Vereinigung mit Gott

 

Das höchste Ziel und das reinste Glück des Menschen ist die Vereinigung mit Gott. Betrachtet unser Verstand seine Macht und Herrlichkeit, bewahrt unser Gedächtnis das Andenken an seine unaussprechlichen Wohltaten, erfüllt unser Wille vollkommen den göttlichen, dann wird unser Denken und Handeln in Gott geheiligt, hoch erhoben und veredelt. In der Vereinigung mit Gott werden die Berufsarbeiten gesegnet, die Mühen und Leiden verdienstlich, alle Unternehmungen und Absichten geheiligt. Welch ein Ruhm für den Menschen, beständig mit Gott vereinigt zu sein. Welche Wunder und Gnaden muss diese göttliche Vereinigung in uns hervorbringen. Wie kann aber ein schwaches, unvollkommenes Geschöpf sich zu einer so hohen Ehre emporschwingen? Dies ist in der Tat ein Wunder der göttlichen Gnade. Der Mensch ist zu sehr gesunken, als dass er sich zu Gott erheben könnte. Um diese unermessliche Kluft zu überbrücken, tritt der Gottmensch Jesus Christus als Mittler zwischen beide und vereinigt sie in seiner geheiligten Person, dass sie nur mehr ein Wesen ausmachen. „Aus beiden hat er eins gemacht“ (Eph 2). „Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber Gottes“ (1 Kor 3,22). Alle Geschöpfe der Erde gehören nicht sich selbst, sondern uns an, für die sie geschaffen sind. Wir gehören nicht uns, sondern Christus an, der unser Haupt ist. Jesus Christus ist mit Gott vereinigt, der das Ziel von allem ist, er erhebt alles mit sich zu Gott, so dass alles in Gott ist, dass Gott in allem lebt und regiert, dass er der Urgrund, der Mittelpunkt und das einzige Ziel von allem ist. Nach dieser hohen Ehre sollten wir trachten, aber wenige Seelen gelangen zu so hoher Vollkommenheit; denn wenige Seelen sind treu, mutig und standhaft genug, um sich selbst zu verleugnen und sich von sich selbst und allem Irdischen loszuschälen und sich ungeteilt an Gott hinzugeben. Aber es hat solche Seelen gegeben, es gibt solche noch heute und wird solche geben bis ans Ende der Zeiten. Eine solche Seele war David, der in seinen Psalmen das Glück pries, Gott anzugehören: „Es ist mir gut, Gott anzuhangen“ (Psalm 72). Eine solche Seele war Paulus, der begeistert ausruft: „Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2). Eine solche Seele war die Braut im Hohenlied, die ausjubelte: „Mein Geliebter ist mein und ich bin sein“. In diesem Zustand der Vereinigung liebt man Gott mit wahrhaft reiner Liebe. Aber wie es unmöglich ist, ohne die besondere Gnade Gottes zu solcher Stufe zu gelangen, so ist es auch nicht möglich, ohne die treueste und standhafteste Mitwirkung mit der Gnade sich auf ihr zu erhalten. Schreiten wir darum an der Hand Gottes immer weiter auf dem Weg der Vollkommenheit, bis unsere Hoffnung in Besitz übergeht und wir Gott schauen von Angesicht zu Angesicht. Amen.