Wege zum Unglauben

 

1. Zwei Hauptquellen des Unglaubens.

 

„Es ist noch nicht allzu lange her“, schreibt L. Schwarz, „dass dem Schreiber dieser Zeilen gelegentlich eines Besuches in einem Krankenhaus ein unglücklicher Patient – noch ehe er an seinem Bett angekommen war – zornig und abweisend entgegenrief: „Mit mir brauchen Sie sich nicht zu unterhalten, ich habe für Ihren Besuch kein Interesse, weil mir die ganze Religion nichts wert ist! Ich bin seit dreißig Jahren in keine Kirche mehr gegangen, und weil ich von dieser Anstalt keinen Gebrauch mehr machen wollte, bin ich auch gleich ausgetreten. Wenn ich gestorben bin, können Sie meine Knochen verbrennen oder auf den Misthaufen werfen lassen, denn der Mensch ist ja doch nichts anderes!“ Wie es aber doch dazu kam, dass dieser Kranke, ein armer Arbeiter, acht Wochen später im Frieden Christi starb, das möge auf Erden Geheimnis bleiben, bis er es vielleicht selbst einmal drüben im Jubel der Glorie erzählt. Einen Satz aber, den er beim letzten Besuch gesprochen hat, will ich hier niederschreiben: „Hochwürden, die ganze Glaubenslosigkeit kommt schließlich von nichts anderem als vom schlechten Leben oder vom Nichtsdenken.“

 

2. Unwissenheit. Irgendwo war eine große Versammlung.

 

Die Leute drängten und stießen sich, um in die Nähe des Redners zu kommen. Dieser führte eben einen Spruch aus der Heiligen Schrift an. Mit gläubiger Ehrfurcht. Da tönte ihm plötzlich aus den Reihen der Zuhörer die freche Frage entgegen: „Wer glaubt denn heute noch an die Bibel? Ich jedenfalls nicht. Das ist doch längst alles überholt.“ Der Redner hielt inne. Seine Augen suchten nach dem Mann, der die Frage gestellt hatte. Dann holte er einen Zwanzigmarkschein aus der Tasche, hob ihn in die Höhe, dass alle ihn sehen konnten, und sagte zu dem, der ihn unterbrochen hatte: „Sie meinen, Sie könnten sich über die Heilige Schrift lustig machen und sie ablehnen. Wenn das ein Mann tut, der sich lange Jahre mit der Bibel beschäftigt hat und sie gut kennt, so ließe sich mit ihm reden. Aber ich bin überzeugt, dass Sie die Heilige Schrift ablehnen, ohne sie zu kennen. Hören Sie – und alle anderen sind Zeugen –, diese zwanzig Mark können Sie sich jetzt gleich verdienen, wenn Sie mir zwölf Aussprüche der Heiligen Schrift sagen.“ Langes Schweigen. Die Worte des Redners waren unter lautloser Stille in den Saal gerufen worden, und es war, als schwebten sie noch immer über der Menge. Man wartete atemlos auf die Antwort. Aber sie kam nicht. Der Frechling drehte und wendete sich und suchte sich hinter seinen Kameraden zu verbergen, von denen keiner ihn aus der kritischen Lage retten konnte. Alles schaute erwartungsvoll auf den Redner. In vollkommener Selbstbeherrschung, mit klarer Stimme fuhr er fort: „Vielleicht habe ich zu viel verlangt. Ich will ihnen noch mehr entgegenkommen. Sie erhalten die zwanzig Mark, wenn Sie auch nur sechs Aussprüche wissen.“ Wieder verlegenes Schweigen. Die Leute fingen schon an zu lächeln und warteten gespannt auf den Ausgang der Sache. „Nun gut“, fuhr der Redner fort, „Sie bekommen die zwanzig Mark auch schon, wenn Sie nur zwei Sprüche kennen. Weiter herunter kann ich nicht mehr gehen. Denn Sie werden wohl auch begreifen, dass man einen Mann, der über die Heilige Schrift aburteilen will, obwohl er nicht zwei Aussprüche aus ihr kennt, nicht ernst nehmen kann.“ Der Unruhestifter machte sich unter dem Gelächter des ganzen Saales aus dem Staub, und der Zwischenfall war erledigt.

 

3. Unkeuschheit.

 

Chateaubriand, der berühmte französische Schriftsteller, Apologet und Staatsmann, hatte einmal in seinem Salon zu Paris eine vornehme Gesellschaft von Gelehrten und Künstlern zu Gast. Es waren fast lauter Freigeister. Das zeigte sich auch unverhohlen durch ihren Spott über Glauben und Religion. Chateaubriand, der in seiner Jugend selbst nichts weniger als ein eifriger Katholik gewesen war und seine Pappenheimer wohl kannte, richtete auf einmal an sie die Frage: „“Meine Herren, Hand aufs Herz! Nicht wahr, Sie wären doch wohl alle gläubige Katholiken, wenn Sie die Kraft hätten, keusch zu sein?“ Viele der Herren lächelten, andere schwiegen, keiner sagte nein. Der Satz hatte ins Schwarze getroffen.

 

4. Schlechte Lektüre.

 

Ein Mädchen von noch nicht fünfzehn Jahren las gern schlechte Zeitschriften und Romane. Vater und Mutter waren häufig fort, so war das Mädchen ganz sich selbst überlassen. Als die Mutter eines Tages nach Hause kam, bot sich ihr ein schrecklicher Anblick. Die Tochter lag auf dem Boden, vergiftet durch den Dunst der Kohlen, die neben ihr noch im Ofen glimmten. Das Gesicht war zur Erde gewendet. Zugleich war sie durch ein Taschentuch, das um ihren Hals gewunden war, erdrosselt. Auf der Kommode fand die herbeigerufene Polizei alle irreligiösen und unsittlichen Schriften. Ein Paket schlechter Romane hatte sich das Mädchen als Kissen unter den Kopf geschoben, um so auf den Tod zu warten. Neben ihm fand man einen mit Bleistift geschriebenen Zettel, auf dem die Worte standen: „Ich töte mich. Das einzige, was ich noch von Papa und Mama verlange, ist, dass mein Leichnam nicht über die Schwelle einer Kirche gebracht werde.“ Das arme Mädchen auf den sittenlosen Büchern, die ihm den geistigen und leiblichen Tod brachten: das erschütternde Bild einer durch schlechte Lektüre vergifteten Jugend.

 

5. Verstandesstolz.

 

Der hl. Augustinus wendet sich in seinem Werk „Vom Gottesstaat“ an die Platoniker seiner Zeit mit den Worten: „Ihr könntet Frieden finden in der Wahrheit, aber dazu bedarf es der Demut, die eurem starren Nacken so schwerfällt.“

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1951, Band 12, Seite 10)