Der Unglaube

 

1. Die Klage des Unglaubens.

 

Das Eingeständnis der ziellosen, hemmungslosen Verzweiflung des Ungläubigen bei Nietzsche („Also sprach Zarathustra“) äußert sich klar in den Worten des „Schatten“: „Habe ich noch ein Ziel? Einen Hafen, nach dem mein Segel läuft? Einen guten Wind? Ach, nur wer weiß, wohin er fährt, weiß auch, welcher Wind gut und sein Fahrwind ist. Was blieb mir noch zurück? Ein Herz müde und frech; ein unsteter Wille; Flatter-Flügel; ein zerbrochenes Rückgrat . . . Wo ist mein Heim? Danach frage und suche und suchte ich, das finde ich nicht. O ewiges Überall, o ewiges Nirgendwo, o ewiges Umsonst!“

 

2. Ein bemerkenswertes Eingeständnis.

 

Der Führer der sowjetrussischen Gottlosenbewegung machte 1927 auf der Jahrestagung der Sowjetverleger in Moskau bemerkenswerte Ausführungen. „Als wir Kinder waren“, erklärte er, „waren wir bis zum 11. Jahr gläubig. Das Dasein Gottes und die Schöpfung waren Grundwahrheiten, aber als das kritische Alter kam, wurden aus den Grundsätzen leere Theorien, und wir griffen zu materialistischen Büchern, um Antwort auf unsere Fragen zu finden. Heute ist es umgekehrt. Die Sowjetkinder lernen, dass der Mensch vom Affen abstammt, und nehmen es als Grundwahrheit hin. Aber wenn das kritische Alter kommt, erwachen die Zweifel, und sie greifen nach den Vorkriegsbüchern, um eine Antwort zu finden. Unsere Vorliebe galt den materialistischen Büchern, die Vorliebe der Sowjetkinder gilt den altmodischen (!) Büchern.“ Die „materialistischen Bücher“ haben also offenbar doch die Fragen der Seele und ihre Sehnsucht nach Gott nicht zu stillen vermocht.

 

3. Unglaube, du hast gesiegt!

 

Eine katholische französische Zeitung, „Das Kreuz von Calais“, brachte vor Jahren folgende Nachricht: Ein Marxist rühmte sich im Gasthaus vor seinen Genossen, dass es ihm nach drei Jahren endlich gelungen sei, seine früher fromme Frau ganz religionslos zu machen. Natürlich wurde er von seinen Gesinnungsgenossen hoch gelobt. Als er abends nach Hause kam, sah er vor seiner Wohnung eine Menge Leute stehen. Auf die Frage, was denn los sei, antworteten sie, im Haus sei ein Unglück geschehen. Der Mann ging in seine Wohnung, und hier fand er seine Frau mit den drei Kindern tot am Boden liegen. Neben der Frau lag ein Zettel, auf dem geschrieben stand: „Solange ich noch Religion hatte, habe ich alle Leiden des Lebens um Gottes willen tragen können. Seitdem aber ein Henker von einem Mann mich um meinen Glauben gebracht hat, bin ich ganz unglücklich. Meine Kinder sollen es nicht auch noch werden. Darum habe ich uns alle vergiftet.“

 

4. Nacht weicht dem Tag.

 

Zum heiligen Pfarrer von Ars kam eines Tages ein vornehmer junger Mann aus Paris. Er wollte den berühmten Pfarrer einmal sehen. Aber Vianney merkte mit dem ihm eigenen Scharfblick sofort, was dem jungen Mann fehlte, und sagte zu ihm: „Bitte knien Sie nieder zum Beichten!“ „Aber wie kann ich beichten, da ich an nichts glaube?“ sagte der Pariser. „Ich bin nur gekommen, um Sie einmal zu sehen und zu sprechen.“ Vianney erwiderte: „Ich habe nicht viel Zeit. Es warten noch etliche fünfzig Personen und wollen Rat und Trost. Knien Sie bitte sofort nieder und legen Sie eine gute Beichte ab!“ Der Heilige sagte das mit solch gewinnender Liebe und überzeugender Kraft, dass der junge Herr nicht länger widerstehen konnte. Er kniete nieder und beichtete. Als er sich erhob, war er überglücklich und rief: „O wie schön ist doch der katholische Glaube!“

 

5. Ein Gottesruf an taube Ohren.

 

Einem Fabrikdirektor erklärte eines Tages der Hausarzt: „Ihre Frau ist anscheinend unheilbar krank. Sie wird, schätze ich, höchstens noch zwei Jahre leben. Das einzige, was Sie tun können ist, dass Sie mit ihr in ein Bad gehen, um ihre Schmerzen zu lindern.“ Sie reisten in gedrückter Stimmung nach Bad Gastein. Dort lernten sie im Hotel einen General kennen, der ein überzeugter Christ war. Sie fasten Zutrauen zu dem offenen Charakter und sprachen mit ihm über ihre Lage. Der General suchte sie mit dem Hinweis auf Gottes Vorsehung zu trösten. Aber der Direktor erklärte, er glaube an keinen Gott und keine Vorsehung. Schließlich sagte er: „Herr General, wenn meine Frau wieder gesund wird und wenn ich die Zwei Prozesse gewinne, in denen ich stecke, dann will ich an Ihren Herrgott glauben.“ Nach vierzehn Tagen traf der Direktor den General auf einem Spaziergang. „Denken Sie“, rief er schon von weitem, „der Arzt wird meine Frau in kurzem soweit haben, dass sie gesund nach Hause reisen kann. Und welch ein Zusammentreffen! Mein Advokat telegraphiert mir heute, mein Hauptprozess sei gewonnen und der zweite sei auf dem besten Weg dazu.“ Der General schaute den Direktor lang und durchdringend an, als erwarte er noch etwas. Er wartete aber umsonst und fragte endlich: „Und Ihr Versprechen?“ Da wurde der andere verlegen, Er wusste, was der General sagen wollte. „Ach, Sie meinen, jetzt müsste ich eigentlich an Ihren Herrgott glauben? Nein, jetzt wollen wir unser Leben auch miteinander genießen.“ Damit ging er seiner Wege. 

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1951, Band 12, Seite 5)