Die Verwerfung

 

1. Die Trennung vom Gott der Liebe.

 

Der bekannte Volksmissionar P. G. Patiß SJ legte einmal bei einer Volksmission in der Predigt über das Letzte Gericht in ergreifender Weise das Urteil des ewigen Richters über die Verworfenen (Mt 25,41) aus: „Hinweg von mir!“ Er erklärte, was alles darin liege, von Christus verstoßen zu werden, und wie der Mensch da verliere, was immer ihm zum Heil sein könnte. Es gebe dann für ihn keine Gnadenmittel der katholischen Kirche mehr, keinen Schutz der heiligen Engel, keine Fürbitte der Heiligen, keine Liebe und Erbarmung der Gottesmutter. Zuletzt rief er, selbst tief erschüttert, mit ergriffener Stimme aus: „Und ach, kein Herz Jesu mehr!“ Da brach unter den Zuhörern ein so allgemeines, lautes Schluchzen aus, dass der Bußprediger eine Weile innehalten musste. Alle fühlten die Wucht dieses Wortes: „Kein Herz Jesu mehr!“ Nach der Predigt ging der Pater in den Beichtstuhl. Da kam ein armer Sünder, der jahrelang in den Ketten der Sünde gefangen war und legte unter Tränen eine reumütige Lebensbeichte ab. Nach der Beichte fragte der Missionar, was ihn denn dazu bewogen habe, umzukehren. Der arme Sünder antwortete: „Ich habe soeben Ihre Predigt über das Letzte Gericht gehört. Alles andere hat mich kalt gelassen; aber als Sie sagten: „Ach, kein Herz Jesu mehr!“, da ging es mir wie ein Stich durchs Herz. O Pater! Kein Herz Jesu mehr, das wäre ja zum Verzweifeln!“

 

2. Die Trennung von der Gemeinschaft der Guten.

 

Ein Mann, der sein Leben lang Freigeist und Gottesleugner gewesen war, der Franzose Delauro-Dubez, hat seine in seinen alten Tagen erfolgte Bekehrung in der Einleitung zu seinem apologetischen Werk „Der bekehrte Atheist“ selbst beschrieben: „Ich hatte bereits 64 Jahre im Unglauben verlebt, als ich während eines Aufenthaltes zu Montpellier auf einem einsamen Spaziergang in der Umgebung dieser Stadt meine Gedanken – ich weiß nicht durch welchen geheimen Zug veranlasst – den seligen Tagen meiner Kindheit zuwendete, wo meine gute Mutter noch lebte und mir als schützender Engel zur Seite stand. Mit Herzensfreude und tiefer Rührung dachte ich an die Verstorbene, und die auffallendsten Züge ihres schönen, ganz der Liebe und Mildtätigkeit geweihten Lebens zogen an meinem Geist vorüber. Es war mir, als sähe ich sie noch die Kranken und Gefangenen trösten, die Tränen der Weinenden trocknen, den Bedürfnissen verschämter Armen abhelfen, sich selbst vergessend, den Dürftigen, die sie als ihre gemeinsame Mutter betrachteten, Kleider und Mundvorräte mitteilen, die für die Familie bestimmt waren. Wie süß waren die Tränen, die ich bei dieser Erinnerung an meine zu früh verstorbene Mutter vergoss! Aber als ich hierauf einen Blick in mein Inneres warf, wie ganz anders wurde mir da zumute. Gewissensbisse erfüllten mein Herz mit Bitterkeit, und trostlose Gedanken verwirrten meinen Geist. O beste Mutter! - sprach ich bei mir selbst - sollte wirklich die selige Ewigkeit, von der du mir so oft gesprochen, für dich schon begonnen haben? Und ich, sollte ich meiner ungläubigen Gesinnung wegen ewig verdammt, ewig von dir getrennt werden? Sollte ich für immer und ewig gezwungen sein, Gott zu lästern und zu verfluchen, der dein Verdienst anerkannt und, als der unendlich Gerechte, mit einer Seligkeit ohne Maß und Grenzen belohnt hat? Ganz in diese Gedanken versunken, hatte ich mich, ohne es zu bemerken, der Seminarkirche genähert. Gleichsam wider Willen warf ich mich vor dem Gitter, das den Vorraum vom Schiff trennt, auf die Knie und betete laut: O Gott meiner Mutter! Wenn du wirklich bist, wenn du, wie sie mir sagte, die höchste Wahrheit, Weisheit und Güte bist, wenn du mich für dich geschaffen hast und das redliche Verlangen eines unglücklichen Herzens kennst, so bitte und beschwöre ich dich, reiche mir deine allmächtige Hand, offenbare dich deinem Geschöpf, sei ihm Licht und Leben, zeige ihm den Weg, auf dem es zu dir gelangen kann. Meine Aufregung war außerordentlich. Reichlich flossen meine Tränen. Nach einigen Augenblicken wurde es in meiner Seele wieder ruhig, und ich stand auf mit dem aufrichtigen Entschluss, redlich nach der Wahrheit zu forschen.“ Delauro fand die Wahrheit, umfasste sie mit gläubigem Herzen und legte in der Folge durch Wort und Schrift, durch Tat und Leben Zeugnis für sie ab.

 

3. Für immer verstoßen.

 

Das althochdeutsche Muspilli-Lied schließt seinen ersten Teil von den letzten Dingen des Menschen mit den ernsten Worten: „Weh dem, der in Finsternis muss seine Frevel büßen / brennen im Feuer: das ist schreckliches Los: / Dass der Mensch ruft zu Gott und ihm keine Hilfe kommt. / Es hofft auf Gnade die unselige Seele / doch nicht steht sie in Erinnerung beim himmlischen Gott. / Denn hier in der Welt hat sie nicht darnach gewirkt.“

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1950, Band 11, Seite 448)