Totenbretter

 

Von P. Gehrlein und P. Dittrich SVD,

aus „Wochenpost“, Missionsdruckerei Steyl,

6. Jahrgang, Nr. 5

 

Der Brauch der Totenbretter gehört zu den eigenartigsten und seltsamsten aller deutschen Volksbräuche. Er findet sich heute nur beim Volksstamm der eigentlichen Bayern, und auch hier nur noch an vereinzelten Stellen. Die moderne Zeit drängt ihn immer mehr in die abgelegeneren Teile Ober- und Niederbayerns sowie der Oberpfalz zurück. So lebt er heute eigentlich nur noch bei den „Wäldlern“, d.h. bei den Bewohnern des Bayerischen Waldes und des Böhmerwaldes, wo die einfachste und darum wohl auch ursprünglichere Art in der nördlichen Oberpfalz in Brauch ist. Hier trifft der Wanderer häufig an Dorfrändern und bei einsamen Höfen, an Wegkreuzungen und „Marterln“ ein bis zwei Meter lange und ungefähr dreißig Zentimeter breite Bretter, allein oder in größerer Anzahl, die ähnlich wie Friedhofskreuze Namen und Lebensdaten eines Verstorbenen tragen. Das sind Totenbretter, hier auch „Leichbretter“ genannt. Ihr Name erklärt sich aus ihrer Herkunft und Verwendung.

 

Der Todesengel ist in ein Haus gekommen. Er nahm ein warmes Leben mit und ließ den kalten Leichnam zurück. Da geht jemand von den Anverwandten alsbald zum Schreiner und besorgt ein Brett, das ungefähr der Körpergröße des Verstorbenen entspricht. Dann wird der Tote aus dem Bett gehoben und auf diesem Brett zwischen zwei Stühlen aufgebahrt, bis der bestellte Sarg eintrifft. Mancherorts legt man auch das Totenbrett – auch mehrere Bretter – über die beiden Bettenden, so dass die Leiche hoch über dem Bett ruht. Anderswo herrscht die Sitte, das Brett ins Bett unter den Toten zu legen. Ist der Sarg angekommen und der Tote umgebettet, hebt man das Bett bis nach der Beerdigung auf. Dann wird es vom Schreiner gehobelt, mit der genannten Beschriftung versehen (oft mit Sprüchen, Bemalung, drei Kreuzen u.a.) und an den meist durch die Gewohnheit bestimmten Platz für Totenbretter gebracht.

 

Sinn und Zweck der Totenbretter lässt sich aus ihrer Aufschrift leicht herauslesen. Sie sollen ein schlichtes Denkmal für den Verstorbenen sein. Das sagen Formeln wie: „Zur frommen Erinnerung …“ oder „Wer hier vor meinem Denkmal steht …“ Zugleich aber bilden sie ein Mahnmal für die Lebenden, für die Arme Seele zu beten, aber auch des eigenen Seelenheils und Todes eingedenk zu sein. Dieser Doppelzweck kommt in den volkstümlichen Totenbrettsprüchen zum Ausdruck, wie z. B.

 

„Wie ist das Scheiden doch so schwer,

Wie wird das Haus so öd und leer,

Wie weint sich Herz und Mund so wund

Bei einer Mutter Sterbestund.“

 

Oder:

 

„Du liebes Sohn- und Bruderherz

hast aufgehört zu schlagen,

Ach, leider allzu früh hat man

dich schon begraben.

Ein Trost nur bleibt in Schmerz und Wehn:

Dort oben gibt’s ein Wiedersehn.“

 

Damit die Totenbretter ihren Zweck, Denkmal und Mahnmal zu sein, erfüllen können, werden sie an Stellen angebracht, die augenfällig, häufig begangen und doch wieder abgesondert und stimmungsvoll sind.

 

So finden wir sie am Wegrand stiller Kirchgangpfade, im Schatten gewaltiger Linden, an Kapellenwänden, unterm Schutz alter „Marterln“, beim Feldkreuz neben dem Vogelbeerbaum, am Ufer des Baches und am Waldrand. Bald hängen sie senkrecht an Baumstämmen oder stehen aufrecht als Fuß von Bildstöcken, bald sind sie quer an Wänden und Zäunen festgemacht oder ruhen waagerecht einfach auf vier Pflöcken am Boden. Immer mahnen sie den Wanderer, des Toten und des Todes zu gedenken, und bilden so Stätten stiller Gedanken und religiöser Stimmung. Damit soll aber nicht verschwiegen sein, dass sie manchmal zum Lieblingsmotiv von Geistergeschichten und Totenmärchen, besonders für die Kinder, aber in sogenannten unheimlichen Zeiten selbst für die Erwachsenen zu Orten des Gruselns und des Grauens werden.

 

Die geschichtliche Frage nach der Herkunft des Brauches ist wohl noch nicht ganz geklärt. Tatsache ist, dass die Totenbretter schon im ältesten Gesetzbuch der Bayern (7. und 8. Jahrhundert) erwähnt werden. In jener Zeit wurde, da es noch keine Särge gab, dem Toten das Brett, auf dem er geruht hatte, mit ins Grab gegeben. Man legte es über den Toten, bevor das Grab zugeschaufelt wurde. Eine andere Gewohnheit war lange Zeit folgende: Die Leiche wurde auf dem Totenbrett zum Gottesacker getragen. Dort band man sie vom Brett los und ließ sie darauf – die Füße voran – langsam ins Grab hinuntergleiten. Als dann der Sarg zur Einführung kam, war das Totenbrett für diesen Zweck nicht mehr nötig. So erhielt es seine neue Bestimmung. Zeit und Ort der ersten Verwendung in dieser Weise lassen sich wohl kaum ermitteln. Der Brauch soll übrigens früher auch in Salzburg, Tirol, Ostfranken, Schwaben (Schwarzwald), ja sogar in höher gelegenen Teilen Frankreichs in Übung gewesen sein.

 

Auf jeden Fall bildet das Toten- oder Leichenbrett einen altehrwürdigen, wertvollen Volksbrauch. Es gibt eindringlich Zeugnis vom christlichen Jenseitsglauben und predigt nachdrücklich die Überzeugung von der Wirkkraft des frommen Bittgebetes für die Armen Seelen. Es ist ein Denkmal für die Toten und ein Mahnmal für die Lebenden.

 

„O Wanderer, steh still und lese!

Was du jetzt bist, bin ich gewesen,

Was ich jetzt bin, wirst du einst werden:

Wir alle sind nur Staub auf Erden,

Benütze reichlich deine Zeit,

Wirk Gutes für die Ewigkeit!“