Zu Betlehem geboren . . .

 

Das Lied „Zu Betlehem geboren . . .“ ist zum ersten Mal gedruckt im Kölner „Geistlichen Psalter“ 1638. Der Verfasser ist nicht genannt. Doch wird das Lied Friedrich von Spee zugeschrieben.

 

Am Fenster seines Krankenzimmers stand Friedrich von Spee und sah dem Treiben zu. Er dachte, wie rasch doch die Zeit vergangen war seit dem Tag, da sie ihn todwund von Peine hierher nach Hildesheim gebracht hatten. In Peine hatte er den Auftrag gehabt, Verteidiger des katholischen Glaubens zu sein, und er hatte sich dieser Aufgabe mit ganzer Seele hingegeben. Aber ein Mordanschlag, den ein irregeleiteter junger Mensch auf ihn machte, hatte seiner Tätigkeit ein jähes Ende gesetzt.

 

Spee wandte sich vom Fenster weg und setzte sich an den Tisch. Immer, wenn er an jenen jungen Menschen dachte, erfüllten Trauer und Mitleid sein Herz. Er saß, den Kopf in die Hand gestützt, und hing seinen Gedanken nach. War jener arme Mensch nicht ein Opfer der furchtbaren, verworrenen Zeit geworden? Mit tausend Spannungen war sie geladen, war wild drohend, dämonisch. Ein Krieg, der das deutsche Land verwüstete und von dem man kein Ende sah, Religionsstreitigkeiten zwischen Katholiken und Protestanten und dazu der Wahnsinn der Hexenverfolgungen! Ach, er selbst hatte die Besessenheit der Zeit kennengelernt, als er in Würzburg die armen Opfer des Hexenwahns zum Tode vorbereiten musste. Nicht ganz zwei Jahre war er dort, aber sein Haar war grau geworden vor Gram über die Leiden der unschuldigen Menschen, deren Schmerzen er zu seinen eigenen gemacht hatte. Das Furchtbare war, dass er nicht helfen konnte.

 

Immer noch fiel der Schnee, und von neuem sah Spee dem Tanz der Flocken zu. Nun war bald Weihnachten. Sein Herz aber war noch erfüllt von dunklen Bildern. Ach, dass die Menschen doch in Demut wieder den Weg zur Krippe fänden, um sich in die Liebe Christi zu versenken und von ihm die Liebe zu lernen! Das allein war die Rettung in der dämonischen Zeit. Während er das dachte, schwanden die dunklen Gedanken. Er sah die fallenden Flocken nicht mehr, er sah den Stall von Betlehem und die Krippe, und mit der ganzen Innigkeit seines Gemütes grüßte er das Kind.

 

Am Weihnachtsfest dieses Jahres brachte Pater Spee dem Christkind eine Gabe an die Krippe: Verse, die vor wenigen Tagen entstanden waren und die er „Herzopfer“ überschrieben hatte:. Die Verse lauteten:

 

„Zu Betlehem geboren ist uns ein Kindelein,

das hab ich auserkoren, sein eigen will ich sein.

In seine Lieb versenken will ich mich ganz hinab,

mein Herz will ich ihm schenken, und alles, was ich hab.

O Kindelein, von Herzen will ich dich lieben sehr,

in Freuden und in Schmerzen, je länger mehr und mehr.

Dazu dein Gnad mir gebe, bitt ich aus Herzensgrund,

dass ich allein dir lebe, jetzt und zu aller Stund.

Lass nichts von dir mich scheiden,

knüpf zu, knüpf zu das Band.

In Freuden und in Leiden nimm hin mein Herz zum Pfand.

 

Und da er diese Worte aus tiefster, liebender Seele betete, so füllte sein Herz sich mit einer solchen Freude, dass er alle Zeit vergaß. In Schauen versunken, verharrte er an der Krippe, solang, bis ein Mitbruder zu ihm hinging und ihm zuflüsterte, es sei wohl Zeit, dass er jetzt endlich wieder sein Zimmer aufsuche.

 

Nicht lange mehr blieb Spee nach dieser Weihnacht in Hildesheim, er siedelte bald nach Corvey über. Ehe er ging, schenkte er dem Bruder, der ihn gepflegt hatte, eine Abschrift seines „Herzopfers“. Der Bruder wieder schenkte es seinem Vater, als der ihn besuchte. Und dem Vater, der ein Kantor war, gefiel das Gedicht so gut, dass er eine Weise dazu erfand. Bald wurde das Lied weit und breit gesungen, und die Leute liebten es sehr.

 

In Corvey verlebte Spee ein Jahr der Erholung, und viele neue Lieder entstanden hier. Sein nächster Auftrag führte ihn nach Trier.

 

Im Advent des Jahres 1634 sangen sie in Trier ein neues Weihnachtslied. Eine Klosterfrau hatte es aus Westfalen mitgebracht, es hieß: „Zu Betlehem geboren ist uns ein Kindelein.“ Bald wurde es in allen Häusern geübt, und es war kein Stübchen, in dem es nicht gesungen worden wäre. Manche vermuteten, die Worte seien von Pater Spee, aber sicher wusste es keiner. Woher die Weise kam, wusste auch niemand. Die ganze Stadt klang wider von dem Lied, nur Pater Spee wusste nichts davon. Er hörte es erst in der Christmette, die in der menschenüberfüllten Jesuitenkirche gefeiert wurde. In seine glühende Andacht hinein klang das sanfte Vorspiel der Orgel. Und dann setzte es ein, zart und süß und voll himmlischer Freude, und alle, die in der Kirche waren, sangen:

 

„Zu Betlehem geboren ist uns ein Kindelein,

das hab ich auserkoren, sein eigen will ich sein.“

 

Eine Freude, die so groß war, dass er meinte, das Herz müsse ihm zerspringen, ergriff ihn. Konnte ein Menschenherz wirklich so viel Glückseligkeit ertragen? Die Tränen schossen ihm in die Augen, er legte das Gesicht in die Hände. Wo waren alle Leiden, wo der Gram, der sein Haar gebleicht hatte? Wo waren die dunklen Ängste, die düsteren Nöte der Zeit, die alle Herzen bedrückten? Alles war untergegangen in der süßen Schönheit dieses Liedes. O Kind von Betlehem, o Herr und Gott, welche Freude, welche Seligkeit! „Lass nichts von dir mich scheiden, knüpf zu, knüpf zu das Band. In Freuden und in Leiden nimm hin mein Herz zum Pfand.“

 

Pater Spee dachte, die Seligkeit dieser Weihnacht sei nicht mehr zu überbieten auf dieser Welt. Es war die letzte Weihnacht seines Lebens. Im August des folgenden Jahres starb er im Dienst der Nächstenliebe.

 

Sein Lied aber ging nicht unter in Pest, Hungersnot und Krieg. Wenn die Weihnachtszeit kam, dann wurde es gesungen in Waldverstecken und in den Trümmern zerstörter Dörfer und Städte, in Stuben und Kirchen und Klöstern.

 

An der Weihnacht des Jahres 1648, jenes Jahres, das nach einem dreißigjährigen Krieg den Frieden gebracht hatte, sang im Stefansdom zu Wien die Menge der Menschen, die die Christmette feierten: „Zu Betlehem geboren ist uns ein Kindelein.“ Sie wusste nicht, wer das Lied gedichtet, wusste auch nicht, dass der Kölner Psalter es schon 1638 aufgezeichnet hatte.

Marga Thome

Aus „Kirchenzeitung für das Bistum Köln“

22. Januar 1950