Eine sinnige Feier

 

Mariä Krönung

 

O Menschenkind, sieh deinesgleichen

Auf ew`gem Thron im Königskleid!

O sieh der Engel Glanz erbleichen

Vor ihrer Wunderherrlichkeit!

 

O sieh, eine Frau, aus Staub geboren,

Beherrschend jetzt den Cherubim!

Eine Frau, die einst die Welt verloren,

Jetzt – aller Himmel Königin!

 

Eine sinnige Feier

 

Am 15. August kann man in manchen katholischen Kirchen ein eigentümliches Bild beobachten. Im Rauchmantel steht der Priester an den Stufen des Hochaltars und betet. Vor ihm liegen Dutzende von Blumenbüscheln, die die Gläubigen, besonders die Kinder, in Feld und Wald gesammelt, in die Kirche gebracht und hier niedergelegt haben. Ist der Priester mit dem Gebet zu Ende, so segnet er die Blumen, besprengt sie noch mit Weihwasser und beräuchert sie mit Weihrauch.

 

Woher stammt diese Sitte, und was will die Kirche mit ihren Zeremonien und Gebeten bezwecken?

 

Eine alte Legende sagt, dass der heilige Leib Marias nach ihrem Hinscheiden in ein Felsengrab gelegt worden sei. Am dritten Tag sei noch der Apostel Thomas angekommen und habe den Wunsch ausgesprochen, den heiligen Leichnam der Mutter seines göttlichen Meisters zu sehen. Dann sei das Grab zwar geöffnet worden, aber statt des Leichnams der Gottesmutter habe man darin frische Blumen gefunden. Somit könne die Weihe der Kräuter und Blumen am Fest Mariä Himmelfahrt als eine Feier der Erinnerung angesehen werden.

Tiefer noch ist der Zweck der sinnigen Zeremonien in dem Gebet ausgesprochen, das der Priester bei der heiligen Weihe spricht. Kurz zusammengefasst ist sein Wortlaut:

 

„Allmächtiger, der du Himmel und Erde geschaffen und fort und fort mit Macht erhältst, segne durch die Fürbitte Marias diese Kräuter, wie du gesegnet hast die fünf Brote und die zwei Fische, segne alle Menschen, die davon Gebrauch machen, damit sie ihnen gedeihen zur Gesundheit der Seele und des Leibes; halte ab vom Vieh, welches davon kostet, jeden Unfall, jede Krankheit, jede schädliche Einwirkung.“

 

Wenn dann, wie es Sitte ist, eine sorgsame Mutter einen Teil der gesegneten Kräuter im Stall aufhängt und von Zeit zu Zeit etwas davon in das Futter für das Vieh mischt, oder wenn sie beim Gewitter etliche Blätter ins Herdfeuer wirft, so ist das kein Aberglaube, sondern nur eine Kundgebung wohlbegründeten Vertrauens auf das Gebet der Kirche, dessen sich niemand, auch der Gebildetste nicht, zu schämen braucht.

 

Der geweihte Büschel soll aber nicht bloß vor Schaden in irdischen Dingen schützen, sondern auch „gedeihen zur Gesundheit der Seele“, und das kann insbesondere dadurch geschehen, dass wir uns beim Anblick des geweihten Büschels beständig erinnern lassen, dass an Gottes Segen alles gelegen ist.