Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria

 

Ein schönes Bild der Verehrung unserer himmlischen Mutter und ihres Jesuskindes tritt uns in vielen heiligen Frauen und Männern entgegen. Viel Zeit brachten sie vor dem Bild der Gottesmutter zu und mit den schönsten Blumen schmückten sie es. Darum erfreuten sie sich auch des vertrautesten Umgangs mit der Mutter voll der Gnade und empfingen von ihr außerordentliche Gnadenerweise. Folgen wir den Heiligen in der kindlichen Einfalt und der herzlichen Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria, so werden auch wir vieler Gnaden gewürdigt werden.

 

1. Maria ist die erste Empfängerin der Erlösungsgnaden. Kein Mensch ist so hoher Vorzüge und Gnaden teilhaftig geworden, keiner zu so besonderen Ehren bestimmt worden, wie die allerseligste Jungfrau. Schon vor ihrer Empfängnis war sie vom himmlischen Vater auserkoren, die Mutter seines eingeborenen Sohnes zu werden. Sie sollte die zweite Eva einer erlösten Menschheit werden und die Schuld der ersten Eva sühnen. Darum musste sie von der Erbschuld wie von aller persönlichen Sünde frei sein; und diesen Vorzug der unbefleckten Empfängnis hat sie vor allen anderen Frauen durch Gottes Gnade erhalten. Verdient die vielgeliebte Tochter des himmlischen Vaters, die auserwählte Braut des Heiligen Geistes, die reinste Mutter des eingeborenen Gottessohnes nicht die freudigste Verehrung? – Eine unendliche Gnade erhielt Maria in der Geburt des Erlösers. Wie freut sich eine Mutter, wenn sie ihr neugeborenes Kind an ihr Herz drücken kann, obgleich ihr Kind noch mit der Erbsünde behaftet ist. Unendlich größer war die Freude der Muttergottes, denn sie hatte den Erlöser der Welt geboren. Der arme Stall zu Bethlehem war ihr der glänzendste Tempel, die Krippe ihr Altar, das Kindlein ihr Herr und Gott. Sie war die erste Anbeterin, die erste Jüngerin ihres göttlichen Sohnes. Sie hatte durch den das göttliche Leben gefunden, dem sie selber das Leben gab. O welcher Sterbliche könnte ihre Freude gebührend beschreiben? – Maria allein genoss das Glück, von der Geburt bis zum Erlösungstod und zur Himmelfahrt ihres göttlichen Sohnes dessen nächste und unzertrennliche Zeugin und Gefährtin stets gewesen zu sein. Unter ihren Augen wuchs das Kind Jesus heran wie an Alter, so an Weisheit und Liebenswürdigkeit vor Gott und den Menschen. Auf ihre Fürbitte wirkte er sein erstes Wunder, sie stand unter dem Kreuz ihres Sohnes, nahm seinen Leichnam auf ihren Schoß, besorgte sein Begräbnis, sah seine Himmelfahrt und löste sich ganz in Sehnsucht zu ihm auf, bis sie in den Himmel aufgenommen wurde, um fortan zur Rechten ihres göttlichen Sohnes über alle Engel und Heiligen zu herrschen. Mit Recht nennen wir darum Maria die erste und nächste Empfängerin der Erlösungsgnaden ihres göttlichen Sohnes.

 

2. Maria ist die liebevollste Ausspenderin der Erlösungsgnaden ihres göttlichen Sohnes. Wie ihr Sohn sein Blut und Leben für die Sünden der Welt opferte, so will sie in ihrer übergroßen Liebe allen Verirrten den Weg zur Rückkehr bahnen. Wer könnte alle die auffallenden Bekehrungen aufzählen, die durch die gütige Fürbitte der Zuflucht der Sünder bewirkt worden sind? Wie viele Gewohnheitssünder sind durch ein tägliches Ave Maria, durch das Gebet des heiligen Bernhard: „Gedenke, o gütigste Jungfrau“ oder durch das Rosenkranzgebet mit Abscheu vor der Sünde erfüllt! Wie viele Seelen hat ihre mütterliche Fürsorge den Klauen des Teufels entrissen! Der seraphische Bonaventura versichert: „So wie jeder, o seligste Jungfrau, der sich von dir abwendet und dich verachtet, notwendig zugrunde geht, ebenso ist es auch unmöglich, dass der, der sich an dich wendet und von dir aufgenommen wird, zugrunde gehe.“ Einst wollte der heilige Dominikus aus einem Besessenen die Teufel austreiben und fragte sie unter anderem, welchen Heiligen sie oben im Himmel am meisten fürchteten, und wer über sie auf Erden die meiste Macht besäße? Sie ließen sich kräftig beschwören, denn die Hartnäckigen wollten nicht antworten. Endlich, durch Beschwörungen gezwungen, erwiderten sie also: „Die Mutter Christi fürchten wir mehr, als alle anderen Heiligen, sie besitzt alle Gewalt über uns, sie verdient auch von allen Menschen über alle Heilige hochgeehrt zu werden, weil eine einzige Bitte von ihr, ein einziger Seufzer, den sie Gott darbringt, mehr Wert hat, als alle Bitten und Seufzer der Heiligen zusammen gelten, und wir bekennen zu unserem Verdruss, dass kein Ding gegen ihre treuen Diener und wahren Verehrerinnen etwas vermag, und dass keiner, der fortwährend in ihrer Verehrung ausharrt, jemals dahin kommen wird, mit uns in der Hölle zu leiden.“ Welch schöner Trost für die treuen, beharrlichen Verehrer Mariens!

 

O selig der Mensch, der, wie so mancher Heilige, im Geist der Kirche Maria stets auf das innigste verehrt, ihre Tugenden nachahmt und in allen Nöten und Gefahren in ihrem heiligsten Herzen seine Zufluchtsstätte sucht! Beten wir täglich den Engelsgruß und das eine oder andere Gebet, besonders den heiligen Rosenkranz, zu unserer Mutter und Königin Maria und auch wir werden ihre Macht, ihre Liebe und treue Fürsorge an uns erfahren, besonders in der Stunde unseres Todes. Amen.