Die Volkssprache in der Liturgie

 

von Erich Dolderer

 Zusammenfassung aus „Theologische Quartalsschrift“

 Schwabenverlag AG, Stuttgart 1947


(Wie aus der Presse zu entnehmen war, ist mit Zustimmung der deutschen Bischöfe der Entwurf eines einheitlichen deutschen Rituals geschaffen worden. Es soll den Gebrauch der Volkssprache vor allem bei den sakramentalen Handlungen weitgehend ermöglichen und sich zunächst auf den Taufritus, den Versehgang, die Eheschließung und die Beerdigung sowie auf die damit verbundenen Segnungen erstrecken. Wir bringen zu dem Problem der Verwendung des Lateins bzw. der Volkssprache in der Kirche zwei Stimmen, eine etwas zurückliegendere aus Deutschland und eine neuere aus England.)

 

Zur Zeit Christi und der Apostel war in Palästina das Aramäische Volkssprache. In dieser Sprache hat Jesus die frohe Botschaft verkündet, seine Jünger das Vaterunser gelehrt und das letzte Abendmahl gefeiert.


Nach dem Vorbild des Herrn werden auch die Apostel in der Urgemeinde das „Brotbrechen“ in der aramäischen Landessprache gefeiert haben. Als sie aber ihre Missionstätigkeit über Palästina hinaus ausdehnten, mussten sie für Predigt und Gottesdienst eine dem jeweiligen Volk verständliche Sprache wählen.


Die Apostel selbst und ihre Mitarbeiter haben dabei für Predigt und Gottesdienst im Wesentlichen wohl nur die griechische Sprache benützt. Diese war ihnen schon aus Palästina bekannt, wo sie damals ziemlich verbreitet war. Bis zum Ende des zweiten Jahrhunderts war das Griechische im ganzen Mittelmeerraum – zumindest in den Städten, wo sich ja die ersten Christengemeinden bildeten, und auch in Rom – die allgemein verstandene, ja weithin die vorherrschende Sprache.


So wurde das Griechische die Muttersprache auch der römischen Liturgie. Bis um die Zeit Konstantins d. Gr. wurde die römische Liturgie griechisch gefeiert, wenn vielleicht auch nicht ausschließlich.


Als im Abendland das Griechische mehr und mehr außer Gebrauch kam und nicht mehr verstanden wurde, trat zunächst in Nordafrika und Spanien sowie in den Landgemeinden Italiens die Volkssprache, das Lateinische, an seine Stelle, am spätesten in Rom selbst. Auch im Osten traten zu der anfangs so allgemeinen griechischen Kultsprache mehrere Volkssprachen hinzu. Es erschien natürlich, dass der Gottesdienst in einer verständlichen Sprache gefeiert werde. So setzte sich die Volkssprache durch, und es entstanden zu verschiedenen Zeiten die syrische, die koptische (ägyptische), die armenische, die georgische und die äthiopische (abessinische) Liturgie. Auch die germanischen Goten bekamen Bibel und Liturgie in ihrer eigenen Sprache. In Konstantinopel war es Johannes Chrysostomus, der den katholischen Goten die Liturgie in ihrer Sprache erlaubte; er stellte eigens eine Kirche für die gotische Liturgie zur Verfügung und hielt den Goten eine griechische Predigt, die von einem Dolmetscher übersetzt wurde.


Selbst in der Zeit, als schon die Verfestigung und Vereinheitlichung der Kultsprache eingetreten war, trug das Prinzip der Volkssprache in der Liturgie noch einmal einen großen Sieg davon: es war dies die Schaffung der slawischen Liturgie durch die heiligen Glaubensboten Cyrill und Methodius. Methodius führte die (römische) Liturgie in slawischer Sprache in Mähren und Slawonien ein.


Beim deutschen Volk wurde die Liturgie aus Gründen missionsgeschichtlicher, teilweise auch politischer Art, von Anfang an stets in lateinischer Sprache gefeiert. Merkwürdigerweise gab es hier anfangs kaum Versuche, eine volkseigene Kultsprache zu erhalten. Das hängt mit dem politischen Akzent der Germanenbekehrung und mit der völligen Inanspruchnahme der schöpferischen Kräfte durch den Aufbau des Reiches zusammen. Dass die deutsche Sprache nicht liturgiefähig gewesen oder wenigstens geworden wäre, lässt sich nicht mit gutem Gewissen behaupten. Sie hatte ja gar keine Möglichkeit und Gelegenheit, ihre Liturgiefähigkeit zu beweisen oder zu entwickeln. Die ersten Anfänge, welche sich bei Otfried von Weißenburg und bei Notker von St. Gallen zeigen, beweisen wohl die Liturgiefähigkeit der deutschen Sprache. Die Evangelienharmonie des Weißenburger Mönches Otfried beginnt mit folgenden, auch für unser Thema bedeutungsvollen und denkwürdigen Versen:

 

Da die Völker ihren Ruhm zu erhöhen stets sinnen,

in eigner Zunge zu schreiben beginnen,

warum sollten die Franken allein entbehren,

Gott auf fränkisch zu loben und zu ehren! . . .

Auch der Franken Worte sollen den loben,

der sie im Glauben zu sich erhoben.

 

Es blieb bei diesem Wunsch Otfrieds. In der Liturgie jedenfalls blieb es dem deutschen Volk versagt, Gott in seiner Zunge zu loben. Dies war sicher mit ein Grund – neben manchem anderen – dass sich die Frömmigkeit des deutschen Volkes im Mittelalter weithin neben der Liturgie her entwickelte. Die gottesdienstliche Feier, die Liturgie, war nicht mehr die Lebensschule der Christen, wie es im christlichen Altertum der Fall gewesen war. Der Naumburger Dom mit seinem hohen, hinter dem Lettner völlig verborgenen Klerikerchor kann wie mancher andere Dom ein Bild davon geben, wie entrückt und fern der Gottesdienst für den einfachen Gläubigen sich abspielte: räumlich entfernt, durch den Lettner abgeschlossen, durch die lateinische Sprache fremd, in den Zeremonien nicht unmittelbar ansprechend und verständlich. Der Gemeindegottesdienst war zum Klerikergottesdienst geworden. Die Gemeinde war aus ihrer mithandelnden Stellung in eine zuschauende gedrängt worden. Losgelöst vom Herzschlag der betenden Kirche, begann sie nun, ihren eigenen Weg in der Frömmigkeit zu gehen. Sie wuchs in ihrem Glauben und Beten nicht mehr in jener unmittelbaren Verbundenheit mit den hl. Mysterien auf wie einst. Die Folge war, dass der Glaube weithin seine lebendige Fülle verlor, bis schließlich das schier Unmögliche möglich wurde: dass die Reformation das Herzstück des katholischen Glaubens, die eucharistische Feier, als Götzendienst hinstellen konnte und mit solcher Aussage Glauben fand.


Die Reformation griff das Problem auf und schenkte ihren Gläubigen eine deutsche Liturgie, richtiger eine deutsche Ersatzliturgie in ihrem deutschen Kirchenlied und ihrer deutschen Messe. Mit den neuen Liedern sang die Reformation auch ihren neuen Glauben in die Herzen der Menschen hinein. Die Verwendung der deutschen Sprache beim Gottesdienst hat der Reformation ungeheuer genützt. Aber eine tiefe Tragik liegt darüber: Das Recht, das einst den Christen von Syrien, Ägypten, Rom zugestanden war, in ihrer eigenen Sprache den Gottesdienst zu feiern, gaben die Reformatoren ihren Gläubigen – aber sie entleerten dabei den Gottesdienst und nahmen ihm sein Tiefstes, indem sie den eigentlichen Inhalt der eucharistischen Feier, das Opfer des Herrn, missverstanden und verwarfen. So schnitten sie der Liturgie das Herz heraus und zerstörten damit ihr tiefstes Wesen. Dass darum die Gegenreformation auch in der Sprachenfrage eine entgegengesetzte Haltung einnahm, ist nur zu verständlich.


Auf dem Konzil zu Trient (1545 bis 1563) kam die Frage der Volkssprache in der Liturgie zur Verhandlung. Es ist überaus bezeichnend, wie vorsichtig und zurückhaltend das Tridentinum seine Haltung formuliert. Als häretisch wird nur der Grundsatz verworfen, dass die hl. Messe in der Volkssprache gefeiert werden müsse: „Wenn jemand sagt, die Messe dürfe nur in der Volkssprache gefeiert werden, der sei im Bann“.


Auch in der nachtridentinischen Zeit kam das Problem der Kultsprache nicht zur Ruhe. Immer wieder wurde es neu aufgegriffen, leider zumeist von unkirchlicher oder häretischer Seite, so vom Jansenismus, Gallikanismus und Josephinismus. Dass die von dieser Seite ausgehenden Forderungen der Volkssprache in der Liturgie verurteilt werden mussten, ist klar; denn sie waren aus giftiger Wurzel hervorgewachsen und mit mancherlei falschen und häretischen Anschauungen verknüpft.


Auch in der Aufklärungszeit zu Ende des 18. Jahrhunderts war das Streben nach stärkerer Verwendung der Volkssprache im Gottesdienst durch die Verquickung mit rationalistischen und nationalkirchlichen Bestrebungen vergiftet. Die Aufklärung sah im Gottesdienst nur den Zweck der Erbauung und Belehrung und hatte wenig oder gar kein Verständnis für den Hauptzweck der Liturgie: den Dienst Gottes in Anbetung und Hingabe. Weil ihr Streben nach der Volkssprache vielfach aus einer kranken Wurzel kam, konnte es auch bei der Kirche keine Billigung finden, erst recht natürlich nicht der Deutschkatholizismus und der Altkatholizismus, die im Zeichen der glatten Häresie und des offenen Abfalls standen und ihren Gottesdienst bald deutsch einrichteten.


Interessant und lehrreich ist in diesem Zusammenhang die Äußerung eines Schweizer altkatholischen Bischofs: „Die Altkatholiken sehen heute selbst ein, dass sie es falsch angefangen haben. Sie glaubten, Durch die Übersetzung ins Deutsche allein das Volk wieder an die Liturgie heranzuführen und dadurch zu gewinnen. Aber ihre Kirchen wurden wenig besucht, ihre Bewegung blieb klein, und ihre Anhänger gehen nicht häufig zu den Sakramenten. Die katholische Kirche hat es richtig gemacht“, fügte er hinzu. „Sie begann mit Pius X. in der eucharistischen Bewegung, das gläubige Volk wieder zum Tisch des Herrn hinzuführen. Und dann hat sich aus der eucharistischen die liturgische Bewegung entwickelt.“


Daraus ersehen wir auch: die Sprachenfrage ist nicht die wichtigste. Sicher ist es besser, wenn die Messe lateinisch in vollen Kirchen gefeiert wird, als wenn die Liturgie zwar deutsch gefeiert wird, aber vor leeren Bänken.


Die Volkssprache in der Liturgie ist nicht eine Frage des Dogmas, sondern der Disziplin. Wer heute im Abendland beinahe ausnahmslos die lateinische Liturgiesprache üblich ist, so darf dieser geschichtlich gewordene Tatbestand nicht dogmatisch begründet und unterbaut werden, als ob es notwendig so sein und bleiben müsse.


Dass jede Änderung hierin der Zustimmung der höchsten kirchlichen Autorität bedarf, wissen wir wohl. Diese Zustimmung und Erlaubnis darf man jedoch auf legalem Weg anstreben; denn von selbst kommt sie nicht. Es ist klar, dass die römische Behörde niemals von sich aus einem Volk den Gebrauch seiner Muttersprache in der Liturgie anbietet. Eine solche Erlaubnis kann erst kommen, wenn das Verlangen von unten, vom Volk bzw. vom Klerus und den Bischöfen her genügend stark geworden ist.


Nachdem die lateinische Sprache bei uns seit mehr als einem Jahrtausend die Sprache der Liturgie ist, wäre es völlig verfehlt, nun etwa die ganze hl. Messe in die deutsche Sprache zu übertragen und sie von einem bestimmten Tag an so zu feiern. Die liturgische Sprache ist veränderlich, denn sie ist nicht Dogma; aber sie ist nicht willkürlich, denn sie ist Geschichte. Aus diesem Grund schon – neben vielen anderen – möchten wir z. B. nicht raten, den Kanon der hl. Messe deutsch zu feiern. Er möge lieber lateinisch bleiben.


Der Grundsatz der geschichtlichen Entwicklung bewahrt uns so einerseits vor allen gewaltsamen und überstürzten Versuchen, in langer Entwicklung Gewordenes radikal umzustoßen und so einen Bruch in der Entwicklung aufzureißen. Er muss uns aber auch die nötige Weite und Großzügigkeit geben, überhaupt Sinn zu haben für kirchliche Reformen und ihre Möglichkeiten zu erkennen und anzubahnen.


Der wichtigste Grund, mit dem die lateinische Liturgiesprache gestützt werden kann, ist die Einheit: „Die lateinische liturgische Sprache, eines der heiligsten und stärksten Bänder, die uns Katholiken der ganzen Welt mit Rom und untereinander verknüpfen“, ist der landläufigste und einleuchtendste Grund, die Beibehaltung der lateinischen Kultsprache zu wünschen.


Ohne Zweifel ist die lateinische Sprache, wenigstens für den Bezirk der abendländischen Kirche und der dazugehörigen Missionen, ein wirklicher Ausdruck der Einheit und auch ein Band, das diese Einheit zu erhalten geeignet ist. Auch aus diesem Grund möchten wir den Kanon der hl. Messe in der lateinischen Sprache lassen. Auch wird das Lateinische seine große Bedeutung für die Verwaltung der Kirche, für das Kirchenrecht, für den Verkehr mit Rom und für die theologische Wissenschaft immer behalten, selbst wenn es in der Liturgie teilweise durch die Volkssprache ersetzt würde. Kirchensprache ist weiter als Kultsprache und hat viele Anwendungsgebiete auch außerhalb des Kultes.


Vor einem Missverständnis müssen wir uns hüten. Wir teilen nicht die Ansicht der Aufklärungszeit, die vermeinte, der Hauptzweck, ja der einzige Zweck der Liturgie sei die Belehrung und Erbauung des Volkes. Der erste und höchste Zweck der Liturgie ist vielmehr der Dienst Gottes, das ist die Anbetung und Verherrlichung des Vaters durch Christus im Heiligen Geist. Allerdings ist die Liturgie in ihren verschiedenen Teilen in verschiedenem Maß und in verschiedener Weise auf das Verständnis und die Teilnahme der Gläubigen angelegt. Nehmen wir etwa die hl. Messe. Es sind Lesungen darunter, Gebete, Gesänge und anderes. Manches ist Sache des Priesters, anderes Sache des Volkes. Manches ist seinem innersten Wesen nach auf Verständnis notwendig angewiesen, anderes wieder nicht.


Da ist einmal das offenbarende, verkündende Wort der Messe in Epistel, Evangelium, Predigt. Dieses Wort wendet sich an den Menschen, will von ihm aufgenommen, verstanden, geglaubt, befolgt werden. Es ist seinem innersten Sinn nach Verkündigung. Die Verkündigung wendet sich ihrem Wesen nach an den Hörer. Das Mitlesen im Schott ermöglicht zwar ein Verständnis, ist aber kein unmittelbares Verstehen der vom Priester verkündeten hl. Botschaft, wie es die Liturgie eigentlich meint. Die Kraft des vom Altar her verkündeten Gotteswortes kann darin nicht ausschwingen. „An sich müsste das Wort in dem Augenblick, da es im Fortgang der heiligen Handlung auftaucht, unmittelbar zum Hörenden gelangen können; das ist aber nach der heutigen Ordnung der Liturgie nicht möglich“ (Guardini).


Und eben darum erstreben wir vor allem an dieser Stelle eine Änderung: dass der Priester die Verkündigung der hl. Botschaft in Epistel und Evangelium fernerhin nicht in einer fremden Sprache, dem Volk den Rücken zukehrend, sagen und singen muss, sondern dass er dies auch in deutscher Sprache tun dürfe. „Der wichtigste Grund, warum die Kirche die Schriftlesung mit der Opferfeier verband, lag ohne Zweifel in der Notwendigkeit, den Gläubigen an der Hand der Hl. Schrift die Wahrheiten des Glaubens beständig in Erinnerung zu bringen . . . Dazu kam, dass in alter Zeit auch die Katechumenen durch das Anhören der Lesungen allmählich in den Inhalt der christlichen Lehre eingeführt werden sollten.“ Gelten diese Gründe bei uns nicht wieder in erhöhtem Maße? Legen sie nicht die Lesung in der Muttersprache nahe?


Außer dem verkündenden oder offenbarenden Wort kennt die hl. Messe aber auch andere Arten: das bittende Wort der Orationen, das preisende der Hymnen (Gloria, Sanctus), das bekennende des Credo. In diesen Stücken redet nicht mehr Gott zu uns, sondern hier richten wir unser Wort an Gott: wir können diese Arten zusammen das betende Wort nennen. Auch hier liegt der Gebrauch der Muttersprache nahe, und zwar bei jenen Teilen, welche Sache des Volkes sind: bei den Gesängen Gloria und Credo, Sanctus und Agnus, sowie Introitus, Graduale, Offertorium und Communio. Auch hier ist eigentlich nichts Neues einzuführen: im sogenannten „Deutschen Amt“, in dem der Priester alles lateinisch betet bzw. singt, das Volk aber seine Lieder zu Gloria und Credo, zu Sanctus und Agnus, zu Introitus, Offertorium und Communio in deutscher Sprache singt, haben wir eine glückliche und brauchbare, über ganz Deutschland hin verbreitete Form, das Volk zu einer wesensgerechten Betätigung und Beteiligung zu führen. Die Gesänge des Volkes in deutscher Sprache, das ist der zweite Wunsch, der sich für die Messe ergibt, wobei der Priester ruhig alles lateinisch beten kann und soll. Dabei wäre langsam anzustreben, dass die Gesänge des Volkes (die bisherigen Liedermessen) sich in Text und Melodie mehr dem Missale anschließen. Aber auch dies nur als eine Form neben dem auch weiterhin gültigen lateinischen Amt. Viel Streit könnte vermieden werden, wenn man nicht eine Form als die allein gültige ausgeben würde, sondern das lateinische und das deutsche Amt ruhig nebeneinander gelten lassen wollte, wie man ja auch Choralamt und mehrstimmiges Amt zugleich gelten lässt.


Neben diesen Arten des Wortes, dem verkündenden und dem betenden, steht in der hl. Messe noch eine Art des Wortes, die wir mit Guardini das vollziehende Wort nennen wollen. Seine ausgeprägteste Stelle hat es in der heiligen Wandlung, im weiteren Sinne können wir aber auch den ganzen Kanon dazurechnen. Hier geht es nicht darum, dass Gott in seinem Wort zu uns spricht wie in den Lesungen, hier geht es auch nicht in erster Linie darum, dass wir unsern Lobpreis zu tragen wie in den Gesängen, sondern hier übt das Wort eine heilige Gewalt aus, es schafft Wirklichkeit, es ruft Christi Opfer aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Der diese Worte spricht, ist eigentlich Christus der Herr. Der Priester ist nur das besonders geweihte und mit Vollmacht ausgestattete Werkzeug, dessen sich der Herr hier bedient. Diese heiligen Worte sind der unmittelbaren Teilnahme der Gläubigen mehr entrückt als die Lesungen und die Gesänge der Messe. Sie sind eigentlich Sache des Priesters als Stellvertreter Christi oder der Gemeinde vor dem Antlitz Gottes. Hier ist es innerlich viel berechtigter als bei den Lesungen und Gesängen, die fremde Sprache zu Wort kommen zu lassen und unter ihrem verhüllenden Schleier das heilige Geheimnis zu vollziehen.


Aus der Vergleichung des Lesungen und Gesänge mit dem Kanon, aus ihrem verschiedenen inneren Charakter erweist sich eine unterschiedliche Behandlung der verschiedenen Messteile hinsichtlich der Sprache als begründet.

So scheint uns also das innere Wesen der verschiedenen Messteile selbst die Berechtigung zu geben, die einen in der lateinischen, die anderen dagegen in der Volkssprache zu feiern.

Wenn wir nun darangehen, konkrete praktische Ziele zu formulieren, so müssen wir uns von großer Behutsamkeit leiten lassen. Nichts könnte dem Anliegen, das uns bewegt, mehr schaden als wildes Reformieren und unbesonnenes Experimentieren. Das würde alles wieder im Voraus vergiften. Nach langjährigem und gründlichem Durchdenken glauben wir jedoch folgende Ziele aufstellen zu dürfen, wobei wir uns bewusst sind, dass es keine kurzfristigen Ziele sind, aber doch – so vertrauen wir – erreichbare:


An der lateinischen Sprache des Kanon möchten wir, wie schon gesagt, aus mehreren Gründen nicht rütteln. Dagegen erstreben wir deutsche Epistel und deutsches Evangelium.

Damit sollen das lateinische Evangelium und die lateinische Epistel nicht abgeschafft werden. In vielen Messen, besonders Privatmessen, auch in manchen Gemeindemessen, Stillmessen oder Ämtern wird der Priester die lateinische Sprache vielleicht vorziehen. Er möge es tun und Epistel und Evangelium lateinisch lesen oder singen.

Daneben aber soll auch die Möglichkeit gegeben werden, Epistel und Evangelium an ihrer Stelle innerhalb der Messe statt in lateinischer in deutscher Sprache zu verkünden, zu lesen oder zu singen. Die vier Stationsevangelien bei Prozessionen kann in manchen Diözesen der Priester lateinisch oder deutsch singen. Die gleiche Methode erstreben wir für die hl. Messe: der Priester kann Epistel und Evangelium lateinisch lesen, oder er kann sie deutsch lesen. Die Auswahl, ob lateinisch oder deutsch, könnte wohl dem Priester überlassen bleiben, es würde sich wohl sehr rasch eine im Allgemeinen gleiche Praxis bilden. Nötigenfalls könnte der Bischof genauere Weisungen geben.


Bei deutscher Lesung müsste sich der Priester natürlich dem Volk zuwenden. Der Gruß vor dem Evangelium und die Einleitungsformel müssten ebenfalls deutsch gesungen werden: „Der Herr sei mit euch“. „Und mit deinem Geiste.“ „Folgendes aus dem hl. Evangelium nach . . .“ „Ehre sei Dir, o Herr.“ Sonst würde sich nichts ändern.


Dies wäre nach unserem Vorschlag das einzige, was der Priester bei der hl. Messe deutsch zu sagen hätte. Alles Übrige würde er lateinisch beten oder singen.

Es sei noch bemerkt, dass unser Wunsch nach deutscher Epistel und Evangelium absolut nichts zu tun hat mit Abschaffung von Privatmesse und Stillmesse. Bei diesen Formen der Messfeier liegt es nahe, auch diese Teile wie bisher in der lateinischen Sprache zu lesen.

Außer den Lesungen sollen die Gesänge der Messe deutsch ausgeführt werden können. Es kommen hier in Betracht Kyrie, Gloria, Sanctus und Benedictus, Agnus Die, Introitus, Graduale, Offertorium und Communio. Diese Gesänge sind Sache des Volkes bzw. des Priesters als Vertreter des Volkes. Die Gesänge des Priesters, Präfation und Paternoster, wollen wir nicht antasten. Für jene Gesänge des Volkes erstreben wir, dass sie vom Volk in deutscher Sprache vorgetragen werden können, sei es gesprochen oder gesungen. Der Priester muss diese Gesänge auch lesen, er kann es lateinisch tun, auch wenn das Volk sie deutsch singt, für ihn würde sich also gegenüber bisher nichts ändern.

Die Begründung für den deutschen Volksgesang liegt hauptsächlich darin, dass die Gesänge als Ausdruck des Glaubens, des Lobpreises, der Anbetung usw. nur dann ganz echt gesungen werden können, wenn sie verstanden werden.

Auch hier soll das Lateinische keineswegs abgeschafft oder ausgeschaltet werden. Das Choralamt wie das mehrstimmige lateinische Amt mögen bleiben. Neben diesen Formen aber soll es auch Ämter geben, in denen die Gesänge deutsch vorgetragen werden.

Hier wird nichts Neues verlangt. Wir haben vielmehr schon – von der Singmesse abgesehen – die Formen der Gemeinschaftsmesse, der Betsingmesse sowie des „Deutschen Amtes“, in denen jene Gesänge vom Volk deutsch gesprochen oder gesungen werden. Diese Formen wären weiter zu pflegen und zu entwickeln.


Für diese Formen der Messfeier besteht noch eine große Aufgabe: deutsche Gesänge zu schaffen, welche den Messgesängen treuer entsprechen als unsere herkömmlichen Singmessen.


Vor allem aber möchten wir hier für die Berechtigung des sogenannten „Deutschen Amtes“ eintreten, bei dem das Volk seine Gesänge deutsch singt, der Priester aber alles lateinisch liest und singt. Unser Amt mit deutschem Volksgesang ist eine durchaus glückliche Form, das Volk zu einer richtigen und aktiven Teilnahme an der Messfeier zu führen, jedenfalls besser, als wenn nur der Kirchenchor singt. Nachdem Kardinal Bertram sehr entschieden für die weitere Duldung dieses seit langer Zeit in so vielen Diözesen verbreiteten Deutschen Amtes eingetreten war, hat ja auch Pius XII. sein „benigne toleratur“ (es kann wohlwollend geduldet werden) dazu gesprochen.