Ist Stigmatisation immer ein Wunder?


Die Stellung des Christen zu einem merkwürdigen Vorkommnis


Das Wort Stigmatisation geht auf das griechische Wort stigma zurück, was so viel bedeutet wie Stich, Flecken, Brandmal. Wir nennen einen Menschen stigmatisiert, wenn er die Wundmale Christi an seinem Leib trägt. Diese Wunden haben etwas ganz Merkwürdiges, das sie von allen anderen Wunden unterscheidet: Sie eitern nicht, entzünden sich nicht und sind für die ärztliche Kunst unheilbar. Zumeist sind mit den Stigmen viele andere anormale Phänomene verbunden. Stigmatisierte haben Visionen, die Gabe des Hellsehens und des Gedankenlesens, des Durchschauens der Herzen. Sie verstehen und sprechen fremde Sprachen, die sie nie gelernt haben. Sie leiden an psychogenischen Lähmungen und Erblindungen. Jahrelang können sie Nahrung und Schlaf entbehren. Louise Lateau aß von 1871 bis 1883 außer der hl. Kommunion keine andere Speise. Die Tirolerin Maria Furtner – gest. 1884 – hat jahrelang nur von Wasser gelebt. Therese Neumann von Konnersreuth nahm seit dem Jahr 1926 außer der hl. Hostie keine andere Nahrung zu sich.

 

Es ist eine ganz auffallende Tatsache, dass in den ersten zwölf Jahrhunderten des Christentums kein einziger Fall von Stigmatisation bekannt geworden ist. Zum ersten Mal hören wir davon zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Es wird überliefert, dass Maria Oigne 1312 in ekstatischer Verzückung sich selbst die Wundmale Christi beigebracht hat. Im Jahr 1224 hat Franz von Assisi, zwei Jahre vor seinem Tod, auf dem Berg Alvernia von einem ihm erscheinenden gekreuzigten Cherub die Wundmale Christi empfangen. Die Echtheit dieser Stigmatisation wird uns von vielen Zeitgenossen und von zwei Päpsten bezeugt.

 

Von Franz von Assisi bis Therese Neumann zählt man 321 Stigmatisierte; 62 von ihnen sind heiliggesprochen. Weitaus die größte Zahl sind Frauen, stigmatisierte Männer sind selten. Die Stigmenträger sind zum größten Teil Katholiken.

 

Der berühmte Berliner Arzt Virchow hat vor Jahren sein Urteil in die kurze Formel zusammengefasst: „Wunder oder Betrug“. Dagegen hat sich der berühmte Forscher im Reich des Okkultismus Du Prel gewandt mit der Behauptung: „Das Stigma ist eine Tatsache, die nur die Unwissenheit bestreiten kann. Alle Stigmen, die religiösen einbegriffen, sind psychologischen Ursprungs, d.h. sie haben im Seelenleben der betreffenden Personen ihren Grund.“ Bald taucht in der ärztlichen Wissenschaft als Erklärungsgrund das Wort Suggestion und Autosuggestion auf. Der belgische Arzt Warlomont, der im Auftrag der belgischen Regierung die Stigmatisation der Louise Lateau zu untersuchen hatte, erklärt sie als suggestive seelische Einwirkung auf das Körpergewebe. Aber wie kommt die Autosuggestion zustande? Es handelt sich um Persönlichkeiten, die sich in die blutige Passion des Herrn (Ölbergsleiden, Kreuzweg, Golgathageschehen) ganz intensiv versenken. Sie haben das Bestreben, ganz in Christus aufzugehen und teilzunehmen an seinen Qualen und Schmerzen. Von diesem gewaltigen inneren Sehnen nach Gleichförmigkeit mit dem leidenden und gekreuzigten Meister wird der Körper ganz von selbst in Mitleidenschaft gezogen, und im Überschwang religiöser Gefühle treten die Stigmen äußerlich sichtbar am Körper zutage. R. Schindler sagt: „Die Entstehung spontaner Blutungen durch den alleinigen Einfluss des Nervensystems ist erwiesen“.

 

Früher neigte man dazu, überall, wo die Wundmale Christi an einem Menschen sichtbar wurden, eine übernatürliche Einwirkung anzunehmen. Das einfache Volk ist auch heute noch sofort dabei, in solchen Fällen ein besonderes Wunder Gottes zu sehen.

 

Die katholische Kirche gibt den Christen volle Freiheit in der Beurteilung der Stigmatisation. Sie fordert von ihm so wenig Glauben an dieselbe wie an irgendeine Privatoffenbarung; er ist nur verpflichtet, das in Wort und Tradition niedergelegte und vom kirchlichen Lehramt verkündete Glaubensgut zu glauben. Die Kirche hindert ihre Gläubigen nicht, in der Stigmatisation rein natürliche und keine wunderhaften Vorgänge zu sehen. Freilich gibt sich der denkende Christ mit einer rein natürlichen Erklärung nicht in jedem Fall zufrieden. Wo die Stigmen aus tiefem Miterleben und Miterleiden des Kreuzestodes des Herrn hervorgehen, muss man die Stigmatisation als eine große Gnadengabe für die betreffende Person betrachten. Zugleich hat diese die Aufgabe, durch ihr Erleben der Passion des Herrn die Mitmenschen Christus näherzubringen. Viele Tausende von Menschen sind in den letzten Jahrzehnten aufs tiefste ergriffen und erschüttert von Konnersreuth weggegangen, ja viele als andere, als umgewandelte Menschen. Darum sagt der protestantische Pfarrer und Arzt Ferdinand Knote mit Recht: „Trotz aller Bedenken muss man vielen Stigmatisierten mit Ehrfurcht gegenüberstehen. In dem Getriebe und Gebrause des Weltlebens erscheinen diese stigmatisierten Männer und Frauen als lebendige Kruzifixe, hineingestellt in unsere Zeit, um uns immer wieder aufs Neue an das tiefste und heiligste Geheimnis der Menschen – das Opfer von Golgatha – zu mahnen.“

 

Der katholische Christ wird also diese außerordentlichen Dinge nicht geringschätzen, aber auch nicht überschätzen. Das Verhalten der Kirche ist hier vorbildlich. Wenn sie einen Stigmatisierten zur Ehre der Altäre erhebt, so geschieht das nicht auf Grund der Stigmatisation. Diese spielt sogar gar keine Rolle. Nicht ob ein Christ die Wundmale des Herrn an seinem Körper trug oder nicht, wird in Betracht gezogen, sondern einzig und allein sein heroisches Tugendleben. Damit bringt die Kirche deutlich zum Ausdruck, dass nicht außerordentliche Dinge den Menschen heilig machen, sondern nur der schlichte Weg der Nachfolge Christi.

Anton Fischer

„Mann in der Zeit“

Augsburg, 5. November 1949