Etwas über das Tischgebet

 

Du sitzt vor dem Brot und hast gesehen, wie vieles sich ineinander geflochten hat: Feuer und Wasser, Luft und Sonnenschein, der Stand und Hantierung des Menschen, Gottes Segen und Vorsehung, die über allem gewebt und gewaltet hat, bis es dahin gekommen ist, dass du jetzt das Stück Brot vor dir liegen hast als eine Gabe der reinen Güte Gottes. – Und wer bist denn du? Du bist ein Sünder, welcher angefangen hat zu sündigen, sobald die ersten Kinderjahre zurückgelegt waren; du sündigst noch und wirst sündigen bis an dein Ende. Selbst das Gute, was du etwa getan hast, ist unrein, weil du es nicht bloß wegen Gott getan hast und weil dein Gutes gewöhnlich ohne ernste Umsicht und Sorgfalt, wie der Dienst eines großen Herrn es verlangt, ausgeführt worden ist. Du hast Gott unaufhörlich beleidigt, und er hat dir unaufhörlich Gutes getan. Und auch jetzt liegt eine Guttat Gottes vor dir, ein Stück Brot. – Willst du gedankenlos zugreifen wie ein Tier, dem man etwas zu Fressen hinwirft? Du sollst nicht nur danken dafür, was Gott durch seine Vorsehung dir vorgelegt hat, sondern du solltest gleichsam dich schämen und kaum getrauen zuzugreifen, indem du dir selber sagst: ich verdiene Strafe und keine Wohltat. Wenn der Mensch recht wüsste, was er selber ist und was ihm gebührt, so müsste er nur mit Beschämung, Scheu, reuevollem Dank und Bewunderung der Großtat und Menschenfreundlichkeit Gottes seine Hand nach dem Brot ausstrecken.

Alban Stolz