Unsterblichkeit der Seele

 

Es gibt keinen größeren, keinen fruchtbareren, keinen heilsameren Gedanken, als den an die Unsterblichkeit unserer Seele. Dieser Gedanke erhebt unser Gefühl, heiligt unsere Handlungen, befriedigt unsere Wünsche, lässt uns das Schwerste ertragen und tröstet in den Leiden des Lebens. In diesem Gedanken arbeiteten die Heiligen unablässig an ihrer Vervollkommnung, in diesem Gedanken unterzogen sie sich den Mühen und großen Verantwortungen. Möchte der Gedanke an die Unsterblichkeit unserer Seele uns immer vor Augen schweben und unsere Handlungen leiten.

 

1. Der Gedanke an die Unsterblichkeit unserer Seele erhebt unsere Gefühle. Wir betrügen uns selbst, wenn wir dem Leib mehr Aufmerksamkeit schenken, als der Seele. Der Leib ist nur das Lehmgebilde, das Gefängnis der Seele. Nur die Seele macht uns wahrhaft groß. Und doch legt man auf das Äußere, Vergängliche oft mehr Gewicht, als auf die unsterbliche Seele. Beklagenswerte Verblendung. Fragt man den Nächsten: Was bist du? So wird der eine sagen: Ich bin von hohem Rang. Der andere: Ich bekleide ein angesehenes Amt. Ein dritter sagt sogar: Ich bin ein König. Alles das ist groß, aber du trägst noch etwas Größeres in dir: du bist unsterblich. Das ist ein Vorzug, der dich über alle unvernünftigen Geschöpfe erhebt, vor dem jeder Rang und Titel verschwindet. Du bist unsterblich. Etwas Göttliches liegt in dir. Die Tugend ist deine Aufgabe, die Gnade Gottes dein wahres Leben, der Himmel dein Erbteil, die Ewigkeit deine Hoffnung, die Seligkeit Gottes deine eigene Seligkeit. Deshalb ist deine Seele mehr wert, als alle Güter dieser Welt, deine Würde ist höher, als Zepter und Krone der Erdenkönige. Das eine Wort „unsterblich“ schmückt dich mehr, als alle irdischen Diademe. Durchdrungen vom Bewusstsein einer höheren Bestimmung, verachtet der Christ die niederen Leidenschaften und irdischen Bestrebungen, er zielt nach dem Himmel mit seiner ewigen Glückseligkeit. Mit dem heiligen Ignatius ruft er aus: „O wie ekelt mich die Erde an, wenn ich den Himmel anschaue!“ Groß, schön und edel ist jeder Mensch, im Licht der Unsterblichkeit. Kann der Mensch kein Erdengut sein eigen nennen, er ist dennoch überreich, denn seine Seele ist auf einen Thronberufen. Verachtet man den Gerechten als einen Toren, er besitzt die wahre Weisheit, denn das Geistige, Göttliche, Himmlische erstreben, ist die ganze Aufgabe des Erdenpilgers, alles übrige flieht dahin wie ein Schatten.

 

2. Der Gedanke an die Unsterblichkeit heiligt alle unsere Handlungen. Was könnte uns mehr zur Tugend und Gottesfurcht entflammen, als die Rücksicht auf das ewige Leben? Ein Mensch, der die Unsterblichkeit leugnet, kann Tugenden heucheln und eine gewisse Wohlanständigkeit beobachten, aber es fehlt seiner Tugend an dem rechten Beweggrund und erscheint darum nur als Schale ohne Kern. Gebt aber dem Menschen den Glauben an die Unsterblichkeit zur Richtschnur seiner Sittlichkeit und zum Beweggrund seiner Handlung, und in jeder Lage, in jedem Lebensverhältnis werdet ihr den wahren Weisen, den guten König, den redlichen Staatsmann, den wackeren Bürger, den treuen Freund, den guten Vater finden. Ein König, der an die Unsterblichkeit glaubt, betrachtet seine Untertanen als seine Kinder und weiß, dass er nicht über sie, sondern mit ihnen im Himmel herrschen will. Der Staatsmann wird sich der größten Gewissenhaftigkeit befleißigen, denn er weiß, dass er einst in der Waagschale der göttlichen Gerechtigkeit gewogen wird. Der Geschäftsmann wird fleißig und redlich sein, denn er weiß, dass er sich vor allem Schätze sammeln soll, die Rost und Motten nicht fressen. Der Landmann wird von der Scholle zum Himmel emporblicken und in sein Herz den Samen der Gottesfurcht säen, um einst hundertfältige Frucht zu ernten. Wenn wir alle die Unsterblichkeit bedächten und im Hinblick auf sie handelten, so wären alle Herzen eine Wohnstätte der Tugend, alle Menschen wären Spiegelbilder Gottes, Friede, Freude, Gerechtigkeit wandelten die Erde in ein Paradies. Kommt her, ihr Menschenkinder alle, schöpft aus der lebendigen Quelle des Glaubens an die Unsterblichkeit jene Tugenden und Güter, die euch niemand rauben kann und die euch ewig beglücken. Amen.