Die Wiederkunft Christi

 

Ephräms Rede über das Jüngste Gericht

 

Unter den Reden, die vom heiligen Ephräm uns überliefert sind, befindet sich eine über die Wiederkunft Jesu Christi zum Weltgericht. Sie gibt uns einen Begriff von der Art und Weise, auf die damals im vierten Jahrhundert die Prediger sich über die wichtigsten Fragen mit ihren Zuhörern unterhielten. Er zeigt den Gläubigen den König der Könige auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und die ganze versammelte Menschheit vor ihm. „Bei der bloßen Vorstellung dieser Wahrheit“, sagt er, „ist mir, als sollte ich in Ohnmacht sinken, die Glieder meines Leibes werden erschüttert, Tränen füllen meine Augen, die Stimme stockt mir, die Lippen beben, die Zunge stammelt, meine Gedanken verwirren sich . . . Ein Donner erschreckt uns; wie werden wir den Schall jener Posaunen ertragen, welche die Toten erwecken wird?“

 

In schnellen, starken Zügen schildert er die Gebeine der ganzen entschlafenen Menschheit, die im Schoß der Erde von dieser Posaune aufgerufen werden, gesammelt belebt werden; wie die erschütterte Erde und das Meer ihre Toten wiedergeben werden; er zeigt die flammende Erde, die von Engeln geschiedenen Gerechten und Ungerechten, die lobsingenden Engel, die geöffneten Himmel, den Herrn der Herrlichkeit, das aufgeschlagene, furchtbare Buch, das auch die Gedanken jedes Menschen enthält . . . Mehrere Male wurde seine Stimme von Tränen und Schluchzen unterbrochen. Dann rief die Gemeinde: „Fahre fort, uns von diesen furchtbaren Dingen zu unterrichten. Rede, Knecht des Herrn!“ Dann begann er wieder zu reden. Dies geschah während dieser einen Rede mehrmals.

 

Der heilige Ephräm der Syrier, Diakon von Edessa, Kirchenlehrer,

+ 9.7.379 – Fest: 9. Juli

 

Dieser große Kirchenvater führte ein außerordentlich heiliges Leben und hat durch Wort, Beispiel und Schriften sehr Großes in der Christenheit gewirkt. Obwohl er in seiner großen Demut ausdrücklich verboten hatte, ihm eine Leichenrede zu halten, hielt dennoch der heilige Gregor von Nyssa eine Lobrede auf ihn. Gregor sagt unter anderem darin: „Zur gegenwärtigen Rede erregt mich der Spruch des Evangeliums: „Man zündet kein Licht an, um es unter den Scheffel zu stellen, sondern man setzt es auf den Leuchter, damit es allen im Hause leuchte.“ Gott hat aber das Leben des heiligen Ephräm wie eine helle und die Sonne überstrahlende Lampe angezündet und will nicht, dass sie unter den Scheffel des Schweigens verborgen, sondern auf die Spitze der Kirche gestellt werde. Wir müssen daher das Gebot des Herrn dem Verbot des hl. Vaters vorziehen.“

 

Der heilige Hieronymus sagt, die Schriften des heiligen Ephräm seien so verehrt, dass sie in manchen Kirchen nach der Heiligen Schrift öffentlich vorgelesen würden. Der Kirchenvater Theodoret nennt ihn die Leier des Heiligen Geistes und den Kanal, der alle Bewohner von Syrien mit dem Wasser der Gnade bewässere.

 

Ephräm stammte aus einer Bauernfamilie in Mesopotamien und führte von Jugend an ein christliches Leben. Nur kamen ihm bisweilen Zweifel darüber, ob Gott alles in der Welt regiere. Vieles wollte ihm nur wie ein Zufall vorkommen. Darüber belehrte ihn nun die Vorsehung Gottes selbst eines Besseren. Der heilige Ephräm erzählt:

 

„Ich kam einst auf einer Reise zu einem Schafhirten, der mich fragte, wohin ich reise. Ich gab ihm zur Antwort: „Wohin mich der Zufall führt.“ Er hieß mich bei ihm bleiben, weil es schon Abend war. Plötzlich um Mitternacht brachen Wölfe in die Herde ein und zerrissen oder verscheuchten die Schafe. Der Hirte merkte vom ganzen Unglück nichts, weil er wegen eines Rausches in tiefen Schlaf versunken war. Als nun die Eigentümer der Schafe kamen und keines mehr fanden, schrieben sie auch mir einen Teil der Schuld zu und schleppte mich vor Gericht. Unterdessen wurde gleich nach mir ein Mann herbeigeführt, welcher des Ehebruchs beschuldigt wurde; die Frau aber hatte sich geflüchtet. Der Richter verschob die Untersuchung mit uns beiden und ließ uns ins Gefängnis führen. Dort fanden wir noch einen Bauern, der wegen eines Mordes eingesperrt war. Indessen war weder jener Mann ein Ehebrecher, noch dieser Bauer ein Mörder, so wenig ich ein Schafdieb war.

 

Schon hatte ich sieben volle Tage im Gefängnis zugebracht, als mir am achten Tag ein Mann im Traum erschien und sagte: „Harre mit gottesfürchtigem Sinn und du wirst die Vorsehung kennen lernen. Denke nur nach über deine Gedanken und Werke und frage auch die anderen Gefangenen über die ihrigen, dann wirst du von selbst einsehen, dass euch nicht Unrecht geschehe.“ Nachdem ich erwacht war und über meine Jugendsünden nachdachte, da fand ich, dass ich einst auf dem Feld die Kuh eines armen Mannes aus Mutwillen von ihrem Ruheplatz nachts weggejagt hatte. Sie wurde hernach, weil sie wegen ihrer Trächtigkeit und vor Kälte nicht mehr weiter konnte, von einem wilden Tier zerrissen. Ich erzählte nun meinen Mitgefangenen den Traum und meine Schuld. Das machte sie aufmerksam, ergriff sie, und sie fingen an, auch ihre geheimen Vergehen zu bekennen. Der Bauer erzählte, er habe einst jemanden im Fluss ertrinken gesehen, hätte ihm helfen können und habe es doch nicht getan. Der Bürger aber hatte einst Anteil genommen an der falschen Anklage gegen eine Witwe, die ihre Brüder des väterlichen Vermögens berauben wollten durch die Beschuldigung, sie treibe Buhlerei; für das falsche Zeugnis bekam dann der Bürger einen bedungenen Lohn.

 

Wäre ich allein gewesen, so hätte ich mein Geschick dem Zufall zugeschrieben, so aber waren wir alle drei Eingesperrte eines früheren Vergehens schuldig. Als wir dem Richter vorgeführt wurden, bekamen meine zwei Mitgefangenen viele Schläge und wurden dann in den Kerker zurückgeführt; ich aber musste bleiben. Nun wurden noch zwei andere Angeklagte vorgeführt; das waren gerade die Brüder, welche ihre verwitwete Schwester durch die falsche Anklage um ihr Vermögen gebracht hatten. Der eine war eines Mordes, der andere eines Ehebruches angeklagt. Sie wurden beide gefoltert, um sie zu zwingen, alles zu gestehen; darauf folgte ein offenes Geständnis, aus dem sich ergab, dass der eine gerade den Mord und der andere den Ehebruch begangen hatte, welcher Vergehen der gefangene Bauer und Bürger angeklagt waren.“

 

Das Ende des ganzen war, dass letztere freigegeben wurden, desgleichen auch Ephräm; hingegen die zwei schlechten Brüder wurden verurteilt, den wilden Tieren vorgeworfen zu werden.

 

„In der Nacht auf diese Befreiung sah ich noch einmal den Mann, der mir früher erschienen war. Er sprach: „Geh nun in deine Heimat und tue Buße für dein Vergehen! Sei überzeugt, es gibt ein Auge, das alles überschaut.“

 

Von nun an hatte Ephräm lebenslänglich eine außerordentliche Furcht vor dem letzten Gericht. Der Gedanke daran schwebte ihm unaufhörlich vor der Seele und brachte ihn dazu, dass er die Welt verließ und in der Einöde ein höchst strenges Leben führte in Fasten, Wachen und vollständiger Armut. Früher war Ephräm sehr zum Zorn geneigt; von nun an wurde er so sanft und mild, dass man ihn bis ans Ende seines Lebens nie mehr zornig sah. Da er einmal durch eine Stadt ging, machte ihm eine schlechte Person eine schändliche Zumutung, um ihn, wenn auch nicht zum Laster, so doch wenigstens zum Zorn zu reizen. Ephräm hieß sie mit sich gehen; als sie auf den Marktplatz kamen, sagte er: „Hier will ich tun, was du begehrst.“ Die Frau sprach: „Vor so vielen Menschen wäre es eine Schande.“ Da erwiderte Ephräm: „Wenn du dich schämst, in Gegenwart von Menschen zu sündigen, um wieviel mehr sollst du dich schämen in Gegenwart Gottes zu sündigen, der bis in den tiefsten Abgrund sieht und beim letzten Gericht jedem Menschen nach seinen Werken vergelten wird.“ Diese Worte übten mit Hilfe der Gnade Gottes eine solche Wirkung auf die Person aus, dass sie, von Reue durchdrungen, von Ephräm zur Buße und in ein Kloster gebracht wurde.

 

Ephräm war unendlich demütig; er wollte nur als großer Sünder gelten; es war ihm eine Pein, dass ihn die Welt für einen Heiligen ansah. In einer Stadt hatte man ihn zum Bischof erwählt und man wollte ihn zwingen, sich weihen zu lassen. Als er es hörte, ging er an einen öffentlichen Platz der Stadt und nahm einen Gang an, wie wenn er verrückt wäre, so dass man das Vorhaben aufgab.

 

Er weinte und seufzte fast unaufhörlich, bald über die Sünden der Menschen, bald, wie er sagte, über die seinigen. Nach einiger Zeit fühlte sich Ephräm durch den Geist Gottes aufgefordert, in der Stadt Edessa für das Reich Gottes zu wirken; denn obschon er niemals mit Wissenschaften sich abgegeben hatte, so war er mit ungewöhnlicher Erleuchtung und mächtiger Beredsamkeit begnadet. Hier wechselte seine Beschäftigung unaufhörlich zwischen Gebet und Predigt oder Unterricht. Einmal ging Ephräm mit zwei Schülern während der Nacht über Feld. Die Klarheit der Sterne erinnerte ihn an die Herrlichkeit der Heiligen, die am Jüngsten Tag mit dem Herrn erscheinen werden. Dieser Gedanke machte einen tiefen Eindruck auf ihn und erfüllte seine Seele mit solchem Schrecken, dass er am ganzen Leib zitterte und in heftiges Weinen ausbrach. Die Schüler fragten ihn, was ihm sei. Er antwortete: „Ich fürchte sehr, liebe Kinder, dass ich an jenem furchtbaren Tag einst auf die linke Seite gestellt werde, und dass die, welche jetzt meine Frömmigkeit und guten Werke rühmen, einst über mich spotten werden, wenn sie mich im Ewigen Feuer sehen; denn ich weiß zu sehr, wie groß meine Lauheit und Nachlässigkeit ist.“ Dieses, nämlich das Letzte Gericht, war aber auch der Hauptgegenstand, welchen er mündlich und schriftlich mit höchster Lebendigkeit und Kraft den Menschen ans Herz legte. Der heilige Gregor von Nyssa sagt: „Man kann nicht lesen, was der selige Ephräm geschrieben hat über das Gericht und die zweite Ankunft Jesu Christi, ohne zu weinen, man stehe vor jenem schrecklichen Richterstuhl, ohne zu zittern, wie wenn einem jetzt das letzte Urteil gesprochen würde.“

 

Von diesen Reden des heiligen Ephräm sind noch viele übrig und aus der syrischen Sprache übersetzt (Schriften des hl. Kirchenvaters Ephräm, übersetzt von P. Pius Zingerle); ich will nun einiges daraus anführen:

 

„Bei der bloßen Erinnerung an jene Stunde bebe ich, von heftigem Schrecken ergriffen, im Gedanken an die furchtbare Zukunft, die sich dann erfüllen wird. Wer kann es ohne Schrecken anhören, was dann geschehen wird, wenn der König der Könige vom Thron seiner Glorie sich erhebt und herabkommt, um alle Bewohner der Erde um sich zu versammeln und Rechenschaft von ihnen zu verlangen. Bei der bloßen Vorstellung dieser Wahrheit zittern die Glieder meines Leibes und mir ist, als müsste ich in Ohnmacht fallen; meine Augen füllen sich mit Tränen, die Stimme stockt mir, die Lippen beben, die Zunge stammelt und meine Gedanken verwirren sich. Denn so große und schreckliche Wunderdinge, wie am Jüngsten Tag, sind nie geschehen seit dem Anfang der Welt und werden in alle Ewigkeit nie mehr geschehen. Ein heftiger Donner erschreckt jetzt schon jeden Menschen, und wir beugen uns dabei unwillkürlich nieder; wie werden wir es aber dann aushalten, wenn wir den Schall jener Posaune vom Himmel herab hören, die gewaltiger als jeder Donner tönt und die alle Toten von Beginn der Welt an, Gerechte und Ungerechte, erweckt? Der große König, der da Gewalt hat über alle Menschen, gebietet, und sogleich gibt die Erde mit banger Eile ihre Toten heraus, ebenso auch das Meer. Der Tod speit seine Beute aus und lässt keinen Verstorbenen an seinem Ort, den er nicht zum Gericht brächte. Seien sie von Tieren zerrissen, oder von Fischen verschlungen, oder eine Beute der Vögel geworden: alle werden in einem Augenblick auferstehen, ohne dass ein Haar an ihnen fehlt. Wie werden wir es dann aushalten, Brüder, wenn wir von der Höhe des Himmels jenes schreckliche Geschrei erschallen hören: Seht, der Bräutigam kommt! Seht, es naht der Richter! Seht, es kommt der Gott des Alls, um die Lebendigen und Toten zu richten. Dieses Geschrei erschüttert die Grundfesten und Nerven der Erde von einem Ende bis zum andern, das Meer und alle Abgründe. Wir sehen erscheinen das Zeichen des Kreuzes, an dem Christus freiwillig für uns starb – es ist das furchtbare und heilige Zepter des großen Königs; in jener Stunde denkt jeder an die Worte: „Das Zeichen des Menschensohnes wird am Himmel erscheinen.“ Angst, Schrecken und Entsetzen überfällt dann jeden Menschen. Alsbald erscheinen die Engel, die Chöre der Erzengel, die Cherubim und Seraphim versammeln sich, und jene Wesen voll Augen rufen mit Kraft und Gewalt: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen, der da ist, der war und der sein wird, der Allmächtige! – Jetzt öffnen sich die Himmel, es erscheint der König der Könige, unser unbegreiflicher und glorreicher Gott, ein schrecklicher Anblick mit großer Macht und unvergleichlicher Herrlichkeit, wie der Evangelist Johannes verkündet: „Seht, Er kommt auf den Wolken des Himmels und schauen werden Ihn alle Geschlechter der Erde.“ Welche Seele mag dies aushalten? Dann geht die Weissagung Daniels in Erfüllung, der da sagt: „Ich sah, dass Throne gestellt wurden und ein betagter Greis setzte sich. Sein Kleid war weiß wie der Schnee, und das Haar seines Hauptes wie reine Wolle. Sein Thron war helle Flamme, und die Räder des Thrones waren loderndes Feuer. Ein Feuerstrom floss und ging von ihm aus. Tausend mal tausend bedienten ihn, und hunderttausendmal Tausende standen vor Ihm. Das Gericht setzte sich, und die Bücher wurden geöffnet.“ Großer Schrecken, o Brüder, und Schauer und Entsetzen werden sich in jener Stunde unserer bemächtigen, wenn jene furchtbaren Bücher aufgetan werden, in denen unsere Werke, Reden und Handlungen aufgeschrieben sind, die wir in diesem Leben gesprochen und ausgeübt haben. Selbst die Gerechten und Heiligen würden mit den Bösen durch die Gewalt jener Flammen verzehrt, wenn sie nicht von der Gnade beschützt würden. Wo werden die Gottlosen und Sünder dann hingeraten? Die feurigen Geisterheere wagen es nicht zu flehen, sondern sie stehen beim Anblick des flammenden Strafgerichtes erschreckt und zitternd und stumm wie tot. Die Heiligen bitten auch nicht um Gnade, denn der Rauch seines Zornes steigt empor, und sie schaudern vor Furcht, mit den Sündern ins Feuer zu kommen.

 

Dann, Freunde Christi, steht die ganze Menschheit zwischen Himmel und Hölle, zwischen Leben und Tod, alle voll banger Erwartung der schrecklichen Stunde des Gerichtes, ohne dass einer dem andern beistehen könnte – und Er wird die Menschen voneinander scheiden, wie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Die, die gute Werke getan haben, werden von den Sündern geschieden. Es sind jene, die hier die Gebote des Herrn beobachten, die Barmherzigen, die Freunde der Armen und Weisen, die Gastfreundlichen, die Bekleider der Nackten, die Besucher der Gefangenen, die Helfer der Bedrängten, die Pfleger der Kranken; die jetzt trauern, die jetzt arm sind wegen des Schatzes, der ihnen im Himmel aufbewahrt liegt, die ihren Brüdern die Fehler verzeihen, die das Siegel des Glaubens unbefleckt von jeder Irrlehre bewahren, diese wird Er zu seiner Rechten stellen; die Böcke aber stellt er zu seiner Linken. Diese sind die, die keine guten Werke aufzuweisen haben, die Stolzen, die Ausschweifenden, die die Zeit der Buße mutwillig verscherzen, die Sorglosen, die Trunkenbolde, die Neidischen und Missgünstigen. Wehe allen, die an jenem schrecklichen Tag auf der linken Seite stehen, wenn sie hören werden: „Fort von mir, ihr Verfluchten, ins Feuer.“

 

Ach, da werden in jener Schreckensstunde die Menschen auf eine herzzerreißende Art von einander geschieden, und jeder geht seinen Weg, den er nie wieder zurückgeht! Wessen Herz ist so felsenhart, dass ihn nicht schon hier der Gedanke an jene Stunde, in der die Bischöfe, die Priester von ihren Amtsbrüdern getrennt werden, bis zu Tränen rührt? Dann werden auch die ehemaligen Könige voneinander geschieden, und wehklagend wie Sklaven fortgetrieben. Dann werden die unbarmherzigen Fürsten und Reichen seufzen und angstvoll rings nach Hilfe sich umsehen, niemand aber kann ihnen helfen. Dann werden die Eltern von ihren Kindern, Freunde von Freunden getrennt. Dann scheiden mit tiefsten Schmerzen Gatten voneinander, dann müssen auch jene zur Verdammung gehen, die dem Leib nach zwar jungfräulich, im Übrigen aber gefühllos und hart waren; denn ein unbarmherziges Gericht wartet jener, die keine Barmherzigkeit ausüben. Dann erschallt nur eine Stimme von den Oberen und Unteren: „Gerecht bist du, o Herr, und gerecht sind deine Gerichte!“ . . . Wenn sie dann, fortgetrieben an den Ort ihrer Qual, jeder Hoffnung beraubt und ohne Helfer und Fürbitter sind, dann brechen sie in bittere Wehklagen aus: „O, wie viel Zeit haben wir aus Sorglosigkeit verloren! O, wie sind wir betrogen worden! O, wie spotteten wir beim Anhören des Wortes Gottes! Was hilft uns nun die ganze Welt? Wo ist nun der Vater, dem wir das Leben verdanken, wo die Mutter, die uns gebar? Wo sind die Brüder, wo die Kinder, wo die Freunde, wo die Güter, wo die Unruhen dafür, wo alle irdischen Vorzüge? Wo sind nun die Könige und Gewaltigen? Wie, kann uns keiner von diesen allen retten und uns selbst können wir auch nicht helfen? Gänzlich verlassen sind wir von Gott und allen Heiligen. Es ist keine Zeit zur Buße mehr, keine Fürbitte vermag etwas, fruchtlos sind alle Tränen. Ohne Rettung sind wir Elende und finden kein Erbarmen; denn wir verdienen keines . . . Lebt wohl, alle Gerechte! Lebt wohl, ihr Apostel, ihr Propheten und Märtyrer! Lebe wohl, Chor der Patriarchen! Lebe wohl, du Schar der Mönche! Lebe wohl, du kostbares und Leben spendendes Kreuz! Lebe wohl, o Himmelreich! Lebe wohl, Paradies der Wonne! Auch du lebe wohl, liebe Frau und Gottesgebärerin! Lebet wohl, Vater und Mutter, Söhne und Töchter! Nie mehr werden wir jemanden von euch sehen! – Dort aber stirbt der Wurm nicht und das Feuer erlischt nicht.

 

O meine gebenedeiten Lieben! Ehe jener Tag anbricht, ehe Gott erscheint und uns unvorbereitet antrifft: kommen wir ihm zuvor mit Beicht und Buße, mit Gebeten und Fasten, mit Tränen und Liebeswerken gegen Fremde. Nährt eure Seelen mit dem Wort Gottes, mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern, mit anhaltendem Lesen der Hl. Schrift, mit Fasten und Nachtwachen, mit Gebeten und Tränen, mit Hoffnung und Betrachtung der künftigen Güter. Diese und dergleichen Übungen sind die Nahrung und das Leben der Seele. Verlassen wir die breite Straße, die zum Verderben führt, strengen wir uns eine kurze Zeit an, damit wir unendliche Ewigkeiten lang herrschen können. Heil dem, der auf dem engen Weg geht, der ein erhabenes Leben führt und doch demütig bleibt, der vielen Armen Wohltaten erweist, der mit Gewalt sich zu allem Guten antreibt. Drängen wir uns also, Brüder, mit Gewalt zu jedem guten Werk, ermuntern und ermahnen wir uns; erbauen wir einander. Über das Gericht sollt ihr oft miteinander reden; bei allem, was ihr tut, sei allezeit das Gericht und die Ankunft des Richters eure Sorge; führt es euch oft zu Gemüte und redet davon. Es sage ja niemand: Ich habe zu viel gesündigt, ich kann keine Verzeihung mehr erlangen. Gott ist ja ein Gott der Büßer und er hat gesagt, im Himmel sei Freude über einen Sünder, der sich bekehrt; er nimmt den wahrhaft Bekehrten mit größter Freude auf. Für ihn ist alle Ungerechtigkeit der Welt nur ein Dunst, den der Hauch seiner Erbarmung verschwinden lässt, wenn wir uns wahrhaft bekehren. Hütet euch aber ebenso sehr, eure Sünden leugnen zu wollen. Wer sich für sündenrein ausgibt, ist verblendet, ist kurzsichtig, der betrügt sich selbst und erkennt nicht, wie der Satan ihn täuscht. Ganz und gar ohne Sünde und Schuld ist kein Mensch, nur der ist ohne alle Sünde, der die Sünden der Welt hinwegnimmt, der alle Menschen selig machen will, der kein Gefallen hat am Tod der Sünder, der Menschenfreundliche, überaus Mildreiche, Barmherzige, Liebevolle gegenüber den Seelen, der Allmächtige, der Heiland aller Menschen, der Vater der Waisen, der Gott der Büßer, der Arzt für Seele und Leib, die Hoffnung der Hoffnungslosen, die Hilfe der Hilflosen, der alle zur Buße ruft und niemanden, der sich bekehrt, von sich stößt. Zu dem wollen auch wir unsere Zuflucht nehmen; denn alle Sünder, die je zu ihm ihre Zuflucht nahmen, erlangten Gnade und Heil.“

 

Der gleichen Predigten, Ermahnungen und Gebete, die sich auf das letzte Gericht beziehen, finden sich in den Schriften des heiligen Ephräm in reicher Anzahl. Das letzte Jahr seines Lebens wurde noch mit einem großen Liebeswerk gekrönt, zu dem Gott diesem heiligen Mann Gelegenheit gab. Es kam nämlich eine schwere Hungersnot über Edessa und die die Umgegend. Ephräm hatte großes Mitleid, konnte aber den Notleidenden selbst nichts geben, weil er schon früher alles Eigentum verschenkt hatte. Da wandte er seine außerordentliche Beredsamkeit an, um den Reichen so sehr ins Herz zu reden, dass er wie mit einem übernatürlichen Schlüssel ihre Schätze öffnete. Viele Reiche erklärten, sie wollten ihr Geld hergeben, wenn er sich der Verteilung unterziehen wolle; den anderen trauten sie nicht. Auf diese Weise wurde er nicht nur der Prediger der Barmherzigkeit, sondern er übte die Barmherzigkeit auch selbst aus. Nachdem Ephräm ein Jahr lang mit der Versorgung der Armen sich beschäftigt hatte, und die Hungersnot zu Ende war, kehrte er wieder in seine Zelle zurück, in der er einen Monat später nach kurzer Krankheit starb. Beim Herannahen seines Todes hatte sich eine große Menge Einwohner von Edessa um ihn versammelt; auch diese Gelegenheit benützte der Sterbende noch zu einem guten Werk. Eine vornehme Frau warf sich vor dem Heiligen nieder und flehte ihn um die Erlaubnis an, für seinen Leichnam einen Sarg anschaffen zu dürfen. Ephräm gab ihr diese Erlaubnis, aber nur unter der Bedingung, dass der Sarg ganz einfach sein müsse, dass sie künftig allem eitlen Wesen entsage – und aus Bußfertigkeit auf alle Dinge verzichte, die nicht die Notwendigkeit erforderte. Desgleichen beschwor er alle die mit verschiedenen kostbaren Zurüstungen sein Leichenbegängnis verherrlichen wollten, alles, was sie dafür aufzuwenden gedachten, den Armen zu geben.