Der Untergang des Templerordens

 

Siebenhundert Jahre sind verflossen, seit in Frankreich Ereignisse sich zutrugen, die als schwarzer Fleck auf der Geschichte dieses Landes haften. Es ist die unter unsäglichen Gräueln durchgeführte Vernichtung des Templerordens. Der Orden gehörte zu jenen geistlichen Rittergesellschaften, die ihre Entstehung den Kreuzzügen verdankten. Gestiftet in Jerusalem zu Anfang des Jahres 1120, diente der Orden der Templer dem Schutz der Pilger, die zum heiligen Grab gingen. Wer in den Orden eintrat, hatte die Mönchsgelübde abzulegen. Die erste Wohnung der Ritter war ein Palast, der sogenannte Salomonische Tempel, danach führte der Orden seinen Namen. Gekleidet gingen die Templer in weiße Gewänder mit rotem Kreuz. Die Oberleitung hatte ein Großmeister, neben dem eine Reihe von Großwürdenträgern waltete. Zu den Templern gehörten sehr viele vornehme Ritter aus allen Landen, die auf ihre erlauchten Familien und auf die von dem Orden ausgeübten Heldentaten ungemein stolz waren. Leider führte diese Vernachlässigung der ihnen geziemenden Demut bald zu Unzuträglichkeiten, Zwistigkeiten entbrannten, vor allem mit den Johannitern. Als trotz aller unter so endlosen Opfern gemachten Bemühungen das Heilige Land den Christen verloren ging, suchte der Templerorden sich von neuem eine Stellung zu schaffen, und zwar auf der Insel Zypern.

 

Das hohe Ansehen des Templerordens hatte alsbald seit seiner Gründung dazu geführt, ihm außerordentliche Reichtümer zu verschaffen. Das jährliche Einkommen des Ordens belief sich gegen Ende des 13. Jahrhunderts auf über 50 Millionen Francs. Im Ganzen gehörten ihm 9000 Ordenshäuser, von denen sich in Frankreich allein über 1000 befanden. Daselbst war auch eines der großen Schatzdepots des Ordens. Es befand sich in dem sogenannten Temple zu Paris und diente dazu, den Templern die Stellung von Bankiers der französischen Könige zu sichern.

 

Der Reichtum sollte dem Orden zum Verderben werden. Zu jenen, die bei ihm am tiefsten in Schulden steckten, gehörte der französische König Philipp der Schöne, der 1325 als 17jähriger Jüngling zum Thron gekommen war und wegen seines Streites mit Papst Bonifatius VIII. besonders bekannt geworden ist. Philipp, der sich immer in Geldverlegenheit befand, hatte schon durch Ausplünderung der Juden und durch ausgiebigste Falschmünzerei bewiesen, dass ihm zur Befriedigung seiner Habgier jegliches Mittel recht sei. Im Jahr 1304 war er wieder einmal so weit, dass er bei den Templern Geld borgen musste. Er tat es, indem er ihnen reichliche neue Privilegien verlieh, wobei er gleichzeitig ihre Frömmigkeit, Mildtätigkeit samt allen möglichen anderen Tugenden nicht laut genug zu rühmen wusste. In seinem Innern aber sah es anders aus. Er hatte beschlossen, sich in den Besitz der sämtlichen Schätze des Ordens zu setzen, den er bitterlich beneidete, und dessen Freiheit und Unabhängigkeit ihm unerträglich war. Noch dazu hasste er ihn nach Art kleinlicher Tyrannen, weil dem Orden einmal seine Schwäche kundgeworden war. Das war damals gewesen, als er bei einem Aufruhr in Paris bei den Ordensbrüdern vor der Wut des Volkes hatte Schutz suchen müssen. Auch dass die Templer dem Papst Bonifaz gegen ihn beigestanden hatten, vermochte er nicht zu überwinden. Von solchen Gesinnungen erfüllt, trachtete er danach, den Templerorden überhaupt zu vernichten und suchte nach Vorwänden dazu.

 

Es war im Jahr 1305, als ein gewisser Squin de Florian, ein Bürger aus Beziers, auf den Tod angeklagt, im Gefängnis lag und daselbst mit einem unwürdigen Subjekt zusammenhauste, das ehemals dem Templerorden angehört hatte und wegen seiner Verbrechen von ihm ausgestoßen war. Dieser Mensch erging sich in seiner Rachsucht in den wildesten Reden über den Orden, den er der unglaublichsten Verbrechen bezichtigte. Squin beschloss nun sein Leben dadurch zu retten, dass er dem König, dessen Gesinnung gegen die Templer ihm bekannt war, die Anklagen des Zellengenossen hinterbrachte. Noch ein dritter, gleichfalls ein Ex-Templer, ein gewisser Roffodei aus Florenz, leistete Hilfe. Den lügenhaften Bericht des Squin nahm Philipp begierig und beifällig auf und hatte nun nichts Eiligeres zu tun, als sich an den Papst mit dem dringenden Verlangen zu wenden, dass sich die höchste Instanz der Sache alsbald annähme. Er erhielt auch die Zusicherung, dass eine Untersuchung angestellt werden solle. Darauf zu warten hatte aber der König keine Lust. Er beschloss, die Sache selber auf seine Weise in die Hand zu nehmen. In erster Linie musste er sich dazu der Person des Großmeisters versichern. Der aber war ein wackerer Ritter aus der Gegend von Besancon, des Namens Jakob von Molay. Ihm wurde mitgeteilt, dass König Philipp den innigen Wunsch habe, und den mit dem Papst Klemens V. teile, einen Kreuzzug zu unternehmen, zu dem Zweck sowohl Geld als eine persönliche Vereinbarung mit dem Haupt des militärisch so wichtigen Templerordens notwendig sei. Molay, nichts Böses ahnend, machte sich Anfang 1307 auf den Weg nach Paris, brachte auch seine Großoffiziere mit und gleichzeitig „150.000 Goldstücke und des Silbers so viel, als zehn Maultiere nur schleppen konnten“. Kaum war er eingetroffen und mit scheinbarer Freundlichkeit aufgenommen worden – wobei er alsbald um einen großen Teil des mitgebrachten Geldes erleichtert wurde – erneuerte Philipp sein Andrängen beim Papst wegen der Aufhebung des Ordens und der Untersuchung, die nicht den geringsten Aufschub mehr haben dürfe.

 

Völlig unerhört waren die Dinge, die dem Orden als Schuld zugeschoben wurden. Man behauptete, dass der geistliche Verband auf jede erdenkliche unrechte Art nach fortwährender Bereicherung strebe, dass seine Mitglieder gräulichsten unnatürlichsten Lastern ergeben seien, dass er Jesus, Maria und alle Heiligen verleugne, das Kreuz Christi beschimpfte usw. Als Molay merkte, dass Gefahr nahte, bat er selbst den Papst, die Untersuchung anzustellen, damit die unsinnigen Gerüchte zerstreut würden. Damit war aber dem König Philipp nicht gedient. Im September 1307 erließ er an sämtliche Statthalter der französischen Provinzen ein Schreiben, dem ein verschlossener Brief beigelegt war. Dieser durfte bei Todesstrafe nicht früher, noch später, als an einem bestimmten Tag im Oktober geöffnet werden. Er enthielt den Befehl, unmittelbar nach dem Lesen sämtliche Tempelritter zu verhaften. Das Schicksal traf natürlich auch Molay, der mit 140 Ordensrittern im Temple zu Paris eingesperrt wurde. 400 Jahre später sollte in demselben Kerker ein französischer König, Ludwig XVI., seiner Hinrichtung entgegensehen. Die Verhaftung der Templer erregte beim Volk das höchste Aufsehen, aber der König sorgte dafür, dass in allen Kirchen die furchtbaren Anklagen öffentlich verlesen wurden, und so fand man sich, wiewohl kopfschüttelnd, in dies unerhörte Ereignis. Jetzt bekamen alle Untersuchungsrichter Frankreichs zu tun. Unter den entsetzlichsten Foltern wurden den unglücklichen Gefangenen die Geständnisse abgepresst. Wer gestand, sollte ausgehen, wer es nicht tat, verfiel dem Feuertod als Ketzer. Sehr vielen blieb dies letzte erspart, weil sie schon unter den Händen der Folterknechte starben.

 

Dass das ganze Vorgehen widerrechtlich war, wusste Philipp sehr wohl, kümmerte sich aber nicht darum. Denn der Orden stand ja in Wirklichkeit keineswegs unter weltlicher, sondern unter geistlicher Gerichtsbarkeit, die in diesem Fall nur vom Papst selbst ausgeübt werden konnte. Klemens V. war ein weichmütiger Mann, aber die auf Befehl des Königs begangenen Gräuel brachten ihn trotzdem dazu, energischer einzuschreiten. Er legte Verwahrung gegen die Behandlung des Ordens ein und enthob den Großinquisitor Wilhelm von Paris seines Amtes, das er zugunsten des Königs missbraucht hatte. Philipp ließ sich dadurch nicht im mindesten beirren, wies des Papstes Einmischung in schroffster Weise ab und sammelte eifrigst weiter Belastungsmaterial gegen den verhassten Orden, das durch die schnöden Folterungen in Masse zusammengebracht wurde. Freilich, wo es Gerichte gab, die vom König unabhängig geblieben waren, wie in Metz, Toul und Verdun, da wurden auch keine Geständnisse erzielt. Ebenso wenig fand Philipp mit seinen Beschuldigungen in anderen Ländern den geringsten Glauben. Gewiss, dass nicht alles bei den Templern ohne Fehl und Tadel gewesen war, das wusste man, aber das betraf doch stets nur einzelne Fälle. Der Orden im Ganzen war rühmlich bekannt wegen seiner Tugend, Tapferkeit und Wohltätigkeit.

 

Vor dem Parlament zu Tours, im Mai 1308, führte Philipp das große Wort. Dort erklärte er, Moses habe seinerzeit auch nicht bei Aaron angefragt, ob er die Anbeter des goldenen Kalbes strafen dürfe, sondern habe sie auf eigene Hand töten lassen. Ebenso seien heutigen Tages die Templer des Todes schuldig. Einige Schwierigkeit machte dem König die um ihr Gutachten befragte Universität Paris. Sie erklärte, dass der Orden nicht unter weltlicher Gerichtsbarkeit stände, dass ein weltlicher Fürst überhaupt nicht in der Lage sei, über Ketzereien zu urteilen. Sein Recht gehe nur soweit, die Verdächtigen gefangen zu nehmen und sie dem Papst auszuliefern. Nun bestürmte Philipp den schwachen Klemens V. stärker denn je zuvor, berief sich auf die erdrückende Masse der vorliegenden Geständnisse und brachte trotz deren Wertlosigkeit Klemens wirklich die Überzeugung bei, dass sich alles so verhielte, wie er sprach. Der Großinquisitor wurde wiedereingesetzt. Das Urteil über den Großmeister und die obersten Würdenträger des Ordens wollte der Papst selbst sprechen, doch wusste Philipp das wohlweislich zu verhindern. Seine Angabe, dass die Angeklagten die Reise zum Papst nicht machen könnten, beruhte freilich auf trauriger Wahrheit, da jene durch die Foltern in den elendsten Zustand geraten waren. Hatte doch damals sogar Molay eine Zeit lang seine Standhaftigkeit verloren und bekannt, dass der Orden tatsächlich Christus verleugne.

 

Der Papst setzte hierauf eine Kommission ein, die am 7. August 1309 ihre erste Sitzung hielt. Für den 12. November lud sie alle diejenigen vor sich, die bereit wären, den Orden zu verteidigen. Dazu fanden aber nur wenige den Mut, und sie wurden auf des Königs Befehl alsbald verhaftet. Immerhin hatte eine Gegenbewegung eingesetzt. Im März 1310 fanden sich nicht weniger als 564 Personen, die den Orden verteidigen wollten. Aber da die Kommission in der Furcht vor dem König lebte, so erhielten jene Leute keine Anwälte. Mittlerweile wütete Philipp gegen den Orden weiter. Eine Gewalttat folgte der andern und der Hauptgehilfe des Königs war der von ihm selbst eingesetzte Erzbischof von Sens, ein Mann, dem Klemens V. nur infolge der Einschüchterungen durch Philipp seine Amtsbestätigung erteilt hatte. Eines der bekanntesten Ereignisse damals war das Verfahren gegen 54 Ritter, die mannhaft ihre ehemaligen Geständnisse als erzwungen widerriefen. Am 12. Mai wurden sie vor dem Tor Saint-Antoine zu Paris auf ihre Scheiterhaufen gestellt. Im Augenblick, ehe das Feuer entfacht wurde, verkündete ein Herold, dass sie alle frei sein sollten, wenn sie ihre letzte Aussage zurücknehmen würden. Weinend baten anwesende Verwandte die Ritter, dass sie die Rettung annehmen möchten. Sie aber blieben standhaft. Die päpstliche Kommission führte ihre erfolglose Tätigkeit noch eine ganze Zeit weiter, während der König mit seinen Kreaturen Provinzialkonzilien abhielt und die Brandurteile sich fortwährend mehrten. Am 1. Juni 1311 schloss die Kommission ihre letzte Sitzung. Im gleichen Jahr begann am 13. Oktober das allgemeine Konzil von Vienne, zu dessen wichtigsten Aufgaben außer der Besprechung anderer kirchlicher Fragen auch die des Prozesses gegen die Templer gehörte. Hier erklärten sich die anwesenden 300 Bischöfe bis auch 4 dafür, dass der Orden in öffentlichem und ordentlichem Gerichtsverfahren verhört werden müsse. Die Folge war, dass der König jede weitere Sitzung des Konzils bis in den April 1312 verhinderte. Er selbst erschien dort mit seinem ganzen Hofstaat und wiederholte von neuem das unbedingte Verlangen nach der Aufhebung des Ordens. Papst Klemens V. aber hoffte, dem Gräuel ein Ende dadurch bereiten zu können, dass er aus Friedensliebe dem König nachgab. In einem geheimen Konsistorium vom 22. März 1312 verfügte er, dass der Templerorden für immer aufgehoben sein solle. Die Güter des Ordens sollten an die Johanniter fallen. Der Großmeister und drei Ordenswürdenträger wurden zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt.

 

Als der Beschluss am 3. April 1312 veröffentlicht worden war, nahm Philipp unverzüglich die schon längst für ihn mit Beschlag belegten Schätze des Ordens weg. Die Güter musste er freilich den Johannitern geben, aber er rechnete ihnen dermaßen hohe Prozess- und Verwaltungskosten auf, dass sie darüber arm wurden.

 

Aber noch war Philipp nicht am Ziel seiner Wünsche, da der Großmeister und die drei Oberen lebten. An sie wurde das Verlangen gestellt, am 11. März 1313 des Königs Grausamkeiten öffentlich für gerecht und billig zu erklären. Vor einer ungeheuren Menschenmenge erschienen die vier Männer auf einem rot beschlagenen Gerüst, das bei der Notre Dame-Kirche aufgestellt war. Dort erklärte Molay unter ungeheurer Bewegung des Volkes, dass die sichere Aussicht auf seinen bevorstehenden Tod ihn nicht bewegen könne, noch einmal von der Wahrheit abzuweichen, da der Templerorden völlig unschuldig gelitten habe und vernichtet sei. Noch am gleichen Abend wurde Molay mit den anderen nach der Seine-Insel gebracht, wo sie in höchster Standhaftigkeit den Feuertod erlitten.

 

Damit endeten die letzten von den vielen tausend Mitgliedern des Templerordens, der 200 Jahre lang so ruhmreich geblüht hatte.