Zentrum der Christenheit

 

Was uns nach Rom zieht

 

Zwei Städte sind es, die jedem katholischen Herzen überaus teuer sein müssen: Jerusalem und Rom.

 

Jerusalem, die altehrwürdige Stadt, wo in grauer Vorzeit Melchisedech König war, wo Abraham den Isaak zu opfern bereit stand, wo David seine Residenz aufschlug, wo Salomo und später Zorobabel den herrlichen Tempel erbaute; Jerusalem, die heilige Stadt, welche in der Fülle der Zeiten den Sohn Gottes selber als Kind, als Knabe, als Mann mit seiner gnadenreichen Gegenwart beglückte, wo er litt und starb, wo er vom Grabe erstand und zum Himmel auffuhr; Jerusalem, die Wiege des Christentums, wo der heilige Geist unter Sturmesbrausen auf die Apostel herabkam, wo die ersten Martyrer ihr Blut für den heiligen Glauben vergossen. – Doch Jerusalem hat den Tag seiner Heimsuchung nicht erkannt; die Mehrzahl der Juden blieb verstockt. Darum ward das Reich Gottes ihnen genommen und den Heiden gegeben, die undankbare Stadt aber von den Römern zerstört. Jerusalem hat aufgehört, der lebendige Mittelpunkt der religiösen Einheit zu sein! An seine Stelle ist Rom getreten, die Siebenhügelstadt am Tiberfluss, der ehemalige Sitz der römischen Kaiser. Das Werkzeug aber, dessen sich die göttliche Vorsehung bediente, um diesen Umschwung herbeizuführen, ist der heilige Petrus, dessen Fest am vorletzten Juni zugleich mit dem des hl. Paulus gefeiert wird.

 

1. Petrus kommt nach Rom

 

Petrus war von Christus zum obersten Hirten seiner Herde bestellt worden. Darum sehen wir ihn nach der Himmelfahrt seines Meisters überall an der Spitze stehen und die wichtigsten Aufgaben in eigener Person vollbringen. Petrus war es, der die übrigen Apostel veranlasste, an Stelle des Judas einen andern zu wählen; er hielt am Pfingstfest die erste große Predigt an die zusammengeströmte Menge; er führte im Namen aller das Wort vor dem hohen Rat; er wirkte die größten Wunder, zuerst in Jerusalem, später in Lydda und Joppe; er war es auch, dem Gott selbst in einer Erscheinung den Auftrag gab, die ersten Heiden, darunter den römischen Hauptmann Kornelius, in die Kirche aufzunehmen. – Aber Petrus blieb nicht lange in Palästina. Er musste das Land verlassen, weil Herodes ihn töten wollte; und so kam er, ungefähr im Jahr 42 unserer Zeitrechnung, endlich nach Rom, wie eine uralte Überlieferung bezeugt. Freilich haben immer wieder protestantische Gelehrte die Zuverlässigkeit dieser Nachricht bestritten und den Aufenthalt Petri in Rom für eine bloße Sage erklärt. Aber sie wurden von katholischen Gelehrten und auch von redlich gesinnten protestantischen Forschern so gründlich widerlegt, dass heutzutage in diesem Punkt keine Meinungsverschiedenheit mehr besteht zwischen Katholiken und Andersgläubigen. „Die so vielfach angefochtene Überlieferung vom Kommen des Petrus nach Rom ist festzuhalten,“ so schrieb bereits im Jahr 1889 der Protestant Möller in seiner Kirchengeschichte; und ihm haben seither auch Neander, Guericke, Harnack und andere Gelehrte mit aller Entschiedenheit beigestimmt. Sie mussten es tun; denn die ältesten Kirchenschriftsteller, ein Tertullian, Origenes, Kajus, Zyprian, Irenäus, Klemens von Alexandrien und Klemens von Rom, Papias, Dionys von Korinth und der hl. Märtyrer Ignatius bezeugen alle so einmütig den Aufenthalt des hl. Petrus in Rom, dass ein vernünftiger Zweifel an dieser Tatsache nicht möglich ist.

 

Ja, Petrus kam nach Rom, aber nicht als Privatmann, sondern als oberster Lehrer, Hirt und Priester, als Träger der Schlüsselgewalt, als Grundstein und Felsenfundament, das durch seine eigene unzerstörbare Festigkeit dem ganzen Bau der Kirche Christi Einheit und Dauer verleiht. Und darum gehört die Übersiedelung Petri von Jerusalem nach Rom zu den allerbedeutsamsten Begebenheiten der Welt- und Kirchengeschichte: an dem Tag, da Petrus die Leitung der römischen Christengemeinde übernahm, begann Rom der Mittelpunkt des Reiches Christi zu werden. Von da an sind aller Augen nach Rom gerichtet, um von dort Weisungen und Befehle, aber auch Gnaden und Wohltaten jeder Art in Empfang zu nehmen.

 

2. Petrus stirbt in Rom

 

Die nämlichen Väter und Kirchenschriftsteller, welche den Aufenthalt Petri in Rom bezeugen, berichten auch, dass er ebendort zugleich mit seinem Gefährten Paulus unter Kaiser Nero den Martyrertod erlitten habe. So schreibt z.B. Tertullian, der um das Jahr 200 in Afrika lebte, von der römischen Kirchengemeinde: „O wie glücklich ist diese Kirche, der die Apostel nicht nur die ganze Lehre, sondern auch ihr Blut hinterlassen haben, wo Petrus seinem Meister, Paulus Johannes dem Täufer in der Todesart ähnlich geworden!“ Und der Priester Kajus, der um die nämliche Zeit zu Rom selber lebte, gibt auch die Begräbnisstätte an, indem er erzählt, dass Paulus auf der Straße nach Ostia, Petrus auf dem vatikanischen Hügel begraben liege. An letzterem Ort ließ im vierten Jahrhundert Kaiser Konstantin eine Basilika zu Ehren des hl. Petrus erbauen; und heute wölbt sich die schönste Kirche der Welt, der herrliche Petersdom, über dem Grab des Apostelfürsten. – Ja, zu Rom, da liegen sie begraben die beiden großen Apostel, und mit ihnen so viele andere Blutzeugen der römischen Kirche; und das ist ein weiterer Grund, warum diese Stadt jedem gläubigen Herzen so teuer ist. Millionen und Millionen katholischer Christen sind im Laufe der Jahrhunderte hingepilgert in die ewige Stadt und haben diese heiligen Gräber besucht, sie befeuchtet mit ihren Tränen, und die innigsten Gebete an denselben verrichtet. Jene aber, denen es nicht vergönnt war, persönlich nach Rom zu wallfahren, haben wenigstens aus der Ferne die Stadt mit Sehnsucht begrüßt und im Geist die Reliquien der Apostel verehrt, wie der große Patriarch von Konstantinopel, der hl. Johannes Chrysostomus, es getan. „Die Stadt Rom“, so schreibt er, „mit den zwei Apostelgräbern kommt mir vor wie ein Riesenleib mit zwei großen, weithin funkelnden Augen. Nicht einmal das Firmament im Glanz der Mittagssonne leuchtet so herrlich wie die Stadt Rom im Strahl dieses doppelten Lichtes! Was für ein Schauspiel wird jene Stadt am Tag des Gerichtes sehen, wenn plötzlich mit Petrus Paulus aus seinem Grab ersteht und empor in die Lüfte schwebt, dem Heiland entgegen!“ So schreibt der Goldmund und gibt noch weiterhin seiner Sehnsucht Ausdruck, an Ort und Stelle die Reliquien der heiligen Apostel verehren zu dürfen.

 

3. Petrus lebt fort zu Rom in seinen Nachfolgern

 

Petrus starb und wurde begraben. Aber seine Würde, seine oberste Hirtengewalt, sein unfehlbares Lehramt, sein Glaube, sein Geist lebt fort in seinen Nachfolgern, den römischen Päpsten. Wir kennen ihre Namen, von Linus, Cletus, Klemens angefangen bis herauf zu Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Schon in den ersten christlichen Jahrhunderten trug man eifrigst Sorge dafür, ein genaues Verzeichnis aller aufeinanderfolgenden Päpste zu haben, um so eine ununterbrochene Kette bis hinauf zum hl. Petrus nachweisen zu können. Der hl. Martyrer Irenäus, ein Schüler des Johannesjüngers Polykarp, führt sämtliche Päpste, die vor ihm lebten, mit Namen an, indem er zugleich die Notwendigkeit für alle übrigen Bischöfe betont, mit dem Bischof von Rom in Übereinstimmung zu bleiben. Und diese Notwendigkeit wurde tatsächlich allgemein anerkannt. Darum wandte man sich bei auftauchenden Zweifeln und Streitfragen von allen Seiten des Erdkreises nach Rom; Bischöfe, die man abgesetzt oder vertrieben hatte, appellierten an den Papst in Rom oder nahmen persönlich die Zuflucht zu ihm; solche, die in den Verdacht der Irrlehre gekommen waren, suchten sich in Rom zu rechtfertigen; die römischen Päpste verurteilten falsche Lehren, setzten Bischöfe ab, schlossen von der kirchlichen Gemeinschaft aus, versagten oder gewährten ihre Zustimmung den Beschlüssen der Kirchenversammlungen. Von Rom aus zogen die Glaubensboten nach England, Deutschland, zu den Slaven und fernhin in fremde Weltteile. So war es im Altertum; so im Mittelalter, wo sich die päpstliche Gewalt in ihrem vollsten Glanz entfaltete; so ist es auch heute noch. Rom ist gleichsam das Herz der katholischen Kirche. Wie das Herz alle Teile des menschlichen Leibes bis in die Fingerspitzen hinaus mit belebendem Blut speist, so versorgt Rom die ganze Christenheit mit reiner Lehre, heilsamen Vorschriften und mit den nötigen kirchlichen Vollmachten. In Rom verkündet der hl. Vater als Nachfolger Petri einen Glaubenssatz, wie er beispielsweise Pius IX. im Jahre 1854 bezüglich der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis getan: und alsbald geht die Kunde zu den Bischöfen in die fernsten Sprengel und von den Bischöfen dringt sie zu den Priestern und durch diese gelangt sie zum Volk; und alle beugen ihr Haupt der Wahrheit in demütigem Glauben. Oder der Papst gibt eine allgemeine Verordnung, wie es damals geschah, als Leo XIII. vorschrieb, dass nach der hl. Messe dreimal der englische Gruß nebst einigen andern Gebeten verrichtet werde; und siehe, seine Weisung wird überall befolgt, in allen Sprachen der Welt. Und wenn irgendwo ein Priester im Bußsakrament die Lossprechung erteilt, woher hat er die Gewalt dazu? Von seinem Bischof oder Ordensobern. Und dieser? Vom Papst in Rom.

 

Darum muss jedem guten Christen unendlich viel daran gelegen sein, mit diesem Herd des Lebens in innigster Verbindung zu bleiben. Möge darum der heilige Petrus, den die Vorsehung so wunderbar nach Rom geführt, der dort begraben liegt, aber zugleich auch beständig fortlebt in seinen Nachfolgern, allen Christgläubigen bei Gott die große Gnade erflehen, stets zu wachsen in dankbarer Liebe und kindlicher Verehrung für das christliche Jerusalem, die Gottesstadt des Neuen Testamentes, das ewige Rom!