Vorsehung Gottes

 

Was Gott tut, das ist wohlgetan

 

Nahe dem Dorf Anras im Osten Tirols steht das Kirchlein des hl. Antonius mitten in schöner Waldeinsamkeit – es ist wie eine Einsiedelei. Da fiel mir immer wieder die sinnreiche Parabel vom Einsiedler ein.

 

Der Einsiedler hat in seiner Waldeinsamkeit sich gefragt: „Warum geht es draußen in der Welt den Guten vielfach schlecht, den Bösen aber gut? Wo bleibt da Gottes Vorsehung? Wohlan, ich will hinausgehen und die Vorsehung Gottes suchen.“

 

Auf der Straße gesellt sich ein junger Mann zu ihm. Abends kommen sie zusammen in ein hohes Schloss und finden recht freundliche Aufnahme. Doch morgens nimmt der junge Mann heimlich einen silbernen Becher mit. Diesen gibt er dann einem bösen Geizhals, der ihnen gar nichts gegeben hat – wie gierig funkeln die Augen des Geizhalses beim Anblick des silbernen Bechers!

 

Der Einsiedler und der junge Mann wandern weiter und suchen Rast in einem ärmlichen Haus. Die Leute haben da zwar selbst wenig, geben aber vom Wenigen gern. Beim Abschied wirft der junge Mann einen Feuerbrand ins Haus, dass lichterloh die Flammen emporzüngeln. Den Einsiedler packt Grauen vor seinem Begleiter. Nur ungern folgt er ihm ins Gebirge. Da dringt Wehklagen aus einem einsamen Gehöft. Vater und Mutter weinen am Krankenbett des einzigen Kindes. Der junge Mann bereitet einen Trank für das kranke Kind. Es schlürft fieberglühend den Trank und stirbt sogleich.

 

Jetzt aber geht dem Einsiedler die Geduld vollends aus. Im Wald stellt er den unheimlichen jungen Mann zur Rede: „Warum machst du so etwas? Dem Geizhals hast du geholfen, aber den guten Leuten geschadet!“ In diesem Augenblick erscheint der junge Mann wunderschön in himmlischem Lichtglanz und sagt feierlich: „Ich bin ein Engel vom Himmel, ein Bote Gottes! Du hast gezweifelt an Gottes Vorsehung. Du hast gestaunt, warum ich dem edlen Schlossherrn den silbernen Becher genommen und ihn dem Geizhals gegeben habe – der Becher war vergiftet, bringt dem Geizhals seiner Sünden Lohn. Du hast dich gewundert, warum ich den armen Leuten das Haus angezündet habe – sie werden im Schutt bald einen Schatz finden als reichen Lohn ihres guten Willens. Du hast gezürnt, dass ich dem kranken Kind nicht einen Heiltrank gereicht habe – das Kind wäre sonst später ein Verbrecher geworden, jetzt ist es glückselig im Himmel. Siehe, nach dem Willen Gottes habe ich alles richtig gemacht als Bote Gottes.“ So spricht der Engel und verschwindet.

 

Der Einsiedler kniet reumütig nieder und bittet Gott um Verzeihung. Fortan bekennt er demütig:

„Was Gott tut, das ist wohlgetan,

Wenn ich`s auch nicht begreifen kann.“