Die verborgene Wege

 

Verborgene Wege

 

Ein vornehmer amerikanischer Gesellschaftsabend. Nicht in dem gewöhnlichen Sinn des Wortes. Die hervorragendsten Frauen und Männer der Stadt hatten sich zu der Abendunterhaltung, die wissenschaftlichen Charakter trug, zusammengefunden. Auch einige kirchliche Würdenträger nahmen teil. Unter den Damen erregte eine allgemeine Aufmerksamkeit, sowohl durch ihr kritisch fachliches Urteil, wie auch durch ihre Schönheit und Anmut.

 

Da trat ein katholischer Bischof ein. Die Dame brach mit einer leichten Verneigung die Unterhaltung, die sie eben führte, ab, kniete vor dem Prälaten nieder und küsste in Ehrfurcht den Ring an seiner Hand. Für einen Augenblick verstummte alles und man hörte, wie die Dame sprach: „Hochwürdigster Herr Bischof, ich bitte Sie um den Segen!“ Nicht wenig erstaunt war der alte Bischof.

 

„Mit Freuden, mein Kind! Gestatten Sie mir auch eine Frage: Sind Sie katholisch?“

 

„Nein, nein, hochwürdigster Herr, aber ich wurde in einem katholischen Pensionat erzogen, und die Schwestern waren doch so fromm und so gut und lieb mit mir, dass ich manches von ihren Gebräuchen gelernt habe, die so schön waren.“

 

„Sind Sie denn nie tiefer in die Religion eingedrungen, die so schön und erhaben ist?“

 

„Doch“, erwiderte die Dame lächelnd, „aber ich schrak vor einem Punkt zurück, vor der Lehre von der Wandlung in der Messe. Meine Zweifel konnte ich in diesem Punkt nicht überwinden.“

 

„Aber Sie ehren doch die katholische Kirche, nicht zuletzt in ihren Dienern, wie ich sehe,“ entgegnete der Bischof.

 

„Ich grüße stets einen Bischof, wenn ich ihm begegne, und jeden Morgen, Mittag und Abend bete ich den „Angelus“. Das lernte ich von den Schwestern, es hat mir immer gefallen und macht mir manches im Leben leicht.“

 

Erstaunt blickte der Bischof, legte der Dame die Hand aufs Haupt und sprach: „Fahren Sie fort, mein Kind, beten Sie immer den „Angelus“, und die Schwierigkeiten bezüglich der heiligen Wandlung werden verschwinden.“

 

Die Dame verneigte sich anmutig und begab sich zur Gesellschaft zurück. Der Bischof dachte bei sich: „Wie hart ist es für Reichtum und Schönheit, für die Welt, Gott ganz ihr Herz zu schenken.“

 

Der Bischof betete oft für diese Protestantin. Jahre vergingen. Eine schwere Krankheit befiel die Dame. Da war die Stunde der Vorsehung gekommen. Gott lohnte ihr Gebet, den kleinen Akt der Ehrfurcht mit Seiner Gnade. Sie öffnete ihr Herz der geheimnisvollen göttlichen Stimme, sandte zu einem katholischen Priester, wurde unterrichtet und starb ruhig und friedlich im katholischen Glauben.

 

* * *

 

Liegt etwa die Schuld an der Sonne, wenn sie das Haus jenes Menschen nicht erhellt, der alle Öffnungen desselben dicht verschlossen hält? Hat man da ein Recht, das Himmelslicht der Ohnmacht zu beschuldigen?