Weihnachtskrippen - älter als der Christbaum

 

von Erich Strohmer,

aus Wochenpost, Steyler Missionsdruckerei, Steyl, 1948

 

Wenn am Weihnachtsabend die Tür sich zum Gabenzimmer öffnet, aus dem in hellem Lichterglanz der Christbaum leuchtet, da gleitet gar mancher Blick suchend durch den Raum. Das gläubige Auge sucht die Weihnachtskrippe. Denn ein schöner alter Brauch ist auch heute noch bei vielen die Übung, das Fest noch bedeutender zu gestalten durch Zurschaustellung des hehren Wunders, das uns die Weihnachtszeit bietet, und mag es auch nur ein einfaches Kripperl sein, in dem das Jesuskindlein auf Stroh gebettet liegt.

 

Schon in alter Zeit gab es Weihnachtskrippen. In Italien veranstaltete der heilige Franz von Assisi schon 1223 eine Krippenfeier. Auch in deutschen Landen werden im 13. Jahrhundert Krippen erwähnt. Das Mittelalter zeigt in den gotischen Altären sehr oft Krippendarstellungen. Sowohl im Schrein als auch in der Predella sehen wir Szenen, die uns die Geburt des Kindes zeigen, die Gottesmutter, den heiligen Joseph; und ringsherum knien und stehen staunend die Hirten. Ochs und Esel sehen verwundert nach dem Kind, dem aus der Höhe Engel zujubeln. Berge, Häuser und Burgen erheben sich im Hintergrund. So baut sich in die Tiefe des Altarschreines das wunderbare Geschehen in einfachen Szenen auf.

 

Eine andere Zeit kommt heran. Die Gegenreformation hat den Sieg errungen. Das kleine Bild der Weihnachtskrippe weitet sich. Große Landschaften, prächtige Bauten erstehen vor unserem Blick. Da sehen wir gar eine Krippe, in deren Hintergrund der Vesuv mächtige Rauchwolken gegen den Himmel speit. So wie die Landschaft weit und reich wird, so ist es auch mit den Personen. Der Stall ist zur Palastruine geworden, in deren hohem Raum in prächtiger Krippe das Jesuskind liegt. Zahlreiche Zuschauer umgeben die Heilige Familie. Es nahen die heiligen Dreikönige. Ein unendlicher Zug, eine große Karawane rückt durch die Wüste an. Mächtige Elefanten, hochbeladene Kamele und ein fast unübersehbarer Tross nahen dem Neugeborenen, um ihm zu huldigen, um das Kind zu verehren. Vom 17. Jahrhundert an entstehen diese Krippen, die mit ihrem Reichtum unseren Blick stundenlang fesseln. Ein Menschenalter musste wohl fast vergehen, bis so ein Werk vollendet war.

 

Zu jener Zeit begann man auch, die Krippenfiguren aus Wachs zu machen und mit Perücken zu versehen. Stoffkleider zog man den kleinen Figürchen an, gab ihnen auch reichen Schmuck und manchen Tand. Wir staunen über all die Kostbarkeit, die da beisammen ist: Silber- und Goldschmuck, Edelsteine und Diamanten, zierlichste Goldschmiedearbeit.

 

Das 19. Jahrhundert wird dann wieder einfacher. Die Figuren sind weder aus Holz geschnitzt noch aus Wachs bossiert, sondern wurden auf Papier gemalt, auf Karton geklebt und dann ausgeschnitten. Doch auch diese einfache Art hatte ihren Reiz. Sie gab den Kindern Gelegenheit, sich selbst eine Krippe zusammenzustellen.

 

Die Krippenkunst ist von Haus aus eine volkstümliche Kunst. Der einsame Bergbauer hoch oben in den Bergen schnitzt, wenn um das Haus herum tiefer Schnee liegt, emsig an den kleinen Figürchen, die seine lebhafte Phantasie ihm vorgaukelt. Ein Stück der alten Zirbel hat ihn dazu verlockt, und nun wird daraus das Jesuskindlein, und mit Inbrunst sucht er die Mutter Gottes recht schön darzustellen. In der Stadt sitzt nach des Tages Mühe der Handwerker in seiner Stube. Eine Freude hat auch er. Er nimmt ein Stück Holz zur Hand, und langsam formt er daraus den neugierigen Esel, der im Stall des Christkindleins noch fehlt. Der Bürger versucht es gar mit dem Wachsbossieren. Ein liebliches Gesichtchen ziert die Mutter Gottes, die voll Stolz auf den Kleinen sieht. So sind Jung und Alt, Städter und Bauer in gleicher Weise tätig. Es ist die Kunst, die aus dem Innern kommt. Dies wunderbare Geschehen der heiligen Nacht klingt so mächtig in des Menschen Herzen wider, dass es Gestalt werden muss; und so entsteht Figur um Figur, und bald ist alles in Glanz und Farbe vollendet.

 

Überall in den Landen entstehen Krippen. Wir erkennen jedoch gar bald, woher sie sind. Der Italiener hat seine großartigen Ruinen, der Tiroler kann von seinen Bergen nicht lassen, und norddeutsches Können zeigt sich in den Fachwerkbauten der Ebene.

 

Wenn dann aber ein großer Künstler kommt und mit zauberhaftem Können die reiche Fülle hoher Kunst in dieses Geschehen hineingeheimnisst, dann erfasst uns Höchstes und Tiefstes, und aus dem einfachen Ereignis wird das große Weltgeschehen: Christus ist geboren!