Im Todestal der ersten Christen - Die Wunderwelt von Kappadocien

 

Inmitten der inneranatolischen Hochebene – dort, wo bereits die ersten kahlen Kegel zu dem schroffen Tauros-Gebirge überleiten, liegt abseits aller Straßen eine riesige Erosionsmulde verborgen. Hier entstand zu Urzeiten eine einzigartige skurrile Landschaft mit bis zu 60 m hohen „Steinzipfelmützen“. Man schätzt sie auf etwa 3000 Stück. Gewaltige Wasser haben große Trichter ausgegurgelt, ganze Orgeln von Trachyttuff stehen gespenstisch aus hohen Mauern gemeißelt, und riesige Obelisken mit totenkopfähnlichen Höhlengesichtern starren uns Eindringlinge an.

 

60 km von der Stadt Kaiserie (dem früheren Caesarea) entfernt, durchleben wir hier die erregendste Expedition unseres Lebens. Wir entdeckten Tausende von Nischen für Urnen und Tausende von Höhlenwohnungen, die wir nur mit Hilfe des Abschleppseils unseres Wagens ersteigen können. In den Steinpyramiden finden wir Kolumbarien, aus Stein herausgemeißelte Tische, Bänke, Sessel, riesige Refektorien und Kapellen mit den ältesten Fresken der Christenheit. 30 qkm groß ist dieser größte Friedhof der Menschheit. 1200 m lang, 400 m breit und 150 m hoch ist allein das Tal von Göreme.

 

Vor Tausenden von Jahren brachten die Assyrer ihre Toten hierher, weitab von jeder menschlichen Siedlung. Die Angst vor Totengeistern hielt sie von diesem Ort so fern, dass er Zuflucht für Menschen in Todesnot wurde.

 

Als 300 Jahre nach Christus die römischen Kaiser mit einer planmäßigen Christenverfolgung begannen, sammelten sich hier im Totental von Ürgüp die ersten christlichen Flüchtlinge. Die Urnennischen der Assyrer wurden zu Wohnhöhlen ausgebaut, deren Besteigung nur mit Hilfe von Strickleitern möglich war – eine Vorsichtsmaßnahme gegen römische Häscher und wilde Tiere.

 

Um eine ungefähr 5 x 5 m große Höhle in den Tuffstein zu schlagen, benötigte ein fleißiger Mann ca. 14 Tage. So entstand nach und nach eine riesige Höhlengroßstadt mit 50.000 Mönchszellen. Eine Pyramide wurde mit Sicherheit als Bischofssitz erkannt. Viele Höhlenkapellen beweisen sogar, dass die damaligen Christen das sog. „Ägyptische Feuer“ gekannt haben, denn nirgendwo ist an den freskengeschmückten Wänden eine Rußspur zu entdecken, während die Wohnhöhlen rußgeschwärzt sind.

 

Ürgüp liegt immerhin 1600 m hoch und hat ein sehr extremes Klima – einen sehr kurzen und heißen Sommer und einen langen, sehr harten Winter. Es ist einfach unvorstellbar, wie die Mönche die Winter in den Höhlen überlebten.

 

Ob der Jünger Johannes, der Maria an die türkische Westküste (Ephesus) vor den Römern in Sicherheit brachte, einer Kapelle in Ürgüp wirklich selbst den Namen gab, oder ob der Apostel Paulus hier war, bleibt eine kirchengeschichtliche Streitfrage – sicher ist, dass Paulus einen Brief an die Gemeinde von Ürgüp (Kappadoce) schrieb und dass der heilige Basilius als Bischof von Ürgüp eine gutorganisierte „Mönchstadt“ führte. Fest steht, dass die großen Asketiker Kleinasiens, wie Gregor von Nyssa und Gregor von Nazia, mit diesem Totental in Verbindung standen.

 

Eine ekstatisch-christliche Welle bewegte damals namentlich Kleinasien, die heutige Türkei. Hunderte von Christen wallfahrteten zu den römischen Statthaltern und boten ihren Opfertod an. Mit weltentrücktem Gesang auf den Lippen bestiegen Männer und Frauen die Scheiterhaufen, um durch ihren Opfertod Christus näher zu kommen.

 

Die Abendsonne bringt die unzähligen Steinpyramiden in aller Pracht zum Aufleuchten. Gelbe, rote, grüne und braune Streifen durchziehen den Fels, doch langsam geht alles in ein dunkles Violett über, bis die Steine ein tintiges Blau annehmen; dann erscheinen die Höhlen wie gierige Rachen, Totenschädel oder Ku-Klux-Klan-Mützen.

 

Fledermäuse schweben nachts zwischen den Felsen, Eulen klagen die ganze Nacht hindurch, wie vor 2000 Jahren – wie vor 4000 Jahren. Was sind schon tausend Jahre, wenn man in Ürgüp ist!

 

Ruth Seering

Katholischer Digest, Nr. 7, Juli

Pattloch Verlag 1955