Tempelweihe

 

Wie beim auserwählten Volk Israel der prachtvolle Tempel Salomos nach seiner Vollendung unter großen Feierlichkeiten eingeweiht wurde, so war es seit den ältesten christlichen Zeiten üblich, die Gebäude, die zum Dienst Gottes errichtet waren, unter bedeutungsvollen Zeremonien einzuweihen. Zu welchem Zweck geschieht die Tempelweihe?

 

1. Der Tempel ist ein Haus Gottes. Die ganze Schöpfung ist ein erhabener Tempel Gottes, aber in der Kirche hat er seine besondere Wohnung aufgeschlagen. Von dem sagt der göttliche Heiland: „Mein Haus ist ein Bethaus.“ Wenn nun schon der Tempel zu Jerusalem von Christus als Wohnung Gottes bezeichnet wird, so trifft dies bei unseren katholischen Kirchen in noch weit höherem Grad zu, denn in ihnen verweilt der eingeborene Sohn Gottes mit Gottheit und Menschheit, mit Leib und Seele, mit Fleisch und Blut im allerheiligsten Altarsakrament. Von unseren Tempeln gilt mehr, als vom Tempel Salomos, die Versicherung Gottes: „Meine Augen sollen offen sein und meine Ohren aufmerksam auf das Gebet desjenigen, der da betet an diesem Ort, denn ich habe diesen Ort erwählt und geheiligt, dass mein Name dort sei ewig, und meine Augen und mein Herz sollen dort bleiben alle Tage.“ (2 Chron 7,12ff) Sollten diese Worte nicht noch mehr gelten von den Tempeln des Neuen Bundes, in denen der menschgewordene Gottessohn seinen Tempel aufgeschlagen hat?

 

2. Der Tempel wird geweiht zum Haus des Gebetes. Alles, was du in der Kirche wahrnimmst, muss dich auf den Flügeln der Andacht zum Himmel erheben. Der feierliche Gottesdienst, die sinnvollen Zeremonien, der erhebende Gesang, die ergreifenden Töne der Orgel, der Anblick der vielen Andächtigen stimmen wunderbar zur Andacht. Durchschauert dich nicht heilige Ehrfurcht, wenn das Allerheiligste zur Anbetung ausgesetzt wird? Heben nicht die aufsteigenden Weihrauchwolken deine Seele zu Gott empor? Muss das Lob-, Dank- und Versöhnungsopfer auf dem Altar dich nicht zum vertrauensvollen Gebet ermuntern? Muss nicht alles, was du in der Kirche wahrnimmst, deine Seele in eine fromme Stimmung versetzen? Der Hochaltar, der Tabernakel, das Ewige Licht erinnert dich an den unter Brotsgestalt verborgenen Heiland. Das Kruzifix erzählt dir von der unendlichen Liebe Jesu und fordert dich zur Gegenliebe auf. Der Taufstein ruft die unaussprechlichen Gnaden wach, die du gleich nach deiner Geburt im heiligen Sakrament der Taufe erhieltest. Der Beichtstuhl mahnt dich zur Reue über deine Sünden. Die Bilder der Heiligen erzählen von ihren schönen Tugenden und beschämen unsere Lauheit im Ringen nach himmlischen Gütern. Die heilige Stille ringsumher erfüllt uns mit inniger Ehrfurcht vor der unsichtbaren Nähe Gottes und ruft uns ein Sursum corda zu. Welcher andere Ort hebt so mächtig die Gedanken zu Gott empor? Könnte man zu Hause so andächtig beten, wie im Tempel, dann würden alle Völker aller Länder und Zeiten nicht besondere Gebäude zum Dienst des Allerhöchsten errichtet haben.

 

3. Der Tempel wird eingeweiht zum gemeinsamen Dienst Gottes. Der göttliche Heiland versicherte: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Um wie viel kräftiger und wirksamer wird ein Gebet sein, das aus den Herzen einer ganzen im Gotteshaus versammelten Gemeinde zum Thron Gottes hinaufsteigt. Wenn ein ganzes Volk seinem Regierenden eine Bitte vorträgt, wird er sie nicht besser erhören, als wenn ein einzelner ihm dieselbe Bitte vorträgt? „Vereinte Kraft macht stark“, sagt das Sprichwort. Deshalb vereinigen sich zur Zeit der Not die Christgläubigen, und scharen sich zu Bittgängen und öffentlichen Prozessionen zusammen, um mit vereinten Gebeten den Himmel zu bestürmen, dass er die Drangsale abwende und Glück und Frieden spende. Zu solchen traurigen Zeitenfinden sich gewöhnlich auch solche Menschen in der Kirche ein, die in besseren Tagen sagen, sie könnten zu Hause oder im Freien ebenso andächtig beten, wie im Tempel.

 

Besuche recht oft das Gotteshaus und wohne mit gesammelter Andacht dem hochheiligen Opfer und den übrigen Gottesdiensten bei. Betritt die Schwelle des Gotteshauses mit heiligem Schauer, denn der Ort, wo du stehst, ist heilig. Der Tempel ist geweiht zum Dienst des Allerhöchsten, missbrauche und entheilige ihn nicht zu weltlichen Gedanken, zum Unterhalten und Umherschauen, sondern klopfe mit dem demütigen Zöllner an deine Brust und sprich: „Gott sei mir armen Sünder gnädig.“ So wirst du mit Segen das Haus Gottes wieder verlassen und himmlische Güter heimtragen. Amen.