Marianisches Ungarn

 

Der erste König Ungarns, Stephan der Heilige (997-1038), stellte auf seinem Sterbelager das Land unter den Schutz der Himmelskönigin und setzte dieselbe als Erbin seines Thrones ein. Von nun an nennen die Ungarn ihr Land „Regnum Marianum“ (Königreich Mariens) und die Mutter Gottes „Unsere Hohe Frau“, d.h. Unsere Königin, der das Reich testamentarisch vermacht wurde. Diese Benennungen leben nicht nur im Volksmund, sondern kamen auch während der Jahrhunderte oft in Staatsakten zu Ausdruck. Besonders in Urkunden König Ladislaus` des Heiligen und seiner Nachfolger aus dem Haus Arpads, zur Zeit der Gegenreformation und bis in die neueste Zeit. Bilder der Schutzfrau Ungarns (Patrona Hungariae) oder der Königin Ungarns (Regina Hungariae) zierten die Kriegsfahne, sowie viele Münzen und Wappen. Der Schlachtruf lautete: „Jesus, Maria“.

 

König Stephan baute in Székesfehérvár (Stuhlweißenburg) eine herrliche Marienkirche als Nationalkirche und ordnete an, dass König und Stände des Landes sich jährlich zu Maria Himmelfahrt an dieser Stätte versammeln, die Landesangelegenheiten zu beraten. An unzähligen Orten wurden Gnadenbilder Mariens verehrt und von Wallfahrern besucht. Am weltberühmten Gnadenort Mariazell baute der ungarische König Ludwig der Große die Kirche und schenkte derselben ein Gnadenbild nach seinem Sieg über die Türken 1323. Das Läuten der Glocken zum Ave Maria wurde 1224 und 1309 angeordnet. Das Mittagsläuten wurde von Papst Callixt III. vorgeschrieben als eine Erinnerung an den Sieg der Ungarn unter dem Befehl Johann Hunyadis über die Türken bei Belgrad 1456. Das Immakulatafest wird in Ungarn seit 1201 gefeiert. Der Samstag war lange Zeit zu Ehren der Mutter Gottes gebotener Fasttag. Wie tief der Marienkult im Volk verankert ist, beweist, dass zwei Monate in der ungarischen Sprache nach Maria benannt wurden: Der Monat Jänner als Monat der Hohen Frau, August als Monat Mariä, der Jungfrau. Die ältesten Literaturdenkmäler Ungarns enthalten Lieder, Predigten sowie Abhandlungen zu Ehren der Mutter Gottes, wobei die Schriften des heiligen Gerhards an erster Stelle stehen.

 

Das erste Denkmal der ungarischen Poesie ist ein Klagelied Mariens über die Kreuzigung ihres Sohnes, dessen Originaltext sich im Besitz der Löwener päpstlichen Universitätsbibliothek befindet. Die Einleitung des größten ungarischen Heldenepos der „Zrinyász“ oder „Belagerung von Szigetvár“, erbittet die Hilfe der Himmelskönigin als der Schutzfrau der damaligen ungarischen Dichter und Künstler. In der Literatur der Barockzeit, die in Ungarn die Zeit der katholischen Wiedergeburt ist, wurde Maria von allen Frauen Ungarns als das höchste Ideal und Vorbild verehrt.

 

Der geistliche Führer der Gegenreformation, Petrus Pazmány, ein geborener Protestant und späterer Konvertit, wurde bald Priester (Jesuit) und Universitätsprofessor, später Erzbischof und Kardinal und war das größte Genie der ungarischen Prosaiker und Redner. Er nannte Maria die Fürsprecherin aller Leidenden und schrieb auch ihr zu Ehren eine Litanei, in der er sie als Kirche Gottes, Wohnung des Heiligen Geistes, Mutter der Lebendigen, Mutter der Liebe und der Hoffnung, Baum des Lebens, Stadt der Hilfe, Stolz Jerusalems, Spiegel ohne Makel, Lilie zwischen Dornen, schön wie der Mond, glänzend wie die Sonne, wohlgeschützter Garten, usw. bezeichnete. Diese Benennungen leben heute noch unter dem Volk. Ebenso schrieb er eine Hymne über die allerhöchste Schönheit Mariens „O gloriosa, o speciosa“ und widmete sie als Geburtstagsgeschenk dem von ihm gegründeten, heute noch blühenden ungarischen Seminar Pazmaneum in Wien. Diese Hymne, mit einer besonders schönen alten Melodie, wird fast jeden Samstag als Tag der Marienverehrung in diesem Haus gesungen.

 

Dass das ungarische Volk nach so schweren Schicksalsschlägen noch in seiner Heimat leben kann, schreibt es dem Schutz durch Jesus und Maria zu. Darum pilgern Hunderttausende von Frauen, Männern und Jugendlichen nach den vielen ungarischen Gnadenorten, z.B. Máriabesnyö, Máriapócs, Máriaremente, Andocs usw. Solche Wallfahrten finden in Ungarn fast jeden Monat statt, wo die Teilnehmer den ganzen Tag nur etwas Brot und Wasser zu sich nehmen, viele Tausende die hl. Kommunion empfangen und wo der hl. Rosenkranz interessanterweise gesungen wird.

 

Obgleich die Situation der Welt und die Aussichten des Friedens sehr problematisch sind, hoffen die Ungarn trotzdem fest, dass die Zeit der wahren Freiheit, die Einheit der Völker in Liebe, und somit der Friede bald kommt und beten mit starkem Glauben: „Maria, übernimm die Herrschaft über die ganze Welt.“

 

In Ungarn ist gegenwärtig ein Marienbildchen sehr verbreitet. Auf der Vorderseite stehen die Worte:

 

„Die Königin der Welt ruft:

Kommt alle und leistet dem beleidigten Gott Sühne!“

 

Auf der Rückseite:

 

„Sage öfters am Tag: Gegrüßet seist Du, Maria!

Buße peitscht, treibt uns zu Dir.

Es soll nicht weinen wegen uns

dein schönes Antlitz.

Maria, hohe Frau, Mutter der Ungarn,

Königin der ganzen Welt!“

 

„Höret auf, den schon so sehr beleidigten Gott zu beleidigen, betet um Verzeihung für eure Sünden, betet jeden Tag den Rosenkranz, leistet meinem Unbefleckten Herzen Sühne am ersten Monatssamstag.“ (Worte der Mutter Gottes in Fatima.“

 

entnommen aus: „Im Dienste der Königin“, November 1956