Versehgänge in der Nacht

 

(von E. Roberts Moore, aus „Catholic Digest“, Cath. Dig. Bldg. 41 E. Eighth St., St. Paul 2, Minn.)

 

Mein erster Versehgang war in Wirklichkeit kein Krankenbesuch. Ich befand mich an dem Tag, an dem ich geweiht wurde, in New York auf dem Rückweg von der Kathedrale zum Priesterseminar. Das Öl der Priesterweihe war buchstäblich noch nicht an meinen Händen getrocknet. Irgendwo in der Lexington Avenue überfuhr ein Auto vor uns eine Frau, die gerade die Straße überqueren wollte, und schleuderte sie gegen den Straßenrand. Mit einem Kreischen der Bremsen kam unser Wagen zum Stehen. Einen Augenblick saßen wir fünf Neupriester wie betäubt im Wagen. Dann rief plötzlich einer von uns: „Wir sind ja Priester!“ Da ich am nächsten an der Tür saß, war ich der erste, der draußen war. Auf der Straße kniete ich neben dem armseligen, zerschmetterten Körper, stolperte bei der Formel der Absolution, da ich sie zum ersten Mal gebrauchte: „Si capax, ego te absolvo a peccatis tuis in nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Amen.“ (Für den Fall, dass du noch in der Lage bist, das Sakrament zu empfangen, spreche ich dich frei von deinen Sünden, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.)

 

Dies war eine bedingte Absolution. Bedingt deshalb, weil ich nicht wissen konnte, ob die Frau überhaupt getauft war und ob sie ihre begangenen Sünden bereute. Es war eine Lossprechung und nicht die Letzte Ölung, weil ich natürlich die heiligen Öle nicht bei mir hatte. Aber die Letzte Ölung würde man auch noch im Krankenhaus nachholen, wohin die Frau gebracht wurde.

 

Der erste wirkliche Versehgang nach der Aufnahme meiner seelsorgerischen Tätigkeit war friedlich und traurig. Es handelte sich um ein kleines Mädchen, 12 Jahre alt, das kurz vorher zur Ersten Hl. Kommunion gegangen war. Es war zuckerkrank und sein Zustand war hoffnungslos. Die Mutter kam ins Pfarrhaus und bat, ein Priester möge sie besuchen. Ich ging gleich mit und plauderte mit dem Kind. In ergreifender Schlichtheit und ohne Furcht erzählte es mir, dass es im Begriff sei, in den Himmel zu gehen,um Jesus und Maria zu sehen, und ob ich ihm nicht noch einmal den Heiland bringen möge, bevor es fort müsse. Ich ging zur Kirche zurück, um das hl. Sakrament und die heiligen Öle zu holen.

 

Mein nächster Fall war ganz anders. Ich war gerade von der Morgenmesse zurückgekommen, als ein Polizeiwagen vorfuhr und der Chauffeur rief: „Kommen Sie schnell, Hochwürden! In der Grenwich-Straße ist ein entsetzliches Unglück passiert!“ Ich stürzte in das Haus, um das Öl zu holen, und war im Nu wieder zurück, ohne mir Zeit genommen zu haben, meinen Überwurf mit den Straßenkleidern zu vertauschen. Unterwegs erzählte mir der Fahrer, was sich zugetragen hatte. Ein Hochbahnexpress war mit einem Personenzug zusammengestoßen. Der erste Wagen des Personenzuges war auf die Straße hinunter geschleudert worden. Mir wurde ganz übel und schwach in den Knien, schon bevor ich ankam. Ein Dutzend Krankenwagen war aufgeboten worden. Ärzte, Fahrer, Polizei und Freiwillige arbeiteten bereits fieberhaft an den Trümmern, suchten die verstümmelten Gestalten heraus und legten sie in eine Reihe, wobei sie, soweit es möglich war, die Toten von den Sterbenden trennten. Ich musste mir mit den Ellbogen einen Weg durch die Neugierigen bahnen.

 

Ich ging von einem zum anderen dieser armen Menschen. Die meisten waren Arbeiter, die kurz zuvor gesund und munter ihre Familien verlassen hatten, um sich an ihre Arbeitsstätte zu begeben. Nun aber hatte der grausame Tod in einem Augenblick viele von ihnen aus dem Leben gerissen. Andere würden mit dem Leben davonkommen, aber an den Folgen dieses schrecklichen Morgens ihr Leben lang zu tragen haben. Immer und immer wieder murmelte ich die Worte der kurzen Formel der Letzten Ölung und gab jedem die bedingte Absolution. Als ich zu Ende war, war ich über und über mit Blut bedeckt. Ich fühlte mich elend und gebrochen, aber irgendwie kam mir erst jetzt zum Bewusstsein, dass ich wirklich Priester war. Ich empfand das gewissermaßen als meine Feuertaufe.

 

Ich war damals der Petrus-Pfarrei zugeteilt. Da die Pfarrei nicht sehr groß war, handelte es sich bei den meisten Versehgängen um Unglücksfälle. Der Eintrag in unser Versehbuch lautete bei der Rückkehr meist lakonisch: „D.O.A.“ (Tot bei der Ankunft.) Aber einen solchen Gang werde ich nie vergessen, hier hätte der Eintrag lauten sollen: „Er wollte nicht sterben.“ Ein Taxi und ein von Pferden gezogener Lieferwagen waren zusammengestoßen. Das Auto musste sehr schnell gefahren sein, denn die Deichsel des Lieferwagens war durch das Fenster gedrungen, hatte zwar zum Glück den Fahrer nicht getroffen, aber die Brust eines unglücklichen Passagiers durchbohrt. Der Krankenwagen kam zur selben Zeit an wie ich. Der Arzt konnte aber dem Verunglückten nur eine Spritze geben, um seine Schmerzen zu lindern. Der Mann war vollständig bei Bewusstsein. Ich kletterte zu ihm hinein, hörte seine Beichte, gab ihm die Absolution und salbte ihn.

 

Die Frage war: „Was jetzt?“ Der arme Kerl war vollständig durchbohrt und durch die Deichsel festgehalten. Die Feuerwehr löste das Problem. Aus einem ihrer Rettungswagen wurde eine Säge gebracht. Vor und hinter dem Mann sägte man die Deichsel ab, hob ihn mitsamt dem Deichselstück aus dem Taxi und verbrachte ihn zum Krankenhaus. Dort wurde die Deichsel entfernt. Es mag unglaublich klingen, aber die Deichsel hatte kein lebenswichtiges Organ getroffen. Der Mann kam durch!

 

Einmal läutete das Telefon um 2 oder 3 Uhr morgens. Diesmal war es ein junger Bursche aus der Pfarrei, den ich kannte und um den ich wegen der Gesellschaft, in der er verkehrte, besorgt war.

 

„Was ist los, Dan?“ fragte ich ihn. „In der Weststraße“, sagte er, „die und die Nummer, Sie kennen sicherlich die Hafenkneipe. In Zimmer Nr. 8 liegt ein Matrose im Sterben. Lungenentzündung. Sie meinen, er habe etwas Geld in seinem Koffer, daher lassen sie ihn ohne Hilfe sterben, um das Geld in die Hände zu bekommen. Aber er ist katholisch, Hochwürden, und ich kann einen Katholiken nicht ohne Priester sterben lassen. Sagen Sie aber ja nicht, dass ich Sie rief“, bat er ängstlich bevor er einhängte, „man würde mich umbringen.“

 

Ich dankte, zog meine Kleider an und eilte fort. „Was willst du?“ war der Gruß, mit dem mich ein finster aussehender Wächter empfing, als ich ankam. Bei dieser Frage spuckte er aus. „Ich bin ein Priester“, sagte ich. „Ich will einen kranken Mann besuchen. Er hat Lungenentzündung und liegt auf Zimmer Nr. 8.“

 

„Mach, dass du fortkommst, Freund“, sagte der Mann und kam langsam auf mich zu. „Wir haben überhaupt keine kranken Leute hier bei uns, und wenn wir welche hätten, dann möchten wir dich auch nicht hier haben.“

 

Es war ein finster dreinschauender Mann, und das Lokal sah auch finster genug aus. In einer Ecke stand ein schäbiger Kassenschrank, in der anderen befand sich eine schmutzige Theke. Es roch nach abgestandenem Alkohol und Tabakrauch. Eine rußige Nachtlampe trug nicht gerade zur Verschönerung des Milieus bei. Aber ich war zu jung, um mich zu fürchten. Ich sagte nur: „Hören Sie mal, ich gehe jetzt hinauf und besuche diesen Burschen. Aber wenn Sie wollen, dass ich fortgehe und die Polizei hole, ist es mir auch recht. So oder so, ich werde hinaufgehen.“

 

Er sah mich eine Zeitlang finster an und sagte dann: „O.K., Freundchen, geh nur hinauf, aber merke dir, das ist deine Beerdigung!“ Ich ging die Treppe hinauf und den Gang entlang, wobei ich die Türen zählte, bis ich dachte, ich sei zur richtigen gekommen. Ich klopfte an, obwohl ich nicht erwartete, dass mir geantwortet würde. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Aber es war nicht das richtige Zimmer. Auf das, was ich hier zu sehen bekam, war ich nicht vorbereitet. Im flackernden Schein einer alten Laterne, die vor dem Fenster stand und ihren Schein so undeutlich auf ihn warf, dass es aussah, als ob er sich noch bewege, lag auf dem Boden, den Rücken gegen einen Stuhl gelehnt, den Kopf zurückgeworfen, ein Mann mit durchgeschnittener Kehle. Er musste schon seit Tagen tot sein!

 

Mir fuhr die Angst in die Glieder. Ich raste die Treppe hinab an dem Türwächter vorbei und hinaus auf die Straße, wo ich Ausschau nach einer Polizeistreife hielt. Schließlich fand ich eine. Und so verstärkt, kehrten wir zurück. Der Mann an der Tür aber war jetzt verschwunden und wurde nicht mehr aufgefunden. Soviel ich weiß, ist der Fall noch heute ungeklärt.

 

Und der Matrose mit seiner Lungenentzündung? Den fanden wir auch. Er besaß einen Koffer und 600 Dollar. Wir brachten ihn zum Krankenhaus, wo er nach ein paar Tagen starb. Ich konnte ihm den letzten Beistand der Kirche geben, und später machten wir eine Schwester von ihm ausfindig, die in Not lebte und der wir den Inhalt des Koffers übergaben.

 

Ein anderes Erlebnis hatte ich mit Johnny O. Brien und seinen Freunden. Wieder war es schon nach Mitternacht, als das Telefon mich weckte. Zehn Häuserblocks vom Pfarrhaus entfernt hatte es ein Taxiunglück gegeben. Es regnet wenigstens nicht, dachte ich, als ich zum Fenster hinaussah. Ich eilte, so schnell ich konnte, zur Unglücksstelle und kam dem Polizeiwagen und dem Krankenauto noch zuvor. Ein zertrümmertes Taxi lag auf der Straße. Am Boden fand ich, von Kopf bis zu Fuß mit Blut bedeckt und offenbar schwer verwundet, eines der Opfer. Neben ihm stand, gleichsam als Wache, blutig und ebenfalls zerschunden, Johnny O`Brien, umgeben von seinen Freunden, 4 oder 5 der verwegensten Burschen, die ich je gesehen habe. Sie hatten alle leichtere Verletzungen. Auf dem Gehsteig stand ein gutes Dutzend müssiger Zuschauer. Ich fragte mich, wo diese hergekommen waren, denn die Straßen dieses Viertels von New York sind zur Nachtzeit dunkel und verlassen. Ein Polizist, offenbar noch ein Neuling, war auch dabei und wartete nervös auf Verstärkung.

 

Johnny erspähte mich zuerst. Er winkte mich heran. Offenbar betrachtete er sich als den verantwortlichen Leiter der ganzen Szene. „Hier ist er, Hochwürden“, sagte er und stieß dabei mit seinem Fuß an das armselige, stöhnende Bündel zu seinen Füßen. „Er ist ein guter Katholik, Hochwürden. Machen Sie ihn fertig.“ Dann wandte er sich seinem Freund zu: „Hör jetzt auf mit dem Stöhnen, der Priester ist da.“

 

Ich war nicht ganz sicher, ob Mac wirklich ein so guter Katholik gewesen war, aber es war ja meine Aufgabe, dies herauszubringen, und schließlich hatte er, ein je schlechterer Katholik er gewesen war, desto mehr meine Dienste nötig. So kniete ich auf der Straße nieder.

 

In der Zwischenzeit vergrößerte sich unsere Gruppe durch weitere nächtliche Bummler. Johnny übernahm die Leitung des Ganzen. Nicht alle hatten ihren Hut abgenommen, als ich mich neben den Verwundeten kniete. Das konnte Johnny nicht ertragen. Er wandte sich der Menge zu und befahl: „Hüte herunter, oder ich schlage sie euch runter!“ Die Hüte wurden abgenommen, und Johnny machte wieder kehrt, um sich zu überzeugen, ob ich mein Amt ordentlich erledigte.

 

Ich beendete meine Aufgabe, stand auf und wischte mir den Staub und den Schmutz von den Knien. Johnny, der offenbar einen tiefen Glauben an die Wirkung der Letzten Ölung auch in Bezug auf die Heilung eines Patienten hatte, sagte: „Los jetzt, Freunde! Hebt ihn auf, und lasst uns gehen.“ Trotz der Bitten des armen Kerls, ihn auf der Straße liegen zu lassen, fassten seine Kameraden ihn an und versuchten, ihn auf die Füße zu stellen. Befehl von Johnny war offenbar Befehl. Nun trat der Neuling von Polizist in Tätigkeit: „Lasst ihn in Ruhe!“ schrie er. „Seht ihr denn nicht, dass er ganz besoffen ist?“

 

Aber niemand brachte Johnny weg. Blitzschnell fuhr seine Hand in die Tasche, und in diesem Augenblick war der Neuling von Polizist dem Tod näher als der verwundete Gangster. Aber Kirche und Staat arbeiteten wenigstens diesmal zusammen, und zwar sehr zum Vorteil des Staates. Ich fasste nach Johnnys Arm, da ich wusste, dass ein Priester vor ihm sicher war. „Lass ihn los, Johnny“, sprach ich zu ihm, „du wirst so schon genug Schwierigkeiten haben.“ Einen Augenblick zögerte er und starrte mich an, während ich ein tolles Gefühl im Magen hatte. Dann sagte er: „O.K., Hochwürden.“ Der gefährliche Augenblick war vorbei. Kurz darauf kam der Krankenwagen und zugleich auch Polizeiverstärkung. Johnny und seine Freunde mussten einsteigen, um auf der Polizei vernommen zu werden.