Vom letzten Ziel des Menschen

 

Alles Arbeiten und Dulden, alles Sinnen und Trachten der Heiligen ging auf das eine Ziel hin, sich selbst immer mehr zu heiligen und möglichst viele Menschen zur Erkenntnis, zur Liebe und zum Dienst Gottes anzuregen, um dadurch die ewige Seligkeit zu erringen. Dies ist die große Lebensaufgabe eines jeden Menschen und wenn er sie gut löst, wird er unendlich glücklich sein. Denke fleißig über dein letztes Ziel nach!

 

1. Der Mensch, die Krone der Schöpfung, trägt das Bild des dreieinigen Gottes an sich. Gott hat ihm Verstand gegeben, um ihn immer besser zu erkennen, ein fühlendes Herz, um ihn zu lieben, einen freien Willen, um das Gute zu erstreben, und zum Lohn seiner treuen Hingabe soll er ewig glücklich sein. Auch der Leib ist zum Dienst Gottes bestimmt. Die Augen sollen sich erfreuen an den Wunderwerken der Schöpfung, die Zunge soll sein Lob verkünden, die Ohren sollen lauschen auf sein Wort, die Hände und Füße sollen in treuer Pflichterfüllung das Wohlgefallen des Allerhöchsten erringen. So gibt sich der ganze Mensch an Gott hin im Glauben, in der Liebe, im Dienst Gottes. Das ist seine Bestimmung. Darum mahnt der göttliche Heiland: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit!“ (Mt 6,23) „Denn was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden leidet?“ (Mt 16,26) Der verdient nicht den Namen Mensch, der seine Gedanken und Empfindungen nicht auf Gott lenkt und ihm den Gehorsam entzieht. Hätte jemand die gründlichsten Kenntnisse von den Kräften der Natur und allen weltlichen Wissenschaften, läge ihm aber nicht an der Erkenntnis Gottes und seiner Bestimmung, so müsste er ein Tor genannt werden. Hätte einer alles in der Welt lieb, nur Gott nicht, so wäre er ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Diente einer noch so treu seinem leiblichen Herrn, vergäße aber darüber den Dienst des allerhöchsten Herrn, so verdiente er Züchtigung. Gibt es aber nicht zahllose Menschen, die von Glaube und Liebe und Dienst Gottes nichts wissen wollen? Sie lieben nur das Vergängliche, dienen nur der Welt und ihrer Lust, den Ehren und Reichtümern, sie denken selten oder nie an Gott, tun ihm nichts zuliebe, entehren fortwährend ihre Menschen- und Christenwürde. Wie kann dich Gott aber als den Seinen anerkennen, wenn du dich gar nicht um ihn kümmerst, sogar feindselig ihm gegenüber trittst? O begreife doch deine hohe, ehrenvolle Bestimmung, Gott zu erkennen, Gott zu lieben, Gott zu dienen!

 

2. Als Lohn bietet dir Gott die ewige Glückseligkeit. Die höchste Glückseligkeit ist aber der Besitz Gottes. Der heilige Augustinus ruft aus: „Du hast uns, o Gott, für dich erschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es ruht in dir.“ Dasselbe drückt der Apostel in den Worten aus: „Gott ist alles in allem.“ (1 Kor 15,28) In der Tat, außer Gott gibt es kein Gut, was den Menschen wahrhaft befriedigen kann, seine Allmacht kann uns das Beste gewähren und seine Güte bietet uns die höchsten Güter an. Ganz anders verhält es sich mit den Erdengütern, sie befriedigen nie vollkommen und lassen meistens einen Ekel und Überdruss zurück. Die kostbarsten Speisen erwecken Unlust, die angenehmste Musik wird auf die Dauer lästig, den sinnlichen Vergnügungen folgt Abspannung. Das höchste Gut dagegen erfüllt das ganze Herz mit allen seinen Wünschen und lässt niemals Unlust zurück. Ihr eitlen Weltkinder, die ihr nach den Gütern, Ehren und Genüssen der Welt hascht und darin euer Glück sucht, habt ihr es gefunden? Seid ihr zufrieden? O nein, euer Herz ist unbefriedigt und leer. Mit Salomo werdet ihr sprechen: „Ich sammle mir Silber und Gold und die Schätze der Könige und Länder. Und alles, was meine Augen verlangten, versagte ich ihnen nicht, und ich verwehrte meinem Herzen nicht, alle Lust zu genießen. Aber ich sah in allem Eitelkeit und Geistesplage, und dass nichts von Dauer sei unter der Sonne.“ (Pred 2,8-11) Fragt die Könige der Erde, ob ihr Glanz sie beglücke, und sie werden euch antworten: Krone und Zepter sind die schwerste Bürde auf Erden. Fragt die Millionäre, ob ihre Schätze sie befriedigen, und sie werden seufzend entgegnen, dass ihnen der Reichtum nur Unruhe und Qual verursache. Fragt die Genusssüchtigen, ob ihnen bei ihrem ausschweifenden Leben wohl zu Mute sei, und sie werden voll Missbehagen ausrufen: Alles ist eitel. So reißt denn euer Herz von der trügerischen Welt los, sucht euer Glück, wo es einzig zu finden ist, in Gott! Erkennt Gott in seiner Liebe und Größe, dient ihm willig und treu, liebt ihn als den Urquell und Inbegriff aller Liebe, so werdet ihr schon auf Erden glücklich und dort oben im Besitz Gottes ewig, ewig selig werden! Amen.