der hl. Bonaventura, der als Ordensgeneral der Franziskaner dieser Grabesöffnung beiwohnte, küsste diese Zunge voll Ehrerbietung und rief aus: „O glückselige Zunge, die du immer Gott gelobt und andere zu dessen Lob gebracht hast, nun zeigt sich offenbar durch deine Unverweslichkeit, wie angenehm dein Dienst vor Gott war.“

 

Man darf es heute, nach bald 800 Jahren, fast als Wunder betrachten, dass die Zunge in der goldenen Monstranz noch erhalten ist, wenngleich die lebensrote Gestalt einer braunen, eingetrockneten weichen musste.

 

Wenn wir das Leben des hl. Antonius betrachten, erscheint es nicht erstaunlich, dass Gott gerade seine Zunge verherrlichte. Gleich dem hl. Johannes Nepomuk übte er die Tugend des Schweigens in reiner Vollkommenheit, bis Gott seine Zunge löste, um ihn unaufhörlich zu preisen. Von dem schönen und reichbegabten Kind Fernando – der weltliche Name des Heiligen – hörte man nie ein unrechtes Wort. Man sah es vielmehr von frühester Jugend an täglich in der Kirche wie einen Engel gesammelt. Die frommen und vornehmen Eltern – der Vater stammte von Gottfried von Bouillon ab – unterstützten diese guten Anlagen und gewährten gern die Bitte ihres Sohnes, in der Vaterstadt Lissabon bei den Regulierten Chorherrn des hl. Augustinus einzutreten. Hier und später in dem Kloster zu Coimbra legte der junge Fernando den Grund zu den hervorragenden Kenntnissen heiliger Wissenschaft, die so viel zum Glanz seines Lebens beitrugen. Zudem besaß Antonius ein so ausgezeichnetes Gedächtnis, dass er die ganze Heilige Schrift nahezu auswendig kannte.

 

Der Martertod von fünf Jüngern des hl. Franziskus in Marokko begeisterte die Feuerseele des Heiligen so sehr, dass er seinen Obern bat, in das nahe schlichte Klösterlein der Minderen Brüder von Assisi übersiedeln zu dürfen. Hier erhielt er den Namen Antonius. In schweigender Demut verrichtete er die geringsten Arbeiten, während sein Herz vor Sehnsucht nach dem Martyrium brannte. Endlich kam die ersehnte Abreise nach Afrika. Doch der Wille Gottes hatte ihm eine andere Lebensbahn bestimmt. Antonius erkrankte so schwer, dass er Afrika ohne Ausübung der Missionstätigkeit verlassen musste. Ein Sturm trug das Schiff anstatt in das heimatliche Portugal nach Italien. Der Heilige kam nach Assisi.

 

Niemand kümmerte sich hier um den fremden kränklichen Bruder, der voll Bescheidenheit wartete, bis ihn der Guardian eines abgelegenen Klosters bei Forli aus Mitleid mit sich nahm. Der adelige Portugiese, der geistvolle Chorherr, der einst von der Palme des Martyriums geträumt, bat um den letzten Platz in einem armseligen Kloster und spülte dort das Küchengeschirr. Wie den hl. Franziskus in Averno, bereitete Gott den verkannten Bruder in der weltfernen Einsamkeit auf seine große Mission vor.

 

Es mochte ungefähr nach der Priesterweihe des Heiligen gewesen sein, die man den Klerikern damals ziemlich spät erteilte, als Gott in das unbedeutende Leben des Bruders Antonius eingriff. In einer Versammlung mehrerer Ordensleute musste der Heilige auf Befehl seiner Oberen predigen. In der erst schüchternen und zaghaften, dann immer kraftvolleren vom Heiligen Geist getragenen Rede offenbarte sich Antonius´ großes Talent. Alle Zuhörer wurden von dem Klang seiner Stimme, von seinen hohen Kenntnissen und der feinen Auswahl der Gedanken entzückt und ergriffen. Hier hatte Gott gesprochen und das Licht unter dem Scheffel plötzlich auf die Warte erhoben.

 

Gleichwohl blieb Antonius immer der demütige Bruder. Er stellte fortan seine Zunge im unermüdlichen Eifer in den Dienst Gottes und wurde der erste Prediger der südlichen Länder: Italien, Frankreich, Portugal und Spanien. Die damalige Zeit, locker in ihren Sitten und von Irrlehren durchdrungen, brauchte den Opfergeist und die mitreißende Begeisterung, die eine Antoniusseele beherrschten. Der Heilige schwieg nie, wenn es sich um Gottes Ehre handelte. Den Albigensern, die ihn mit Mord und Gift bedrohten, trat er unerschrocken entgegen, rügte das ärgerniserregende Benehmen eines Erzbischofs und suchte ohne Furcht seine Feinde und die Sünder auf, um sie für ein besseres Leben zu gewinnen.

 

Seine Rede glich dem rollenden Donner, der die Herzen erschütterte; daneben blühte sie in vollendeter Anmut und Schönheit des Ausdruckes, wenn Antonius die Liebe Gottes, die Himmelskönigin oder die Freuden der Seligkeit mit leuchtenden Farben malte. Die Bilder und Gleichnisse schöpfte er aus der Natur und der Heiligen Schrift und brachte damit jene einfache Klarheit in seine Predigt, die den Volksredner auszeichnet.

 

Das schönste Zeugnis prägte der greise Papst Gregor IX., der nach einer Predigt des Heiligen freudigst ausrief: „Wahrhaftig die Arche beider Testamente ist dieser Mann und die Schatzkammer der Heiligen Schriften.“ Wir sehen einen Fingerzeig Gottes darin, dass gerade am Pfingstfest 1232, noch kein Jahr nach seinem Tod, die feierliche Heiligsprechung des Franziskanermönches stattfand. Die feurigen Zungen, die einst die Apostel mit überirdischer Kraft erfüllten, sind ein erhabenes Sinnbild für die gottbegeisterte Zunge des hl. Antonius, der sein junges Leben von 36 Jahren gleich einer lodernden Flamme für Gott und Gottes Dienst verzehrte.

Tod des hl. Antonius
Tod des hl. Antonius