Weltabgeschiedenheit

 

Zum Himmel führen verschiedene Wege, aber in den Wogen der Welt sind zahllose Seelen zu Grunde gegangen. Darum haben viele die gefahrvolle Welt verlassen und haben sich in die Einöde oder in die Stille eines Klosters zurückgezogen, um Gott allein zu dienen. Zu diesen gehören viele Heilige.

 

1. Sie gingen in die Einsamkeit, um den Gefahren der Welt zu entgehen. Alles, was in der Welt ist, ist Begierlichkeit des Fleisches, Begierlichkeit der Augen und Hoffart des Lebens. Und diese Gefahren dauern an, so lange der Mensch atmet, sie erwachen mit der Vernunft und bestürmen noch den greisen Menschen. So manch ein heiliger Mensch verließ die Welt, um Gott vollkommen zu dienen. Auch in der Welt kann man seine Christenpflichten erfüllen und eine hohe Stufe der Vollkommenheit erklimmen, aber in der Einsamkeit spricht der Geist Gottes vertrauter zum Menschenherzen. „Ich will sie in die Wüste führen und zu ihrem Herzen reden“, spricht der Herr beim Propheten Hosea (2,14). In der Einsamkeit bietet sich die beste Gelegenheit zu heldenmütigen Akten der Abtötung. Viele wenden ein: Was geht das uns an? Wir können die Welt nicht verlassen, nicht von der Familie und den Berufsarbeiten Abschied nehmen, um in die Einsamkeit zu ziehen. Wohl wahr. Dennoch können wir mitten in der Welt wie in der Einsamkeit leben. Gehe nach vollbrachter Tagesarbeit in dein Kämmerlein, gehe an Sonntagnachmittagen an ein einsames Plätzchen im Gotteshaus, gehe an schönen Feierabenden allein hinaus in Gottes herrliche Schöpfung! Da findest du die Einsamkeit. Und jedes Stündchen, das du in der Abgeschiedenheit Gott schenkst, wird von deinem Engel in das Buch des Lebens verzeichnet. Schön sagt der gottselige Thomas von Kempen: „Das kluge Bienlein sammelt Honig aus den Blumen, fliegt aber mit seiner Beute sogleich wieder heim in die einsame Zelle und verbirgt dort den Vorrat, sonst würde es draußen beim langen Umherirren die Frucht seiner Arbeit verlieren. Ach, dass wir nicht so lange in der Einsamkeit verbleiben, bis wir ihr eine reiche Frucht entnehmen!

 

2. In der Weltabgeschiedenheit fanden viele Heilige den wahren Frieden. Nicht im Weltgeräusch geht der Seele die Friedenssonne auf, nicht an den Ufern des Weltstromes blüht die entzückende Blume des Friedens. So versichert der heilige Augustinus: „Ich habe meinen Geist und mein Herz in allen Weltgenüssen gewälzt, aber nie den Frieden gefunden.“ So fühlte sich mancher Heilige in der Einsamkeit einer Klosterzelle glücklicher, als auf dem Thron im herzoglichen Palast. Auch du wirst im stillen Kämmerlein größeren Frieden finden, als im Geräusch, in den Genüssen und Freuden der Welt. In der Einsamkeit finden wir auch die wahre Weisheit. Da spricht die Stimme Gottes lauter und eindringlicher, da erwachen fromme Gedanken und heilige Entschlüsse, da dringt der Geist tiefer ein in die ewigen Wahrheiten. Ziehe dich darum öfters in die Einsamkeit zurück, und du wirst darin mehr Friede, Freude und Weisheit finden, als sie dir die Welt jemals bieten kann.