Der Wunderglaube

 

In unseren Tagen der Aufklärung und des Fortschritts, des Unglaubens und der Irrmeinungen sträubt man sich gewaltig gegen den Glauben an Wunder. Die einen wollen sie erklären als Lüge und Betrug, die anderen als leere Phantasiegebilde, und wieder andere als verborgene Kräfte der Natur. Von einer übernatürlichen, göttlichen Macht wollen sie nichts wissen. Woher rührt diese Scheu vor Wundern? Sie rührt aus den verkehrten Vorstellungen über Gott, über seine Kirche und über die Ewigkeit.

 

1. Manche Menschen leugnen das Dasein Gottes, folgerichtig auch die Wunder, denn die Wunder sind solche Werke, die kein Mensch mit seinen natürlichen Kräften verrichten kann, sondern nur durch die Allmacht Gottes verrichtet werden können. Sie wollen nur die Naturgesetze gelten lassen, während der gläubige Christ eine höhere Weltordnung anerkennt und glaubt, dass der allmächtige Schöpfer noch immer das Recht und die Kraft habe, außerordentliche Werke zu vollbringen. Räumt der Ungläubige Wunder ein, dann fällt sein ganzes Lehrgebäude des Unglaubens in sich selbst zusammen. Deshalb bestreitet er lieber das Wunder. Indes kann er keinen stichhaltigen Grund für seine Behauptung anführen. Wenn man etwa einwendet, die Kräfte der Natur seien noch zu wenig in ihrem ganzen Umfang erforscht, so ist das bis zu einer gewissen Grenze zuzugeben, aber wir können bestimmt behaupten, wie weit sie nicht reichen. Wo das natürliche Gebiet aufhört, das beginnt das übernatürliche. Wenn Christus einen schon in Verwesung übergegangenen Leichnam wieder zum Leben erweckt und zwar in Gegenwart vieler Anwesenden, so wird niemand behaupten wollen, dass dies Täuschung sei und dem Naturgesetz gemäß. Hier zeigt Jesus seine göttliche Allmacht.

 

2. Viele Menschen leugnen die Wunder, weil sie die Göttlichkeit der katholischen Kirche nicht anerkennen wollen. Die einen sind gleichgültig ihr gegenüber, die anderen hassen und bekämpfen sie. Sobald sie die Wunder der Kirche anerkennen, müssen sie die katholische Kirche notwendig als Gotteswerk anerkennen, und das wollen sie um keinen Preis. Bei all ihrem Ingrimm müssen sie doch zugestehen, dass Jesus den Seinen die Gabe der Wunder ausdrücklich verliehen hat, indem er sagt: „Denen, die da glauben, werden diese Wunder folgen: In meinem Namen werden sie Teufel austreiben, in neuen Sprachen reden, Schlangen aufheben und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden. Kranken werden sie die Hände auflegen und sie Werden gesund werden.“ (Mk 16) „Sie aber gingen hin“, heißt es weiter, „und predigten überall, und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die darauf folgenden Wunder.“ Und als Jesus die 72 Jünger aussandte sprach er zu ihnen: „“Macht die Kranken gesund!“ „Und sie kehrten mit Freude zurück und sprachen: Herr, auch die Teufel sind uns untertan in deinem Namen.“ Weder Juden noch Heiden wagten diese Tatsachen zu leugnen. Wenn das etwas Natürliches ist, warum tut ihr Ungläubigen es nicht? Die leidende Menschheit würde euch doch recht dankbar sein. – Es steht ferner als geschichtliche Tatsache fest, dass die Gabe der Wunder bis auf den heutigen Tag in der katholischen Kirche verblieben ist, wie das Leben der Heiligen ausweist. Dagegen kann sich weder die schismatische Kirche des Orients, noch irgendeine von der katholischen Kirche abgefallene Sekte eines in ihrem Schoß gewirkten Wunders rühmen. Deshalb ist ihnen auch jedes Wunder in der katholischen Kirche verhasst, weil solche außerordentliche Tatsachen für die Wahrheit und Göttlichkeit der Kirche Zeugnis geben.

 

3. Der Gedanke an die Ewigkeit, verscheucht nur zu oft den Wunderglauben. Man leugnet die Gottheit Christi, die Göttlichkeit seiner Kirche, weil man durch beide an die Fortdauer der Seele nach dem leiblichen Tod, an Himmel und Hölle erinnert wird. Den Himmel ließ man noch gern gelten, aber gegen die ewige Verdammnis in der Hölle sträubt sich der irdisch gesinnte Geist. Deshalb schlagen solche Menschen einen Höllenlärm an, wenn sie von Erscheinungen Verstorbener, von Wundern und außerordentlichen Zeichen hören. Sie leugnen, was sie nicht verstehen, und verspotten, was über ihren beschränkten Gesichtskreis geht. Die täglichen Wunder der Gottesnatur können sie nicht wegdisputieren, wie auf demselben Grund eine Giftpflanze neben dem Heilkraut gedeiht, warum die eine Blume eine gelbe, die andere eine rote oder weiße Farbe annimmt, können sie nicht erklären, und doch maßen sie sich ein Urteil über Dinge an, die über ihren niederen Gesichtskreis hinausgehen. Sie scheuen die Wahrheit, darum verlegen sie sich aufs Leugnen, sie fürchten das Jenseits, darum bestreiten sie es, sie verschließen ihre Augen, darum nennen sie das Licht Finsternis. Aber darum hören die unbestreitbaren Wunder doch nicht auf, Wunder zu sein. – Lasst euch darum durch das törichte Geschwätz solcher Gottesleugner und Feinde der Wahrheit nicht irre machen! Der Arm Gotte ist noch nicht verkürzt und noch immer lebt er in seiner Kirche, die „eine Säule und Grundfeste der Wahrheit ist.“ Amen.