Zauberglaube (Aberglaube)

 

1. Wahnglaube an Diamanten.

 

Selbst in die hohe Politik wirft der Aberglaube seine düsteren Schatten. Nach einer abergläubischen Legende ist die Zugehörigkeit Indiens zu Großbritannien davon abhängig, dass der berühmte Koh-i-Nor-Diamant nicht an männliche, sondern nur an weibliche Mitglieder des Königshauses vererbt wird. Deshalb bestimmte seinerzeit Königin Viktoria, dass dieses englische Kronjuwel nicht ihrem Nachfolger auf dem Thron, König Eduard, sondern dessen Frau gegeben werde. Bei der Krönungsfeier des jetzigen englischen Königspaares (1951) funkelte er über dem Stirnreif der Königinkrone. Diese Tatsache zeigt, wie selbst die aufgeklärte Bildung des 20. Jahrhunderts und höchste Machtstellung dieser Nachtseite des Menschenwesens ihren Tribut zollen.

 

2. Ein merkwürdiger Glücksträger.

 

Vor Jahren wurde eine berühmte Schauspielerin (Isidora Duncan) durch ihren eigenen Schal, der sich in einem Rad ihres Autos verfangen hatte, erwürgt. Diesen Schal kaufte eine Dame für 40.000 Francs – damals eine Riesensumme -, und wenn sie seitdem in Monte Carlo spielte, hing er jedes Mal um ihre Schultern. „Weil so etwas Glück bringt.“

 

3. Die „böse“ Dreizehn.

 

In einer rheinischen Stadt war wegen einer bedeutenden Festlichkeit ein wahrer Menschenstrom zusammengekommen. Alle Hotels, Gasthöfe und Pensionen waren besetzt. Ein Herr lief wegen eines Zimmers von einem Haus zum andern. Immer dieselbe Antwort: „Nichts mehr frei!“ Auch im städtischen Zimmernachweis erhielt er denselben Bescheid. „Aber vielleicht versuchen Sie es einmal im Parkhotel.“ Das Hotel gehörte zu den führenden Häusern in Aufmachung und Preis. Also hin. „Ist noch ein Zimmer frei? Ich nehme auch Nummer 13.“ Der goldbetresste Portier starrte den Fragenden groß an. „Die Zimmernummer 13 führen wir nicht. Tag für Tag würde das Zimmer leer stehen.“

 

4. Die böse Dreizehn als Glückszahl.

 

Wie töricht der Aberglaube von der Unglückszahl 13 ist, zeigt z.B. ganz auffallend der von seltenem Glück begünstigte Tondichter Richard Wagner, durch dessen Leben sich wie ein roter Faden die 13 zieht. Schon sein Name enthält 13 Buchstaben. Sein Geburtsjahr ist das Jahr 1813, dessen Quersumme auch 13 ergibt. Am 13. Dezember 1841 vollendete er den „Fliegenden Holländer“. Die erste Aufführung des „Tannhäuser“ war am 13. März 1861, die des „Ring der Nibelungen“ am 13. August 1876. Den „Parzival“ stellte er am 13. Mai 1882 fertig. An die Veröffentlichung seiner Werke begab er sich am 13. Mai 1871. Seinen kongenialen Freund Liszt lernte er am 13. September 1841 kennen. Auf seiner Flucht von Dresden traf er am 13. Mai 1849 in der Schweiz ein, wo ihn Liszt sieben Jahre später, am 13. Oktober 1856, besuchte. Nach 13 Jahren endete die Verbannung in der Schweiz. Seinen „Lohengrin“ hörte er 13 Jahre nach dessen Entstehung. Die Zahl seiner Bühnenwerke beträgt 13. So ist sein Leben tatsächlich immer wieder von der 13 begleitet, und wirklich nicht zu seinen Ungunsten, es sei denn, man rechnete seine 13jährige Ehe mit Cosima oder seinen Tod am 13. Februar 1883 hierher.

 

5. Der Unfug des „Gesundbetens“.

 

Ein Fall von „Gesundbeten“, der den Tod eines Kindes verschuldete, kam am 22. Juli 1937 in Stuttgart zur Verhandlung. Die Angeklagten gehörten zur Sekte der „Gesundbeter“. In ihrem religiösen Fanatismus hatten sie, übrigens ohne gewinnsüchtige Absichten, einen Landwirt bewogen, sein eineinhalbjähriges schwerkrankes Kind nicht mehr ärztlich behandeln zu lassen. Die Angeklagten versicherten, sie würden das Kind allein durch die Kraft ihres Gebetes retten, unter der Bedingung freilich, dass fürderhin auf ärztliche Hilfe Verzicht geleistet werde, denn die Menschen hätten keinen Arzt, sondern nur Gott, der ihnen helfen könne, und einen Arzt konsultieren, hieße deshalb Gott versuchen. Das Kind litt an einem krebsartigen Markschwamm der Augennetzhaut. Nachdem das linke Auge hatte entfernt werden müssen, wurde das gleichfalls schon angegriffene rechte Auge mit gutem Erfolg einer Röntgenbestrahlung unterzogen. Die Behandlung wurde nun auf Betreiben des Angeklagten Sax, der bei den Eltern des Kindes in hohem Ansehen stand und ihr volles Vertrauen genoss, durch die Gesundbetung ersetzt, die in Gemeinschaft mit den Eltern täglich stundenlang betrieben wurde. Erst als sich der tolle Wahn des Angeklagten Sax, dass die immer mehr aus der Augenhöhle heraustretende Geschwulst eines Tages abfallen und ein neues, gesundes Auge dahinter erscheinen werde, als eitler Wunderglaube erwies, kam das Kind in ärztliche Behandlung zurück, leider zu spät. Nach 18 Monaten schweren Leidens starb der Junge.

 

6. Nochmals das „Gesundbeten“:

 

Von einem anderen Prozess berichtete die Tagespresse Anfang 1924: Die Leiterin der „Gemeinde der Christlichen Wissenschaft“ in Lübeck stand vor einem Lübecker Gericht unter der Anklage, den Tod eines 14jährigen Kindes verursacht zu haben. Dem Jungen waren Splitter von einem Zaun in den Unterleib gedrungen. Die Frau erklärte, dass sie den Jungen gesundbeten werde. Die Eltern riefen daher erst 12 Stunden nach dem Unfall einen Arzt, der aber den Jungen nicht mehr retten konnte, während er bei sofortiger Operation zu retten gewesen wäre.

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1951, Band 12, Seite 21)