Die Wahrheitsliebe

 

Unbekümmert um Lob oder Tadel verteidigten die Heiligen Wahrheit und Recht gegen unbefugte Angriffe, mochten sie selbst vom Kaiserthron oder von Königen und Fürsten ausgehen. Träten alle Menschen so entschieden für die Wahrheit ein, es würde vieles in der Welt besser sein, aber viele Menschen folgen dem Vater der Lüge und verletzen die schöne Tugend der Wahrheit. Liebe die Wahrheit.

 

1. Es ist eine heilige Pflicht, die Wahrheit zu reden, denn Gott hat geboten: „Liebt die Wahrheit.“ (Sach 8,19) „Legt ab die Lüge; redet die Wahrheit ein jeder mit seinem Nächsten.“ (Eph 4,25) Schafft die Wahrheitsliebe aus der Welt, und alle Ordnung löst sich auf, alles Vertrauen schwindet, alle Gesetze sind nutzlos, die Welt verwandelt sich in eine Räuberhöhle. In jedes Menschenherz hat der Schöpfer, der Allwahrhaftige, das Gefühl für die Wahrheit gelegt und wir lieben die Wahrheit an jedem Menschen. Darum bedeckt Schamröte die Wange des Lügners, wenn er noch nicht ganz verhärtet ist. Gott selbst ist die ewige Wahrheit. Wer die Wahrheit liebt und spricht, handelt nach Gottes Vorbild. Die Wahrheitsliebe bringt reichen Segen. Ehrt jede treue Pflichterfüllung den Menschen, dann besonders die Wahrhaftigkeit. Einen aufrichtigen Menschen schätzt man hoch und verkehrt gern mit ihm, selbst der Lügner kann einer Nathanaelsseele seine stille Bewunderung nicht versagen. Aber noch mehr freut sich der Himmel über die Wahrheit. Die Engel und Heiligen blicken mit Entzücken auf eine wahrheitsliebende Seele herab, und Gott selbst hat an einer aufrichtigen Seele ein solches Wohlgefallen, dass er ihr den Himmel erschließt. „Herr, wer wird wohnen in deinem Zelt oder wer wird ruhen auf deinem heiligen Berg? Der ohne Makel einhergeht und Gerechtigkeit übt, der Wahrheit spricht in seinem Herzen, der nicht Falschheit übt mit seiner Zunge.“ (Ps 14) Welch eine segensreiche Pflicht ist es also, die Wahrheit zu reden!

 

2. Verletze niemals die Wahrheitsliebe, denn die Lüge ist ein Gräuel vor dem Allwahrhaftigen. Die Lüge, eine Erfindung des Teufels, kann sich mit dem Allwahrhaftigen nie vertragen, fordert vielmehr seine Strafgerechtigkeit heraus. „Das Betragen lügenhafter Menschen ist ehrlos und die Schande unaufhörlich bei ihnen.“ Selbst die heidnischen Römer hielten jede Lüge und Falschheit eines freien und edlen Mannes unwürdig und pflegten daher dem Lügenden mit einem glühenden Eisen ein Schandmal auf die Stirn zu brennen. Bei den alten Franken und Schwaben wurden überführte Lügner dazu verurteilt, einen räudigen Hund als Schandzeichen ihrer Unverschämtheit auf öffentlichem Markt herumzutragen. Die alten Priester Ägyptens hängten ihrem Fürsten einen Saphir als Sinnbild der Wahrheit an den Hals, um ihn zu erinnern, wie sehr er die Wahrheit lieben und die Lüge verabscheuen solle. Auch jenseits erwartet den Lügner strenge Strafe. „Ein Mund, der Lügen redet, tötet die Seele.“ „Allen Lügnern wird ihr Anteilsein im Pfuhl, der von Feuer und Schwefel brennt.“ (Off 21,8) – Verletze die Wahrheit unter keiner Bedingung. Mag dir ein noch so großer Vorteil in Aussicht stehen, dennoch sollst du die Wahrheit nicht schädigen. Selbst wenn das Heil der ganzen Welt zu gewinnen wäre, darf man doch nicht lügen. Und wenn alle anderen lügen, so darfst du doch ihrem beklagenswerten Beispiel nicht folgen. Du würdest sonst dem Teufel ähnlich, dem Vater der Lüge. Und wenn du vom Bekenntnis der Wahrheit die empfindlichsten Nachteile zu befürchten hättest, so ist es besser, diese zu erleiden, als dein Gewissen zu beschweren. Lüge auch nicht im Scherz, denn auch die ist eine Sünde, und mit der Sünde, dem größten Übel in der Welt, darf man keinen Scherz treiben. Bleibe darum immer der Wahrheit treu, wenn es dir auch noch so schwer werden sollte, sie zu reden! Verschließe deine Ohren vor den lügenhaften Lippen! Duldet, ihr Eltern, besonders bei euren Kindern niemals eine Lüge, pflegt vielmehr mit aller Sorge die große, schöne und segensreiche Wahrheitsliebe, so werdet ihr Gott und den Menschen und Engeln gut gefallen! Amen.