Toleranz

 

Die Toleranz

 

„Die Katholiken sind unduldsam und rücksichtslos gegen die Überzeugung der Andersgläubigen!“ das ist einer der Vorwürfe, die wir am öftesten zu hören bekommen. Und in der Tat, ganz Unrecht haben die Gegner mit ihrer Behauptung nicht. Wir Katholiken sind wirklich intolerant d.h. unduldsam gegen den Irrtum, das ist wahr. Aber wir sind andererseits sehr tolerant und liebevoll gegen die Irrenden, wenn diese ehrlich und aufrichtig Frieden mit uns zu halten bereit sind. Freilich, wenn sie uns angreifen und unsere heiligsten Rechte verletzen, dann werden wir unduldsam, setzen uns zur Wehr und weisen den Feind in die Schranken zurück.

 

1. Intoleranz gegen den Irrtum.

Wir Katholiken wissen mit Sicherheit, dass unsere Kirche, welche so viele Siegel und Merkmale göttlichen Ursprungs an sich trägt, die wahre Kirche Christi ist. Wir sind daher gewiss, dass auch ihre Lehre in allen Punkten wahr, dass somit jede entgegengesetzte Ansicht falsch und verwerflich ist. Wenn wir darum auch gerne zugeben und anerkennen, dass viele Andersgläubige, z.B. Protestanten, ehrenhafte und gute Menschen sind, so können wir doch nie und nimmer zugeben, dass der Protestantismus eine gute Religion ist; den Personen können wir aufrichtige Hochschätzung entgegenbringen, aber jene Lehrmeinungen der Protestanten, worin sie von uns abweichen, können wir unmöglich achten und respektieren, sondern müssen sie notwendig geringschätzen und verwerfen. Ein Irrtum hat nun einmal nichts Ehrwürdiges und Achtbares an sich, auch wenn derjenige ein guter Mensch ist, der ihn festhält und verteidigt. Du liebst deinen Vater gewiss mit der aufrichtigen Liebe; aber wenn er dir einzureden sucht, der Mond sei größer als die Sonne und Asien kleiner als Europa, so wirst du seiner Behauptung sicher nicht beistimmen. Du wirst vielleicht schweigen und nicht offen widersprechen, um ihm nicht weh zu tun; aber seine Meinung achten und billigen, das kannst du nicht, weil sie ganz offenbar falsch ist.

In der nämlichen Lage befinden wir Katholiken uns den Andersgläubigen gegenüber. Wir erzeigen den getrennten Schwestern und Brüdern herzliche Achtung und Liebe, solange es sich um ihre Person handelt. Aber wenn sie von uns fordern, wir sollten auch von ihrer Religion einen gewaltigen Respekt haben und ihre Anschauungen als gleichberechtigt mit der katholischen Lehre anerkennen, dann erwidern wir ebenso bestimmt als höflich: „Freunde, ihr verlangt zu viel. Es ist nicht erlaubt, Licht und Finsternis, Wahrheit und Irrtum auf gleiche Stufe zu stellen. Die Wahrheit aber ist bei uns und nicht bei euch: denn unsere Kirche reicht hinauf bis in die Zeiten Christi, die eure ist erst ein paar Jahrhunderte alt. Unsere Kirche steht auf dem Felsen Petri, die eurige nicht. In unserer Kirche herrscht trotz ihrer allgemeinen Verbreitung die großartigste Einheit, die eure ist in zahllose Sekten zerklüftet. In unserer Kirche werden vielfach die evangelischen Räte beobachtet und erstehen immer neue Heilige, die eure ist unfruchtbar geblieben bis auf den heutigen Tag!“

So lautet die Antwort, die wir den von uns getrennten Schwestern und Brüdern geben. Klingt sie etwas hart, so ist das nicht unsere Schuld. Es ist eben die Sprache der selbstbewussten Wahrheit, die von Natur aus intolerant ist und keinen Irrtum als gleichberechtigt neben sich duldet.

 

2. Toleranz gegen die Irrenden.

Die falschen Lehren der Andersgläubigen haben keinen Anspruch auf unsere Hochschätzung; aber den Irrenden selbst sind wir, wie gesagt, im Allgemeinen aufrichtige Achtung und Teilnahme schuldig. Denken wir uns nur in ihre Lage hinein! Viele von ihnen, in manchen Gegenden fast alle, befinden sich in einem unverschuldeten Irrtum. Sie sind in der falschen Religion geboren und aufgewachsen; sie können nichts dafür, dass sie lutherische oder kalvinische Eltern und Voreltern, Erzieher und Lehrer gehabt haben. Man darf auch nicht glauben, dass es für solche Menschen gar so leicht sei, die Wahrheit der katholischen Religion klar zu erkennen; man hat ihnen ja von Jugend auf nur ein Zerrbild derselben gezeigt und alle erdenklichen Vorurteile beigebracht. Dazu kommen die Schwierigkeiten, an denen leider wir selber schuld sind. Ja, wenn wir Katholiken lauter Heilige wären, wenn bei uns allen das Leben mit dem Glauben im Einklang stünde, dann müssten es die Andersgläubigen gleichsam mit Händen greifen, dass unsere Religion die wahre ist. So aber können sie, vielfach mit Recht, behaupten, die Katholiken seien um wenig oder nichts besser als sie. Kurz gesagt: wir haben für gewöhnlich kein Recht dazu, den getrennten Schwestern und Brüdern ihren Glaubensirrtum zum Verbrechen anzurechnen und sie zu verurteilen; wir haben vielmehr allen Grund, aufrichtiges Mitleid und innige Nächstenliebe gegen sie im Herzen zu tragen.

Dieser inneren Gesinnung entspricht unser ganzes Benehmen im Verkehr mit Andersgläubigen. In Gegenden mit gemischter Bevölkerung, wo Protestanten und Katholiken zusammenleben, kommen wir den ersteren auch äußerlich mit aller Achtung und Freundlichkeit entgegen. Wir stören sie nicht in der freien Ausübung ihrer Religion. Wir reizen sie nicht durch Vorwürfe, Verleumdungen und üble Nachrede. Wir suchen nutzlose Streitereien über religiöse Dinge nach Tunlichkeit zu vermeiden. Wir erkennen neidlos die guten Eigenschaften, Leistungen und Erfolge der andern an. Wir wirken einträchtig mit ihnen zur öffentlichen Wohlfahrt zusammen als Glieder desselben Staates oder der nämlichen Gemeinde. Wir sind gern bereit, nach dem Beispiel des barmherzigen Samaritans auch die Andersgläubigen in zeitlicher Not zu unterstützen, wie denn auch allenthalben die katholischen Krankenschwestern ebenso gut Protestanten wie Katholiken in ihren Spitälern und Lazaretten verpflegen. Kurz, wenn auch die religiöse Überzeugung uns trennt, so verknüpft uns doch die christliche Liebe, die uns in allen Menschen Kinder des einen himmlischen Vaters zeigt, der ja auch seine Sonne aufgehen lässt über Katholiken und Protestanten, Juden und Heiden.

So üben wir also im bürgerlichen Verkehr die weiteste Toleranz gegen unsere getrennten Schwestern und Brüder, natürlich mit dem berechtigten Wunsch, es möchten diese ihrerseits auch uns mit aufrichtiger Hochachtung und Liebe begegnen. Leider ist dies nicht immer der Fall.

 

3. Das Recht der Notwehr.

Die wahre Toleranz besteht keineswegs darin, dass man sich nicht rührt, wenn einem die heiligsten Rechte vorenthalten, verkürzt oder geraubt werden. In dieser Lage aber befinden sich vielfach die Kinder der wahren Kirche Jesu Christi. Fürs erste gibt es auch heute noch einzelne Staaten, in welchen die Katholiken nicht als gleichberechtigt mit den Gliedern der übrigen christlichen Bekenntnisse angesehen werden, sondern allerlei ungerechten Ausnahmegesetzen unterstehen. In anderen Ländern ist zwar den Katholiken durch die Verfassung gleiches Recht mit den Protestanten zugesichert; aber in der Praxis werden doch die letzteren überall bevorzugt und fast mit allen wichtigeren Ämtern betraut, während ein Katholik nur äußerst schwer zu einer höheren Stelle Zutritt findet. Ja, selbst in Staaten mit überwiegend katholischer Bevölkerung sind die katholische Religion und ihre Bekenner häufig den unwürdigsten Angriffen und Kränkungen ausgesetzt. Wir brauchen gar nicht nach Frankreich zu schauen, wo ein förmlicher Vernichtungskampf gegen die Kirche begonnen hat! Auch in Ländern deutscher Zunge lästert man in Wort und Schrift ungescheut die Glaubenssätze und Gebräuche unserer heiligen Religion, verleumdet ihre Priester, schließt die katholischen Studentenverbindungen an den Universitäten von den öffentlichen Versammlungen aus; ja, man verschmäht kein Mittel der Lüge, Heuchelei und Bestechung, um die Gläubigen von Rom, dem Mittelpunkt der Einheit, loszureißen und sie dem Protestantismus, oder richtiger gesagt, dem Unglauben in die Arme zu treiben. Denn das ist eine offenkundige Tatsache, dass die wütendsten Anfeindungen der katholischen Kirche heutzutage nicht so sehr von den Andersgläubigen, als von den Ungläubigen ausgehen, mögen es nun Juden, Protestanten oder Katholiken sein. Diese Menschen also, die weder an die heiligste Dreifaltigkeit noch an die Gottheit Christi, ja, oft nicht einmal an das Dasein eines persönlichen Weltschöpfers und an die Unsterblichkeit der Seele glauben: sie haben sich untereinander verbrüdert und verschworen, die Kirche Christi zu knebeln, ihrer Rechte zu berauben und sie schließlich, wenn es geschehen könnte, vom Erdboden zu vertilgen. Ihre Angriffe sind nicht gegen die einzelnen Katholiken, sondern gegen die Kirche und schließlich gegen Gott den Herrn selbst gerichtet.

Und da sollten wir untätig zuschauen und schweigen und dulden, bis nichts mehr zu retten ist? Das wäre nicht Toleranz, sondern Stumpfsinn und Feigheit. Nein, wir haben das Recht und die Pflicht und auch den Willen, unsere heiligsten Güter gegen freche Räuber zu behaupten und die Sache Gottes gegen frevelhafte Eingriffe zu verteidigen – nicht mit den Waffen der Gegner d.h. durch Verleumdung und Lüge, Bedrückung und rohe Gewalt, sondern in der Rüstung der Wahrheit und durch kraftvolle Anwendung aller gesetzlich zulässigen Mittel. Wir wünschen aufrichtig den Frieden, aber einen ehrenhaften Frieden, der auf beiden Seiten gehalten wird. Verweigert man ihn, dann nehmen wir mutvoll den Kampf auf im Vertrauen auf Gott, der zwar keine Wunder wirkt zugunsten der Trägen und Säumigen, wohl aber gern denjenigen beisteht, die ihrerseits alles tun, was sie können.