Die Taufkerze

 

Ein neugeweihter Priester freute sich wirklich sehr, zum ersten Mal das Sakrament der Taufe zu spenden; er überreichte dem getauften Kind das weiße Kleid, das Sinnbild der Unschuld, und die Kerze, deren Licht den Glauben und die guten Werke bedeutet. Tiefbewegt sprach er beim Überreichen der Kerze:

 

„Nimm hin die brennende Leuchte, bewahre tadellos deine Taufgnade, halte Gottes Gebote, damit du dem Herrn, sobald Er zur Hochzeit kommt, entgegeneilen kannst zugleich mit allen Heiligen im Himmelssaal!“

 

Diese Kerze bewahrte der Priester selbst auf als Andenken an sein erstes Spenden der heiligen Taufe.

 

Das getaufte Kind, ein Mädchen, wuchs heran. Als Schulkind war es wirklich noch bedacht, lieb und fleißig, doch später kam der Leichtsinn, ja sogar höchste Gefahr, die Unschuld ganz zu verlieren. Mit tiefem Schmerz und Kummer bemerkte der Priester, der noch in der gleichen Pfarrei wirkte, die drohende Gefahr und dachte:

 

„Soll das erste Kind, das ich taufen konnte, verloren gehen? O Gott erleuchte mich, das rechte Mittel zu seiner Rettung zu finden!“

 

Da kam ihm lebhaft der Gedanke, die Taufkerze wieder hervorzuholen. Er ließ das Mädchen rufen und sprach als guter Hirt recht wohlmeinend von der großen Gnade der heiligen Taufe, vom Gelöbnis, dem bösen Feind zu widersagen und dem dreieinigen Gott gläubig zu folgen; er hielt schließlich dem Mädchen die Taufkerze vor Augen und erklärte:

 

„Schau, diese Kerze habe ich dir als einem neuen Kind Gottes überreicht, dieses Sinnbild des Glaubens und der guten Werke. Willst du nun wirklich das Himmelslicht erlöschen lassen in deiner Seele?“

 

Beim Anblick der Taufkerze fing das Mädchen an zu weinen, indem sein Herz auftaute vom Gnadenstrahl getroffen; es waren Tränen des Reueschmerzes über den bisherigen Leichtsinn. Ernstlich versprach es, die Gefahr entschieden zu meiden, und es hielt auch wirklich Wort, hielt fortan getreulich fest am guten Vorsatz:

 

Von der Taufe bis zum Tod

Will ich folgen Dir, o Gott!