Totengedenken: Prof. Dr. Johannes Maria Verweyen


Ich gedenke eines lieben Toten

 

Von Kaplan Stanislaw Kadziolka

Aus VVN-Nachrichten,

Pressedienst der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes,

Düsseldorf, 5. Juli 1947

 

Vergangenes wachzurufen und Erinnerungen über Erlebnisse im deutschen Konzentrationslager zu schreiben, scheint mir in gewissem Sinn etwas Unmoralisches zu sein. Kann man denn ohne Schmerz an jene furchtbaren Erlebnisse zurückdenken und jene Dante-Szenen wiedergeben, die sich dort abgespielt haben? Um in seinem Gedächtnis diese teuflische Vergangenheit völlig auszulöschen und seine Seelenruhe wiedererlangen zu können, würde ich jedem, der im Konzentrationslager war, raten, sich in Zukunft von dieser Art Erinnerungen freizumachen.


Und dennoch . . . dennoch möchte ich ganz kurz die deutschen Konzentrationslager Oranienburg-Sachsenhausen und Bergen-Belsen ins Gedächtnis zurückrufen, und zwar deshalb, weil ich eines Menschen mit edlem Charakter, eines großen Gelehrten, eines deutschen Häftlings, des Professors Dr. Johannes Verweyen, gedenken will.

In vorgerücktem Alter, mit grauem Haar, gutem Körperbau und stets lächelndem Gesichtsausdruck fiel Professor Johannes Verweyen unter den übrigen Häftlingen nur durch eine am linken Arm getragene einfache Armbinde mit der Aufschrift „Sprachlehrer“ auf. Diese Aufschrift war zugleich die Bezeichnung seines Arbeitskommandos; den Professor Johannes Verweyen wurde durch das Lagerkommando der SS in Oranienburg „befördert“, indem ihm die Aufgabe gestellt wurde, den der deutschen Sprache nicht mächtigen Häftlingen die Grundsätze dieser Sprache beizubringen. Zu den Grundkenntnissen gehörten: Name des Arbeitskommandos, die anstelle des Namens zugewiesene Nummer, die Nummer jenes Blocks, dem der Häftling angehörte usw. Durch diese Art Beschäftigung war der Professor zum Besuch jener Blocks berechtigt, in denen sich die Häftlinge aufhielten (für gewöhnlich Kranke und Krüppel; denn nur solche durften in den Blocks im Lager selbst beschäftigt werden). Professor Johannes Verweyen lehrte also sein Fach, indem er das ganze Lager und die sich darin befindlichen Häftlinge besuchte. Für gewöhnlich schweifte der Professor von dem ihm durch die SS vorgeschriebenen Schulungsprogramm ab. In Augenblicken, in denen niemand von der SS-Mannschaft anwesend war, machte er seinen Leidensgenossen gegenüber Mitteilungen über die neusten und wahrheitsgetreuen Nachrichten von der Front, machte dabei seine eigenen, kritischen Bemerkungen über die politische Lage, tröstete die Verzweifelten und flößte Mut in die Herzen der Traurigen ein.


Alle liebten den Professor; denn er verstand es, eine Unterhaltung in Schwung zu bringen und die Gedanken, wenn auch nur für Augenblicke, von der traurigen Wirklichkeit abzuleiten. Nur die rückständigen jungen Leute verstanden den Professor nicht, wenn er von der Sonne sprach. Sobald die Sonne stärker durch die Wolken schien, leitete er das Gespräch auf die Sonnenstrahlen über. Während er Sprachunterricht erteilte, ließ er als Beispiel aus dem Russischen ins Deutsche „herrlich strahlt die Sonne“ oder „morgen wird die Sonne scheinen“ übersetzen. Die Intelligenteren wussten, dass der Professor auf diese Weise tröstete und ihnen den näher rückenden Tag der Befreiung zum Bewusstsein brachte.


Ich entsinne mich, wie ich im Mai 1943 mit Professor Johannes Verweyen im Lager Oranienburg im Block 15 zusammentraf. Das war ein Block ganz besonderer und, wie es im Lager hieß, ein in gewissem Sinn bevorzugter Block. Ich möchte an dieser Stelle die Zusammensetzung einer der Stuben dieses Blocks nach Beruf und Nation anführen: jugoslawische Diplomaten, polnische, französische, belgische, holländische, ukrainische Geistliche, ein belgischer Minister des Innern, ein holländischer Rechtsanwalt und Ingenieur, ein deutscher Akrobat, ein polnischer Schneider, ein russischer Tischler, ein polnischer Offizier, ein tschechischer Friseur, ein österreichischer Bankangestellter usw. Als der Professor den Neuankömmling erblickte, kam er, wie gewöhnlich mit einem Stoß Notizbücher und Notizen in der Hand und einem Buch unter dem Arm, an mich heran und fragte mich in polnischer Sprache, wie ich heiße, woher ich stamme, und ob ich an seinen Vorträgen teilnehmen wolle. Die letzte Frage setzte mich in Erstaunen, denn ich wusste nicht, dass der Professor in diesem Block für eine gewisse Gruppe in offizielle Vorträge hielt. Bald wurde ich jedoch von den Kameraden belehrt, worum es hier ging, und nahm am Tisch Platz, d.h. ich setzte mich zur Arbeit (ich hatte nämlich wie die anderen in dem Block Kabelkommando). Mit der einen Hand wickelte ich dünne Drähte auf, während ich mit der anderen Eintragungen über den Vortrag des Professors machte und aufmerksam seinen Worten folgte. Dies war damals sein erster Vortrag aus der Vortragsreihe: „Aristoteles, Thomas von Aquin und Kant“. Nach Beendigung des Vortrags folgte für gewöhnlich eine längere Diskussion, wobei auch die Lagerereignisse, Pressenachrichten usw. berührt wurden. Da diese Vorträge eine Art Verschwörung waren, wurden sie in französischer Sprache abgehalten. Der Professor kam täglich zu uns, und nichts konnte ihn davon abhalten. Oft passierte es, dass er erkältet und mit verbundenem Hals zum Vortrag kam; trotzdem gab er sich Mühe, seine Pflicht zu erfüllen. Er war ein Mann von vielseitigen Interessen, sprach klug und überlegt und baute seine Gedanken immer auf philosophischen Grundsätzen auf. Es geschah gar nicht so selten, dass er nur einen einzigen Hörer hatte; dennoch sprach er wie vor einem vollen Saal, oft nahm seine Stimme an Stärke zu. Er gestikulierte, stand von der Bank auf und setzte sich wieder wie früher hinter den Katheder. Ich bemerkte, dass der Professor auch ein erstklassiger Theologe war. Nicht wenige Geistliche haben es ihm zu verdanken, dass sie die auf der Universität erworbenen theologischen Kenntnisse mit ihm auffrischen konnten. Ich entsinne mich, dass ich einmal nach einem Vortrag über das Thema: „Gebet“ zwei Wochen lang mit dem Professor diskutiert habe. Die von Professor aufgestellte These lautete: „Kann und soll man für die Verdammten beten?“ Als Beispiel eines Verdammten wurde der historische Rasputin angeführt, über welchen der Professor zufällig ein Buch bei sich hatte, wobei er seine Bemerkungen im Kommentar nach dem Vortrag machte.

Mein Gott, wieviel Themen berührten wir während unserer Vorträge! Skizzenweise gingen wir die ganze Philosophie und Theologie durch, sprachen über Kunst und Politik (unter sehr kritischer Berücksichtigung des nationalsozialistischen und faschistischen Programms), mit einem Wort – wir sprachen über alles.


Wegen seiner ungewöhnlichen Vorzüge wurde Professor Verweyen im Lager Oranienburg von allen sehr verehrt und geschätzt. Tatsache ist, dass es verboten war, sich gegenseitig irgendwie zu titulieren, sogar die allgemein gebrauchte Anredeform „Herr“ war verboten. Ohne Rücksicht auf den Altersunterschied wurden wir alle mit „du“ angeredet. Es passierte aber niemals, dass jemand den Professor so angeredet hätte. Nur er allein wurde mit „Herr Professor“ oder zum mindesten mit „Professor“ tituliert. Diese Achtung vor dem Professor hatten Häftlinge aller Nationen, sogar diejenigen, die neben ihrer Nummer ein grünes Dreieck trugen und dafür berühmt waren, keine Kinderstube, dafür aber eine Reihe krimineller Vergehen auf dem Kerbholz zu haben.


Auch außerhalb der Vorträge sah ich Professor Johannes Verweyen im Lager Oranienburg sehr oft. Ich traf ihn im Baderaum, vor dem Lautsprecher, wo er sich aufmerksam die Kriegsberichte anhörte. Ich traf ihn nach dem Abendappell, wenn er einsam seinen Spaziergang machte, oder in den Blocks und zwischen den Blocks in Gesellschaft anderer. Wenn er auch lächelte, so war er doch immer ernst und bescheiden. Jeder sah es dem Professor sofort an, dass er kein Durchschnittsmensch war. Am 4. Februar 1945 wurde eine ungefähr 3000 Mann starke Häftlingsgruppe aus dem Lager Oranienburg nach einem (wie die SS verlauten ließ) „Erholungslager“, und zwar nach dem Lager Bergen-Belsen, gebracht. (Wenn Oranienburg-Sachsenhausen die Hölle war, so war Bergen-Belsen eine Hölle in der Hölle).


In dieser Gruppe befand sich auch Professor Johannes Verweyen und mit ihm eine Handvoll seiner früheren Hörer. Die Fahrt war für alle sehr beschwerlich. Während der Fahrt sah ich den Professor nicht, aber ich konnte mir vorstellen, was für eine Qual diese für einen betagten Mann wie Professor Verweyen war. Professor Verweyen erblickte ich erst auf der Bahnstation in Bergen-Belsen, als er den Zug verließ. Er lächelte wie immer, aber es war nicht schwer zu erkennen, wie hart ihm die Fahrt geworden war. Ich glaubte, dass wir wieder zusammen sein würden, dass wir weiterhin mit ihm zusammenleben und an seinen Vorträgen wieder teilnehmen würden. Leider wurden wir getrennt. Zwei Wochen lang sah ich den Professor nicht. Die in dem Lager herrschenden Verhältnisse waren für alle schrecklich. Der Professor hatte unter besonders schweren Verhältnissen zu leiden. Er tat uns allen sehr leid. In dem neuen Lager wurde ihm nicht mehr die Stellung eingeräumt, die er vorher in Oranienburg innegehabt hatte. Er wurde wie die anderen geschlagen und gestoßen, musste tagelang appellstehen, und nicht immer erhielt er täglich seine Schüssel warmes Wasser mit einigen Stückchen Steckrüben darin. Durch ein geschicktes Manöver gelang es uns, ihn in unseren Block zu bringen. Bequemlichkeiten gab es nicht, aber wir waren wieder zusammen. An Vorträge war nicht zu denken. Jeder suchte einen Winkel zwischen den Pritschen, um die Aufmerksamkeit der Henker nicht unnötig auf sich zu lenken. Dasselbe tat der Professor. In jener Zeit sah ich ihn oft in Gedanken versunken und schweigsam. Ich diskutierte nicht mehr mit ihm, denn ich selbst war auch sehr niedergedrückt. Mein Landsmann Pfarrer Szweinoch aus Kattowitz dagegen verbrachte ganze Stunden, plaudernd und lange Gespräche führend, mit ihm zusammen. Er war von der Persönlichkeit des Professors von Tag zu Tag mehr beeindruckt. Ich bemerkte, dass Pfarrer Stefan Szweinoch und der Professor enge Freundschaft miteinander geschlossen hatten.

Eines Tages standen wir lange beim Appell. Ich fühlte, dass jemand hinter mir meine Mütze und Kragen berührte. Als ich mich umdrehte, erblickte ich den Professor, der sich leise entschuldigte. Immer von Nächstenliebe, nicht nur in Worten, sondern auch in Werken, erfüllt, nahm er mir damals die Läuse ab, die in großer Zahl auf meinem Anzug umherspazierten.


Der Professor war wie von der göttlichen Vorsehung bestimmt, er prägte immer das Wort „Liebe“, die Idee der Liebe! Abends hörte man oft den Ausruf: „Wo ist hier Gerechtigkeit?“ Viele Lagerinsassen freuten sich auf den Tag der Befreiung und vor allem auf die Stunde, da sie sich rächen konnten. Dann hörte man wieder die Stimme des Professors, der von der Liebe sprach – der Liebe der Menschen zueinander. Er wollte das Schlechte, das Böse mit Gutem, mit der Liebe vergelten! Die Menschen sollten vergessen können und trotz der Leiden wieder Liebe säen. Innerlich forderte auch der Professor Gerechtigkeit, aber er litt für die anderen mit – daher Liebe! Ich habe mich mit Herrn Kaplan Bobrowski oft darüber unterhalten, und wir konnten den Professor bis ins kleinste verstehen. Wenn heute viele Insassen des Lagers kein Rachegefühl hegen und die unwürdige Behandlung vergessen konnten, so sind das die Früchte dessen, was der Professor gesät hat.


Im Lager Bergen-Belsen hatten wir schwer unter Hunger zu leiden. Ein Löffel der sogenannten „Suppe“ hatte großen Wert für den menschlichen Organismus. So oft ich mich an den Professor wandte und ihm das anbot, was ich in Form von „Suppe“ organisiert hatte, lehnte er bescheiden mit der Entschuldigung ab, dass es noch andere gäbe, die es nötiger hätten als er.


Während des Appells war es einmal erbärmlich kalt. Alle klagten über Kälte, besonders ich litt unter diesem bösen Klima. Der Professor nahm diese Gelegenheit wahr, um eine schöne Betrachtung über Askese anzuschließen und dadurch das seelische Gleichgewicht der vom Schicksal Betroffenen wiederherzustellen.


Anfang März verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Professors zusehends. Er litt an einer Magenkrankheit, zu der sich eine andere furchtbare Krankheit, der Flecktyphus, gesellte. Er wurde immer weniger, ohne jemals ein Wort über seine Krankheit fallen zu lassen.


Mehr als die Hälfte der früheren Hörer des Professors ist im Lager umgekommen, darunter auch sein Freund, Pfarrer Stefan Szweinoch. Einige Tage später entschlief auch der Professor. In meinem Gedächtnis sehe ich, wie man den toten Leib des Professors vor den Block 5 hinauswarf. Aus dem Fenster des gegenüberliegenden Blocks habe ich für den toten Professor gebetet. Ich weinte lange, und lange konnte ich mich nicht beruhigen.

Was mich anbetrifft, so muss ich zugeben, dass ich Professor Johannes Verweyen nicht nur verehrt, sondern auch geliebt habe.

 

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„Ich würde mich über die Maßen freuen, wenn das Gottesreich auf Erden in Gestalt der Kirche als des „fortlebenden Christus“ von immer mehr Menschen erkannt und wenn seine Ordnungssprüche zur Richtschnur des Lebens gewählt würden, wenn die Spaltungen im Glauben an Jesus Christus und sein Reich immer mehr verschwinden würden, wenn die Weissagung von dem einen Hirten und der einen Herde bald in Erfüllung ginge, wenn sich insbesondere die Ostkirche mit dem vielfachen Reichtum ihrer Überlieferung bald wieder mit der Mutterkirche vereinigen würde, von der sie sich vor bald tausend Jahren, wohl mehr aus politischen als religiösen Gründen, trennte, wenn die „herrliche Freiheit der Kinder Gottes“ sich auf dem Angesicht möglichst vieler kirchentreuer Christen spiegeln und zu einem anziehenden Vorbild für Andersgläubige und Andersdenkende würden.“

 

Prof. Dr. Johannes Maria Verweyen,

geboren am 11. Mai 1838 in Till bei Kleve,

gestorben im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen