Das Symbol der Taube

 

Das Symbol der Taube - Wo bleibt diesmal die Friedenstaube?

 

Von D. Goodby

Zusammenfassung „aus Sower“

Alton, Stoke-on-Trent, England

 

Wegen ihrer Gewohnheiten, ihres Auftretens oder ihrer Verbindung mit einem geschichtlichen Ereignis oder einer Legende sind bestimmte Vögel zum Symbol hervorragender Personen oder großer Ereignisse geworden und werden in der Kunst als Beiwerk verwendet. In den meisten Fällen geht dieser symbolische Gebrauch sehr weit zurück. Dies gilt ganz besonders von der bereits in der prähistorischen Zeit gezähmten blauen Felsentaube, unserer heutigen Haustaube.

 

Die Geschichte dieses Vogels, der in den Augen der Christen das Symbol des Heiligen Geistes ist, kann bis zum dunklen Beginn der Zivilisation und der Religion in Mesopotamien zurückgeführt werden, von woher die Naturverehrung stammte, die auf dem Prinzip des Gegensatzes zweier Welten, Himmel und Erde, männlich und weiblich, beruhte. Die Göttin Ischtar oder Ischeroth war die Personifizierung des Bodens, der durch Sonne und Regen fruchtbar gemacht wird. Dieser Göttin war die verliebte und fruchtbare Taube als Abbild des ehelichen Segens und der Vermehrung heilig. In ihrem Tempel in Babylon kaufte man weiße Tauben, um sie als Opfergabe darzubieten.

 

Nach und nach verbreitete sich der Kult der Ischtar durch die babylonischen Eroberungen auf Kleinasien und die ägäische Küste. Die Phrygier verehrten sie unter dem Namen Cybele, die Syrer als Darketo, die Phönizier als Atagartis und die jonischen Griechen als Astarte. In Hieropolis gab es einen großen Tempel, der der Atagartis geweiht war. Er enthielt eine hochverehrte Statue der Göttin mit einem Szepter in der Hand, worüber eine Taube schwebte. Die Verbindung der Taube mit der Göttin der Liebe ist das natürliche Ergebnis der Beobachtung der Tauben, die einander den Hof machen und sehr zärtlich miteinander sind.

 

Wenn wir den Ehrenplatz betrachten, den die Taube im Denken und in der Kunst der ersten Christen als ein Symbol des Heiligen Geistes einnahm, ist es auch interessant, zu hören, dass das Orakel, das Alexander der Große in der Oase Ammon befragte, seine Antworten durch bestimmte Zeichen, vor allem aber durch den Flug der Tauben, gab. Solche Legenden lassen uns etwas ahnen von der volkstümlichen Einstellung zu diesem Vogel in der Zeit, als das Christentum sich in Italien verbreitete. Nach und nach trat der christliche Symbolismus an die Stelle des früheren heidnischen Sinnbildes der Taube, und das Ergebnis davon war die alte Schlussfolgerung, dass der Teufel niemals die Gestalt dieses himmlischen Boten annehmen könne.

 

Es wird uns aus alter Zeit verschiedentlich berichtet, dass die dritte Person der allerheiligsten Dreifaltigkeit die sichtbare Gestalt einer Taube annahm. Nach Eusebius wurde Papst Fabian im dritten Jahrhundert auf diese Art von Gott ernannt. Der Vorfall bei der Weihe Chlodwigs in Reims am Weihnachtsfest 496 ist ein weiteres Beispiel. Die Bekehrung dieses Frankenfürsten fand nach seiner Heirat mit Chlodhilde, einer Nichte des Königs von Burgund, statt. Nach langem Überlegen versprach Chlodwig, den christlichen Glauben anzunehmen, wenn er die Schlacht von Tobliac gewinnen würde. Als seine Truppen bereits dem Wanken nahe waren, flehte er den Gott Chlodhildes um Hilfe an und gewann die Schlacht. Der heilige Remigius taufte ihn. Nach der Legende, die der berühmte Hinkmar, der Erzbischof von Reims, aufgezeichnet hat, fanden Chlodwig und der Bischof, als sie zur Taufkapelle kamen, so viele Menschen vor, dass der Priester mit dem heiligen Tauföl nicht zum Taufbecken gelangen konnte. Da sah man eine Taube erscheinen, die vom Himmel herab ein Fläschchen Tauföl brachte.

 

Ein anderes Beispiel der Erscheinung dieses Vogels als Sinnbild des Heiligen Geistes finden wir in dem Bericht der ersten Reise des spanischen Abenteurers Hernando Cortez nach Amerika. Nahrung und Wasser wurden knapp, und eine Meuterei stand bevor, als am Karfreitag bei Sonnenuntergang „eine Taube zum Schiff geflogen kam und sich auf den höchsten Mast des Schiffes setzte, worauf alle getröstet wurden und es als Wunder und gutes Vorzeichen betrachteten. Sie dankten Gott aus ganzem Herzen und lenkten ihre Fahrt nun in die Richtung, in die die Taube flog.

 

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Mohammed etwas von diesen Quellen der göttlichen Eingebung gehört hat; dennoch berichtet Priteaux in seinem Leben des Propheten, Mohammed habe eine Taube angelernt, ihm Futter aus seinem Ohr zu picken, womit er andeuten wollte, dass der Heilige Geist in dieser Form zu ihm gekommen sei und ihm die Beschlüsse Gottes mitgeteilt habe. Dieser Vorfall ist vielleicht der Grund für Shakespeares Wort in seinem Heinrich V.: „Empfing Mohammed eine Eingabe durch eine Taube?“ Der Islam aber bewahrt noch heute seine alte Verehrung für diesen Vogel, und große Scharen von Tauben flattern um die Moscheen.

 

Schon im 5. Jahrhundert findet man eine Taube, die sich bei der Verkündigung auf die heilige Jungfrau herablässt, und seitdem erscheint die Taube auf den Bildern der Muttergottes mit dem Kind, aber auch auf den Bildern von der Erschaffung der Welt, wo „der Geist Gottes über den Wassern schwebte“. Flammen gehen von der Taube aus, wenn sie bei der Verleihung der Sprachgabe dargestellt wird. Ein Glasgemälde im Lincoln-College stellt diese volkstümliche Auffassung in einzigartiger Weise dar. Auf dem Fenster erscheint der Prophet Elisäus mit einer zweiköpfigen Taube auf der Schulter, offenbar eine Anspielung auf seine Bitte an Elias (4. Könige 11,9): „Ich bitte dich darum, dass in mir ein doppelter Geist sei.“ Die Taube ist auch das besondere Sinnbild des heiligen Gregor; auf seiner herrlichen Statue in Rom ruht eine Taube auf seiner Schulter.

 

Den unmittelbaren Anlass dafür, dass die Taube als Symbol nicht nur des Heiligen Geistes, sondern auch der Taufe verwendet wird, bildet der Bericht des Evangeliums von der Taufe Christi. Auf frühen Darstellungen der Kirchenkunst sehen wir den Vogel, wie er Ströme lebenden Wassers zu einem Kreuz werden lässt. Das berühmte Bild im Lateran enthält die gleiche Darstellung. Bei Prudentius erfahren wir, dass die Taube ein Symbol unseres Herrn war, und Tertullian bezeichnet die Kirche als den „göttlichen Taubenschlag“. Eine goldene Taube diente früher zur Aufbewahrung des Allerheiligsten Sakramentes und schwebte an einer Kette über dem Altar. Auf dem Konzil von Nizäa wurde ein Häretiker angeklagt, Tauben aus kostbarem Metall über den Altären und Taufbecken gestohlen zu haben. In der Kirche St. Nazarius in Mailand ist noch eine solche Taube erhalten.

 

Dass die Tauben auch ein Symbol der Reinheit waren, ergibt sich aus der Tatsache, dass sie von der allerheiligsten Jungfrau bei der Reinigung im Tempel geopfert wurden. So groß war der Handel mit Tauben geworden, dass Christus die „Taubenverkäufer“ aus dem Innern des Tempels vertrieb.

 

Die Taube erscheint auch auf Grabmälern als ein Symbol der christlichen Auffassung des Todes. Noch heute werden Tauben auf Grabsteinen dargestellt. N den katalanischen Dörfern der Ostpyrenäen wird alljährlich ein Mysterienspiel vom Leben und Martertod der heiligen Eulalie aus Barcelona aufgeführt, bei dem die Seele des gemarterten Mädchens in Form einer Taube zum Himmel aufschwebt.

 

Allgemein wird auch der Friede durch eine Taube dargestellt, die einen Ölzweig im Schnabel hält. Der Ölzweig selbst ist allerdings rein zufällig gewählt, denn in alten Zeiten diente ein Zweig irgendeines Baumes als „weiße Fahne“ zwischen kämpfenden Parteien oder bezeichnete freundliche Absichten, wo immer sich fremde trafen. Der Bericht von der Sintflut allerdings gab den Anlass zur Annahme, dass der Ölzweig der richtige Zweig für diesen Gebrauch sei. So ist die Taube zum „Friedensvogel“ geworden. Vom Standpunkt der Vogelkunde aus ist das allerdings kaum eine glückliche Wahl, da bekanntermaßen wenige Vögel so viel streiten wie die Tauben.

 

Ein merkwürdiger Zufall ereignete sich im Jahr 1921 in Brownsville in Texas, wo am Morgen des 11. November eine schneeweiße Taube in die Herz-Jesu-Kirche flog, sich auf ein Glasfenster mit einem Erinnerungsgemälde niederließ und dort während des ganzen Waffenstillstandsgottesdienstes verblieb. Dies wurde allgemein als ein Zeichen des Friedens angesehen. Es ist bezeichnend, dass stets die weiße Taube die symbolische Taube ist, nicht die graue Ringeltaube.