Der Strick der Franziskaner

 

Die Welt kennt dieses Symbol nicht mehr

 

von Piero Bargellini

aus „Città di Vita“, 1949

 

In der „Legende der drei Begleiter“ steht in dem Kapitel, in dem erzählt wird, wie St. Franziskus, als er die Lehren und Gleichnisse des Evangeliums Christi gehört und begriffen hatte, das Gewand wechselte und ein neues inneres und äußeres Kleid der Vollkommenheit anzog, unter anderem: „Und von nun an benutzte er weder Stock noch Tasche oder Geldbeutel; er verfertigte sich eine verachtete, plumpe Kutte, warf seinen Ledergürtel beiseite und nahm ein Stück Hanfseil als Gurt.“


Seitdem ist der Strick das sichtbarste Zeichen des franziskanischen Geistes geworden, und sich mit dem Strick gürten bedeutet die Regel des heiligen Franziskus annehmen.

Um die ganze Bedeutung dieser Handlung zu verstehen, muss man sich daran erinnern, was der Ledergürtel im Mittelalter bedeutete.


Er war der sichtbarste Schmuck der männlichen und weiblichen Kleidung, so dass Dante, als er die raue Einfachheit der alten Florentiner loben wollte, sie „mit Leder und Bein gegürtet“ nannte. Er berief sich also nur auf diesen einzigen Teil ihrer Kleidung, den Ledergürtel mit beinerner Schnalle.


Wer sich im Mittelalter geschniegelt kleidete, besaß keine Innentaschen im Gewand, vielmehr wurde alles im Gürtel getragen, für den es die vielfältigsten Schließen gab. Noch heute heißt eine Straße in Florenz die der Gürtelschließenmacher (fibbiai). So war der Gürtel von höchster Bedeutung nicht nur als Schmuck, sondern auch als Träger der verschiedensten Gegenstände. An den mehr oder weniger verzierten und mehr oder weniger reich besetzten Gürteln unterschied man die Angehörigen der verschiedenen sozialen Schichten.


Die Adeligen trugen ihre Waffen am Gürtel, die Ratsherren Schlüssel und Siegel. Am Gürtel der Notare hingen Tintenfass und Feder oder Wachstäfelchen und Griffel, am Gürtel der Kaufleute die vom Geld schweren Beutel; nicht umsonst nannte man die Diebe „Beutelabschneider“ oder „Taschendiebe“. Am Gürtel der Stutzer aber hingen Handschuhe und bunte Tücher.


Wir brauchen gar nicht erst von den Gürteln der Frauen zu reden, an denen besonders sich aller Schmuck und alle Pracht entfalteten. Hier fanden sich Goldbeschläge, kunstvoll gearbeitete Schließen, kleine Spiegel, gesteppte Börsen, gestickte Tücher, Amulette und Medaillen.


Der Gürtel war also Symbol der Vornehmheit und des Reichtums, des Ansehens und der Macht sowie der Kultur und Eleganz.


Als Franziskus den vornehmen Gürtel auszog und sich stattdessen einen einfachen Strick um den Leib gürtete, wollte er mit dieser einen Handlung gewissermaßen alles von sich weisen und verweigern, was sich mit diesem Gürtel verband: Waffen und Schreibgerät, Geldbörse und Schlüssel, Tand und Putz und alle Bequemlichkeiten des vornehmen Lebens. Er tat damit kund, dass er unbewaffnet bleiben wollte unter Bewaffneten, arm unter den Reichen, gering und verachtet unter den Stolzen, bescheiden unter den Mächtigen, einfach und unverbildet unter den Gelehrten, abgehärtet und natürlich unter den Verweichlichten.


Das Schwert am Gürtel bedeutete materielle Macht und Gewalttätigkeit der Gesinnung. Franziskus dagegen legte sich und seinen Jüngern das Gelübde des Gehorsams und der Erniedrigung auf. Die Börse bezeichnete den Reichtum und den Geiz; Franziskus aber legte mit seinen Jüngern das Gelübde der Armut ab. Der Schmuck schließlich bedeutete den Luxus, Franziskus und seine Jünger dagegen gelobten ewige Keuschheit.


Ein Mädchen aus Assisi begriff diese franziskanische Lehre und wollte diesem Beispiel der freiwilligen Erniedrigung folgen. Auch sie, Klara, wird den reich verzierten Gürtel der Frauen jener Zeit getragen haben, mit kostbaren Beschlägen und Anhängseln, darunter die „französischen Börsen“ (so genannt, weil sie mit der französischen Mode ins Land gekommen waren). Klara jedoch zog eine andere Mode vor, die franziskanische des Sohnes des Pietro Bernardone. Auch sie legte den vornehmen Gürtel aus Leder mit seinen kostbaren Edelmetallbeschlägen ab und gürtete ihre zarten, keuschen Hüften mit dem rauen Hanfseil, dem Zeichen des Verzichts, der Buße und des Opfers. So wurde auch sie eine Heilige.

Dante spricht von der ersten franziskanischen Gemeinschaft und nennt den Strick, das gewöhnliche Hanfseil, als ihr gemeinsames Band:

 

So, mit der Gattin, in der Brüder Mitten,

Die frommer Demut Strick gegürtet schon,

Ist, Vater er und Meister, vorgeschritten.

(Paradies XI, 85-87)

 

Sicherlich war auch der Dichter Mitglied des franziskanischen Dritten Ordens und trug den Strick um die Hüfte, wie er an einer anderen Stelle seiner göttlichen Komödie, in der Begegnung mit Gerau, merken lässt:

 

Mit einem Stricke hatt‘ ich meine Lende

Gegürtet, da des Panthers Krallen drohten,

Dass er das Tier im bunten Fell mir bände.

 

Der Panther gilt nach der üblichen Bedeutung als Symbol des Luxus‘, dessen Dante an verschiedenen Stellen gedenkt, d.h. den er zu überwinden hofft. Doch S. Franziskus überwand nicht nur eine der drei Bestien, sondern fing sie alle drei in der Schlinge seines grauen Strickes.