Der Tod

 

Der Gruß zur Ewigkeit

 

Wie stellst du dir den Altmeister Tod vor, der schon Jahrtausende um die Erde wandert und von jedem Menschen einmal gegrüßt sein will? Ist er wie ein eisgrauer Alter mit blutlosem Gesicht und erloschenen Augen, der dir stumm zuwinkt, in seinen grauen Kahn zu steigen und in ein düsteres Nebelmeer zu fahren? So haben ihn die alten Heiden Griechenlands sich vorgestellt.

 

Ist er ein bleiches, knorriges Gerippe, mit Leintuch und geschwungener Sense, wie ein Schnitter, der an der blühenden Wiese steht? Hui, wie die Sense saust, wie Gras und Blumen in langen Schwaden hinsinken! Und das Gerippe grinst; denn was es hinmäht, sind nicht Gras noch Blumen, sondern glückverlangende, lichtsuchende Menschen. O was für ein Schnitt ins Innerste der Seele! So steht der Tod, in Stein gehauen, lebensgroß auf einem Grabmal, auf dem Kirchhof.

 

Nicht weit davon steht auf demselben Kirchhof der Tod als Frau in Stein gehauen; man möchte das Bild „Die Auflösung“ nennen. Da lehnt eine Frauengestalt, halb stehend, halb liegend, in ohnmachtähnlichem Schlaf gegen eine Rückwand. O welch ein trauriges Auseinanderstieben alles dessen, was man in mühevoller Lebensarbeit gesammelt hat!

 

Oder ist es eine edle Engelsgestalt, die am Rand der Lebensstraße sitzt und müde Wanderer mit ihrer Tageslast vorbeikeuchen und nach der fernen Heimat „Friede“ ausschauen sieht? Da fasst der Engel einen sanft bei der Hand und küsst ihn auf die heiße Stirn und spricht: „Komm mit, du bist am Ziel, hier ist der Friede!“

 

Gib einmal acht, wie merkwürdig das ist: Aus der Art, wie du dir den Tod vorstellst, kann ich dir sagen, wie du dir das Leben vorstellst.

 

Du meinst, das ginge nicht? Das geht ebenso gut, wie wenn du aus einem Blatt Papier eine Figur herausschnittest, und mir dann das Blatt mit dem Loch gäbst, das durch dein Schneiden entstanden ist. Aus der Lücke im Papier kann ich doch ganz genau sehen, was du da ausgeschnitten hast. So ist auch der Tod eine Lücke des Lebens, zeigt also die umgekehrten Züge.

 

Darum ist es so interessant, die Symbole zu studieren, unter denen der Tod von den Menschen dargestellt wird: Als trauernder Jüngling mit umgekehrter erlöschender Fackel, als geborstene oder gestürzte Säule, als steinerne Aschenurne, als grinsender Schädel mit gekreuzten Knochen, als schwarzer Reiter, als erlöschende Kerze und auf andere Weise, deren wir einige schon im Anfang angesehen haben.

 

Was für ein Symbol passt wohl auf den Tod eines Heiden, der nicht an ein Jenseits glaubt? Doch wohl gut der Jüngling mit umgekehrter Fackel. Das Licht ist erloschen, das Dunkel beginnt.

 

Oder, wenn der Glaube an das Jenseits noch nicht ganz erloschen ist: der unheimliche Fährmann im düsteren Kahn.

 

Und welches Symbol passt auf den Tod eines Lebemenschen? Wohl der unbarmherzige Schnitter mit der Sense. Oder das Bild, das einem ihrer Dichter beim herannahenden Tod vorschwebte:

 

Das ist der böse Thanatos,

Er kommt auf einem schwarzen Ross;

Ich hör den Hufschlag, hör den Trab,

Der dunkle Reiter holt mich ab.

(Thanatos=Tod)

 

Wie würde man aber den Tod malen, wenn man ihn sichtbar an das Sterbebett Mariä, der lieben Gottesmutter, treten ließe, deren Hinscheiden wir feiern?

 

Sicher als einen verklärten Engel, oder als eine Schar solcher seligen Geister, die mit Ehrfurcht und sehnlicher Erwartung in das Gemach der Fürstin Himmels und der Erde treten, um sie zum Triumphzug in ihr Reich, zur Hochzeit des königlichen Bräutigams zu holen.

 

Hier hat der Sensenmann nicht Platz, denn es wird keine Blume weggemäht; sie wird nur in ein schöneres Paradies verpflanzt. Hier passt kein düsterer Fährmann hin, der ins graue Schattenreich fährt, sondern ein königliches Geleite in die seligen Räume des Lichtes. Hier kann kein Jüngling mit umgekehrter Fackel stehen, denn das Licht ihres Lebens strahlt im Himmel weiter gleich einer Sonne, vor der selbst die Engel wie Sterne verbleichen. Hier ist der Tod keine abschreckende Gestalt, denn er wurde mit Sehnsucht herbeigewünscht, als Pforte zum himmlischen Brautgemach. Hier kann man keine abgebrochene Säule auf das Grab setzen, denn das Zepter ihrer Macht wurde ihr nicht entrissen, sondern in neuem Glanz ihr anvertraut samt der königlichen Krone.

 

Welch ein helles Licht warf dieser Tod auf das vorhergehende Leben! Wie süße Heimatlaute umschmeichelte es das Ohr und ließ die Klänge der ewigen Musik schon aus den Himmelsräumen herüberrauschen. Es war, wie wenn ein einsamer Wanderer beim Morgengrauen am Meer steht und Wolken und Fluten sich schon rosig färben und purpurn heranrauschen und immer neue Lichtgarben am Horizont dem Ozean entsteigen, bis endlich die Sonne heraufzieht in glühender Pracht und der Mensch hingerissen die Arme ausbreitet und freudig ausruft: Sei gegrüßt, du leuchtendes, ewiges Licht!