Die Vorbereitung auf den Tod

 

Zwischen Spanien und Marokko liegt die bekannte Meerenge von Gibraltar. Sie ist so eng, dass man einen Kanonenschuss, der auf der spanischen Küste abgefeuert wird, an der afrikanischen Küste deutlich vernimmt; ihre Enden aber laufen in zwei gewaltige Wasserbecken aus: in das Mittelmeer und in den atlantischen Ozean. Bei der Betrachtung dieser Fahrstraße schreibt schon der heidnische Reisende Plinius der Ältere voll Staunen: „Durch eine so kleine Öffnung gelangt man in so ungeheuere Fluten!“

 

Auch der Tod verbindet zwei unermessliche Meere miteinander, zwei endlose Ewigkeiten: den Himmel mit seiner Pracht und die Hölle mit ihrer Pein. Und er ist gleichfalls ein überaus enger und schmaler Weg, so eng, dass man, um hindurch zu kommen, all sein Besitztum, Haus und Hof, Geld und Gut, Ehre und Reichtum und sogar seinen Leib zurücklassen muss. Ja, selbst die Seele wird durch ihn arg bedrängt und mit vielerlei Schmerzen gequält.

 

Die leiblichen Schmerzen des Todes sind vielleicht nicht größer als andere, die man im Leben erduldet. Denn in dem Maße, als die Sinne schwinden, wird die Empfindsamkeit vermindert und betäubt: es geht wie bei einem Feuer, dessen Flammen langsam erlöschen, sobald das Holz in Asche zerfällt. Um so lebendiger sind aber die Leiden der Seele. Die körperliche Schwäche würde wohl allein schon genügen, um uns dann alle Kraft, allen Mut, alle freudige Tätigkeit zu nehmen; nun aber gesellen sich Vergangenheit und Zukunft zur Gegenwart, um uns zu foltern. In der Gegenwart fühlt die Seele angesichts der Wichtigkeit der letzten Stunde eine solche Ohnmacht, dass sie in Verzweiflung vergehen würde, wenn sie kein Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit hätte. Die Ewigkeit wirft ihre Schatten auf das Sterbebett wie ein Bergriese, der beim Sonnenuntergang das ganze Tal in Dunkel hüllt. Die längst begrabene Vergangenheit lebt wieder auf und zeigt dem armen Sterbenden all seine Fehler in erschreckender Gestalt. Was er früher als Kleinigkeit betrachtet hat, kommt ihm jetzt voll Bosheit vor; Gemeinheiten, über die er gelacht, drücken wie eine Zentnerlast auf sein Gewissen. Dabei erkennt er ganz klar, dass neben jeder Sünde eine Gnade lag und dass er mit dieser Gnade die Sünde nicht nur hätte vermeiden, sondern sogar durch einen Tugendakt ersetzen können. – Endlich verursacht das baldige Erscheinen des Richters jedem, auch dem Gerechtesten, eine leicht begreifliche Besorgnis. Er soll ihn empfangen im hochzeitlichen Kleid und mit brennender Lampe in der Hand, und doch hat er, ach! so viel Grund zu fürchten, das Öl der Liebe, das er gesammelt, möchte nicht ausreichen bis zu seiner Ankunft, das Hochzeitskleid möchte Flecken haben, die das reinste Auge des Allwissenden nicht ertragen könnte. Und wenn dem so wäre, was dann? Welch gefährliche Lage: oben der Himmel, unten die Hölle, zwischen beiden – in Ungewissheit über ihr Los – die menschliche Seele!

 

Mit dieser Beschreibung des Todes stimmt überein, was erfahrene Ärzte vom Sterben sagen. Sie glauben nachgewiesen zu haben, dass der so genannte (leibliche) Todeskampf ein Übergangszustand zwischen Leben und Tod ist und zwar ein schmerzfreier Zustand. Mit dem geistigen Todeskampf ist es eine andere Sache. Dass der innere Blick auf Vergangenes und Zukünftiges größere Klarheit gewinnt, scheint unwidersprechlich. Ob aber der eigentliche Seelenkampf leicht oder schwer wird, hängt von dem Seelenzustand des Sterbenden im ganzen ab, vom Gläubig- oder Nichtgläubigsein, von dem Gefühl der persönlichen Verantwortlichkeit, von dem Zeugnis des Gewissens. Tönt diese Stimme im Inneren rein und klar, zugleich mit einer wohlgegründeten Hoffnung auf das Leben, das auf dieses folgt, so kann der Tod ein seliger werden; und das ist gewiss etwas, worum jeder Gott bitten muss. Dies hat unsere Väter ein alter Liederdichter (Kingo) gelehrt, da er beim Anbruch der Nacht den Wächter einen Vers singen ließ, welcher also lautete:

 

Wenn sich die Schatten senken,

Die Sonne steigt hinab,

So lässt die Stund` uns denken

An unser düst`res Grab.

 

O Jesu, Licht aus Gott,

Leucht` uns bei jedem Schritt,

Geh` bis zum Grabe mit,

Gib einen sel`gen Tod!

 

In diesen Worten liegt auch eine ernste Aufforderung, sich auf den Tod vorzubereiten. Und in der Tat; wenn jemand ohne alle Vorbereitung eine beschwerliche Reise antreten wollte, von der noch dazu der Verlust seines ganzen Vermögens oder der Gewinn unermesslicher Reichtümer abhinge, so würde man ihn als einen verwegenen Abenteurer oder als einen Irrsinnigen betrachten. Noch weit unverantwortlicher wäre es, ohne alle Vorsorge dem verhängnisvollen Tod entgegenzugehen.

 

Ein gutes Mittel, sich einen seligen Tod zu sichern, ist schon die Gewohnheit, oft an den Tod zu denken. Schwer können uns derartige Gedanken jedenfalls nicht fallen, weil wir von Bildern des Todes rings umgeben sind. Jeder Tag hat seinen Abend: der Abend ist sein Todeskampf, die Nacht sein Tod. Jedes Jahr hat wie seine Jugend: den Frühling, so auch sein Greisenalter: den Herbst, und seinen Tod: den Winter. Jeder Baum, der seine Blätter verliert, jeder Strauch, der kahl dasteht, jede Blume, die verblüht, ruft uns zu: „Gedenke, o Mensch, dass du sterben musst!“ Das Murmeln des Baches, das Rauschen des Stromes erinnert uns ans Sterben; denn langsamer oder schneller fließt seine Welle dahin, bis sie ihr Grab im Meer findet. Die schönsten Häuser werden altersgrau, die festesten Türme kommen dem Einsturz nahe; das sagt uns: „Wenn der Tod es selbst den Steinen antut, um wie viel rascher wird er mit dem gebrechlichen Menschen fertig werden!“ Worin bestehen unsere Speisen als in totem Fleisch und in toten Früchten? Das Brot, das wir essen, wurde aus zerriebenen Körnern gebacken; der Wein, den wir trinken, ist aus abgeschnittenen Trauben gekeltert.

 

Freilich wollen viele diese Todesmahnungen nicht verstehen; ja, sie fliehen den Gedanken an den Tod und halten es fast für eine Verletzung des Anstandes, wenn man in einer Gesellschaft nur das Wort „Tod“ ausspricht. Klug ist das nicht; denn niemand kann dem Tod dadurch entrinnen, dass er seine Nähe scheut. Viel klüger wäre es, seinen Lehren ein offenes Ohr zu leihen. Er belehrt uns über die Hinfälligkeit alles Irdischen, über die Vergänglichkeit der menschlichen Größe, über die Eitelkeit ängstlicher Sorge für das Zeitliche. Er löst unser Herz los von den Geschöpfen, weil sie uns schließlich doch nur bis zum Grabesrand begleiten. Er macht uns in unseren eigenen Augen klein, indem er uns unsere Armseligkeit zum Bewusstsein bringt. Darum heißt es auf dem großen Kreuz in der Mitte des Friedhofes zu Ober-St. Veit in Wien ganz richtig: „Gehe zu den Gräbern der Toten; sie sind Lehrstühle tiefer Wissenschaft und eine Schule der Demut!“

 

Weil wir aber aus uns selbst im Leben und im Sterben so arm und schwach sind, müssen wir uns um so inniger an Gott anschließen und ihn recht oft um die nötigen Gnaden zu einem guten Tod bitten. Die Kirche leitet uns täglich dazu an im englischen Gruß und in vielen ihrer anderen Gebete. Was sind das aber für Gnaden? Vor allem die Gnade der Beharrlichkeit, d.h. dass wir im Guten ausharren bis zum Tod und bereit befunden werden, wann der Herr kommt; sodann, dass wir nicht sterben ohne die heiligen Sakramente, nicht ohne den Segen und die Ablässe der Kirche. Wir können ferner beten um vollkommene Reue, vollkommene Liebe, gänzliche Ergebung in Gottes heiligen Willen und, wenn es dem Herrn so gefällt, um den Gebrauch der Vernunft bis zum Ende. Durch möglichst gute Benützung der letzten Augenblicke kann man ja vieles wieder gut machen, was man im Leben gefehlt hat. Der reuige Schächer hat sich noch am Kreuz so zu Gott gewendet, dass der Heiland selbst ihm verhieß: „Heute noch wirst du bei mir im Paradies sein!“ Was die Zeit, den Ort und die Umstände des Todes angeht, so wollen wir das Gott überlassen. Wir wissen nicht, was in dieser Hinsicht für uns das Beste ist, und vielleicht wäre gerade das Gegenteil von dem, was wir wählen würden, zu unserem Heil.

 

Manche fromme Personen haben die nicht genug zu lobende Gepflogenheit, jeden Monat einen Tag der besonderen Vorbereitung auf den Tod zu widmen. Sie empfangen dann die hl. Sakramente, machen eine geistliche Lesung und verrichten einige bestimmte Gebete. In Kirchbichl in Tirol starb am 17. Januar 1905 Pfarrer Josef Konrad plötzlich und unerwartet. Gegen 15.30 Uhr nachmittags hatte er sich wie gewöhnlich in die Kirche begeben, um dort seine Anbetungsstunde zu halten. Jedoch kaum hatte er dieselbe begonnen, als er, von einem Schlaganfall getroffen, tot zusammenbrach. Ein in der Kirche anwesender Mann eilte herbei und fand das entseelte Haupt seines Pfarrers auf das Betrachtungsbuch gelehnt, in welchem gerade jene Seite aufgeschlagen war, wo die „Vorbereitung auf einen guten Tod“ stand. Wie wird der edle Priester im Jenseits alle Stunden gesegnet haben, die er auf dieses wichtige Geschäft verwendet hatte! – Man könnte für eine solche Monatsandacht füglich das unten stehende geistliche Testament des hl. Karl Borromäus benützen.

 

Mehr als die übrigen haben wohl jene ein Anrecht auf Gottes Barmherzigkeit beim Sterben, die nicht nur für sich selbst beten, sondern auch für die anderen Sterbenden und die sich überhaupt nach ihren Kräften und Verhältnissen der Sterbenden annehmen. Denn wie man mit dem bestraft wird, worin man gesündigt hat, so wird man auch in dem belohnt, worin man Gutes getan hat. An vielen Orten besteht eine vom Heiligen Stuhl mit zahlreichen Ablässen versehene Bruderschaft unter dem Titel des Todesangst leidenden Herzens Jesu und des mitleidsvollen Herzens Mariä. Sie ist von Papst Pius IX. in Jerusalem errichtet worden und hat zum Zweck, die inneren Leiden, welche das göttliche Herz Jesu, namentlich am Ölberg, erduldete, wie auch die Schmerzen der Muttergottes zu verehren und dadurch den Sterbenden einen guten Tod zu erflehen.

 

Das Hauptmittel eines seligen Todes ist ein gutes, christliches Leben. Denn es bleibt ewig wahr, was das Sprichwort sagt: „Wie gelebt so gestorben.“ „Der stirbt nicht leicht gut,“ sagt der hl. Augustin, „der schlecht gelebt hat, und wer gut gelebt hat, kann nicht schlecht sterben.“ Der Grund ist einleuchtend. Was könnte den beunruhigen, der sein Leben lang Gott treu gedient und die Sünde gemieden hat? Als der hl. Martin, Bischof von Tours, am Sterben lag und vom bösen Feind in Gestalt eines hässlichen Ungetüms versucht wurde, antwortete er ihm: „Was stehst du da, du grausames Ungeheuer? Du wirst nicht Unrechtes an mir finden.“ Umgekehrt strahlen alle im Leben vollbrachten guten Werke wie ebenso viele freundliche Abendsterne durch die Nacht des Todes hindurch. Alle Verdienste, die man sich erworben hat, umsäumen das Sterbelager mit Freude und Trost und versüßen die Bitterkeit des Scheidens von dieser Welt mit dem Vorgeschmack der himmlischen Seligkeit. Dazu kommt, dass der eifrige Christ im Kampf geübt ist. Wie einst David vor dem Zweikampf mit Goliath auf seine früheren Heldentaten hinweisen konnte: er fürchte sich nicht vor dem Riesen, weil er schon im Haus seines Vaters Löwen und Bären erschlagen habe, so kann er die Anfechtungen des Teufels getrost erwarten. Und wie David Goliath mit einigen Steinchen erlegte, so kann er mit einigen kleinen Gebetchen, die ihm geläufig sind, die ganze Hölle besiegen. „Tun wir also,“ mahnt mit Recht ein Geisteslehrer, „alles so, wie wir beim Sterben wünschen werden, es getan zu haben. Wenn unser Angesicht in einen Sonnenuntergang blickt, so sieht es golden aus; so auch unser Leben, wenn es stets dem kommenden Tod ins Angesicht schaut.“