Die Zahl des Antichristen: 666

 

Von P. Redmond Buckley

Zusammenfassung aus „Cross“,

Mount Argus, Dublin, S. W. 7, Irland, 1948

 

Wenige Verse der Bibel haben so verschiedene Auslegungen erfahren wie der in der Geheimen Offenbarung des heiligen Johannes, in dem von der Zahl des „Tieres“, einem geheimnisvollen Namen für den Antichristen, die Rede ist. Es handelt sich um den 18. Und letzten Vers des 13. Kapitels, der folgendermaßen lautet:

 

„Dazu gehört Weisheit. Wer Einsicht hat, berechnet die Zahl des Tieres, es ist die Zahl für einen Menschen, und seine Zahl ist 666.“

 

Es hilft einem nicht viel weiter, wenn die bekannte Douay-Ausgabe der Heiligen Schrift dazu erklärend bemerkt: „Die Zahlenwerte der Buchstaben seines Namens sollen diese Zahl ergeben.“

 

Diese Stelle war von jeher ein besonderer Anreiz für Bibelausleger und Zahlenmystiker. Die Mehrzahl der Kommentatoren betrachtet heute diese Zahl als ein mystisches Symbol, das einen Mann bezeichnet, der gegen Ende der Welt der Hauptagend des Teufels sein wird. Er wird viele vom christlichen Glauben abspenstig machen, aber dann selbst von Christus vernichtet werden. Das „Catholic Encyclopaedic Dictionary“ (Katholisches Konversationswörterbuch) erklärt, dass „die katholische Auslegung der Schrift es nicht zulässt, den Antichristen als bloßes Symbol oder als eine Personifizierung des antichristlichen Geistes zu betrachten, sondern auf der Tatsächlichkeit seiner Person besteht.“ Es heißt dann weiter: „Er wird eine bestimmte menschliche Persönlichkeit sein, die durch größte Gesetzlosigkeit, Selbstvergöttlichung und Hass gegen die christlichen Wahrheiten und durch sein Bemühen, Christus mit Scheinwundern nachzuahmen, charakterisiert sein wird.“ Darüber, wer dieser Mann sein wird, bleiben wir in vollständiges Unwissen gehüllt. Trotzdem sind der Versuche, diesen Mann genauer zu ermitteln, unzählige.

 

Schon die ersten Kommentatoren zur Apokalypse nahmen die Zahl 666 her und begannen, mit ihr zu jonglieren und Versuche zu machen. Sie probierten es zunächst mit den Zahlenwerten des griechischen Alphabetes, kamen dabei aber nicht weit. Dann versuchten sie es mit etwas besserem Erfolg mit dem hebräischen Alphabet, in dem ebenfalls wie im griechischen Alphabet jeder Buchstabe eine bestimmte Zahl bedeutet. Einige von ihnen lösten triumphierend das Rätsel mit dem Namen des Kaisers Nero, dessen Namensbuchstaben in Hebräisch die Zahl 666 ergeben. Aber die Jahrhunderte vergingen, und man wurde sich, obwohl Nero gewiss viele erforderliche Eigenschaften für diesen Posten hatte, klar, dass sein Name doch nicht die richtige Antwort sein konnte. Dann vermuteten andere, Mohammed sei der Antichrist gewesen, da er im Jahr 666 nach Christus gestorben sein sollte. Sein genaues Todesjahr aber war entweder 630 oder 632, so dass auch diese Antwort nicht zutraf.

 

Schließlich kam die Reformation und Calvin versuchte, dieses Zeichen Papst Bonifaz III. anzuhängen. Allein seine einzige Begründung war seine Voreingenommenheit. Aber noch viele Sektenführer der späteren Jahre probierten immer wieder und mit allen möglichen Kunststückchen nachzuweisen, was sie von vornherein wollten, nämlich dass diese Zahl im Allgemeinen auf das Papsttum passe. Später kam dann Rassen- und politischer Hass dazu, und der nächste Kandidat für den Posten des Antichristen war Napoleon. Man braucht nicht eigens zu betonen, dass diese „Lösung“ zur Zeit der napoleonischen Kriege in England sehr beliebt war. Heutzutage ist dieser Name natürlich wieder verdrängt worden zugunsten moderner Politiker, und alle alten Lösungen wurden zugunsten dieser „neuen Entdeckungen“ aufgegeben.

 

Aber es ist anzunehmen, dass die Lösung durchaus nicht so einfach ist. Wir brauchen nur an eine wenig bekannte Stelle in einer Predigt von Kardinal Newman denken, in der er sich mit köstlichem Humor und sarkastischem Wohlbehagen gegen alle wandte, die behaupteten, Rom sei damit gemeint, und ironisch nachwies, dass die geheimnisvolle Zahl auch die Königin Viktoria bedeuten könne. Die Stelle die uns der englische protestantische Schriftsteller Raxton Hood in seinem Buch „The Vocation oft he Preacher“ (Vom Beruf des Predigers) überlieferte, lautet:

 

„Kann es nach einer solchen Darlegung der Blasphemien, die man sich in England erlaubt, überraschen, wenn jetzt erklärt wird, dass, so erstaunlich das klingt, die Königin Viktoria in der Geheimen Offenbarung mit dieser Zahl bezeichnet wird? Ihr erinnert euch, dass die Zahl 666 heißt. Nun, die Königin bestieg den Thron im Jahr 37, zu welcher Zeit sie 18 Jahre alt war. Vermehren wir nun 37 mit 18, so erhalten wir genau die Zahl 666, das mystische Zeichen des gesetzlosen Herrschers.“

 

Lord Macauly befand sich einst zu Besuch in Indien, als ihn ein vollständig Fremder mit der überraschenden Frage anredete: „Entschuldigen Sie, mein Herr, sind Sie nicht auch der Auffassung, dass Bonaparte das Tier war?“ Macauly antwortete ganz einfach: „Nein, mein Herr, ich kann nicht sagen, dass ich dieser Auffassung bin.“ Der Mann antwortete: „Aber, mein Herr, er war es tatsächlich, ich kann es beweisen. Ich habe die Zahl 666 in seinem Namen gefunden. Wenn er nicht der Antichrist war, wer war es dann?“ Macauly gestand, dass er dies als ein sehr schweres Problem betrachte, und fügte hinzu: „Mein Herr, vielleicht ist das Abgeordnetenhaus das Tier. Denn es besitzt 658 Mitglieder, und wenn man die fünf Schreiber sowie den Ordner, seinen Stellvertreter und den Bibliothekar hinzurechnet, so ergibt das gerade 666!“

 

In einem geistreichen Artikel erklärte vor kurzem M. V. Hay im Einzelnen, wie man zu den verschiedenen Lösungen kam. All diese „Schlüssel“ haben etwas gemeinsam: die findigen Löser kennen im Voraus die Antwort, die sie haben wollen, und wählen entsprechende Zählmethoden. Und siehe da, der Schlüssel passt, das Rätsel ist gelöst!

 

Hass oder Nationalstolz führten als Gegenschlag gegen die Lösung mit Napoleon oft zu neuen Methoden und neuen Lösungen. So schlugen die Franzosen eine Antwort vor, die ihrem Nationalgefühl entsprach. Nur brauchte man zu dieser Lösung die angeblich mystische Zahl 101, obwohl man nicht leicht verstehen kann, warum gerade diese Zahl mystisch sein soll. Aber die Lösung klang gut und zeitigte ein interessantes Ergebnis: Man füge 101 zu den gewöhnlichen Zahlenwerten des Alphabetes, d. h. A = 102, B = 103 und so fort, und als der Übeltäter kommt dann kein anderer als Wilhelm von Oranien seligen und unsterblichen Andenkens heraus. Ihr glaubt es nicht? Nun, probiert es selbst:

 

 O      R      A      N     G      E

116  119   102  115  108  106

 

und die Gesamtsumme ist 666. Fabelhaft, nicht wahr?

 

Vielleicht wird jemand einwenden, dass die Annahme A = 102 doch zu willkürlich sei. Auch gut. Herr Hay bietet uns zuvorkommender Weise eine weitere Lösung, die von einem seiner mathematischen Freunde stammt. Dabei fängt man mit A = 100 an. Wem aber auch diese Zahl noch zu hoch ist, der kann mit A = 10 anfangen usw. Zu unserer Überraschung finden wir dann, dass das Ergebnis noch geheimnisvoller wird, denn nun zeigt sich auf einmal, dass hinter der Zahl 666 nicht nur ein Mann, sondern sogar drei stecken, und, wer möchte es glauben, die drei sind keine anderen als: Winston Churchill, Mr. Eden und Hore-Belisha! Das M steht dabei für Monsieur Eden und verrät den französischen Ursprung dieser „Lösung“.

 

Wir danken Herrn Hay für die großartige Lösung, wollen aber mit einer ernsteren und feierlicheren Note schließen. Seien wir doch nicht so albern, leichtgläubig oder abergläubisch, lassen wir uns nicht durch trügerische Auslegungen irreführen, wie verblüffend sie auch aussehen mögen! In dem katholischen Konversationslexikon heißt es in diesem Zusammenhang: „Die jüdische und die christliche Literatur hat so teilweise durch Erraten, teilweise durch Schlüsse das in der Schrift enthaltene Bild zu erweitern versucht, zuweilen mit einleuchtendem Schein, zuweilen mit Übertreibungen, wobei natürlich die Juden an einen großen Feind Israels vor dem Anbruch des messianischen Königtums dachten.“

 

Die ganze Frage ist uns nicht zur Lösung aufgegeben, denn die vorangestellte Warnung des heiligen Johannes ist deutlich genug: „Wer Einsicht hat, berechnet die Zahl des Tieres.“