Staat und Religion

 

Alle Weltweisen der alten Kulturvölker waren sich einig darüber, dass ein Staat ohne Religion zu Grunde gehen muss. Die Begriffe Gott, Unsterblichkeit, Gerechtigkeit, Sünde, Erlösung sind nach ihrer Überzeugung keine Erfindung der Priester, sondern Begriffe, die auf der Wirklichkeit beruhen und ganz ernst genommen werden müssen. Nicht bloß vom Einzelnen, sondern auch vom Staat. Diese Überzeugung haben besonders die Philosophen des kulturell hochstehenden Volkes der Griechen eindringlich gelehrt. Der große Aristoteles zum Beispiel nennt die Sorge für die Religion die erste Aufgabe des Staates. Platos Schriften sind voll von Hinweisen auf die Unentbehrlichkeit der Religion für die Staaten. Er will, dass man die schwersten Strafen über diejenigen verhänge, welche das Dasein der Gottheit leugnen oder vorgeben, sie bekümmere sich nicht um die Menschen. Ja, er behauptet, ein wohlgeordneter Staat müsse vor allem für die Pflege der Religion sorgen. Wer immer die Religion zerstört, vernichtet die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft. Bei Xenophon spricht Sokrates: „Siehst du nicht, dass die Staaten und Nationen, welche den größten Ruhm der Weisheit und langen Bestehens besitzen, diejenigen sind, welche sich durch Frömmigkeit und Gottesverehrung ausgezeichnet haben, und dass der Mensch nie geneigter ist, Gott zu dienen, als in dem Alter, in welchem die Vernunft die größte Herrschaft über ihn ausübt?“

 

Der Geschichtsschreiber Herodot meint: „Es ist klar, dass Kambyses verrückt geworden war, sonst würde er sich nicht vermessen haben, über Gottesdienst und religiöse Sachen zu spotten . . .: so etwas tut nur ein Verrückter.“ Plutarch nennt die Religion das Band jeder Gesellschaft und die Grundlage der Gesetzgebung. Er ist der Ansicht, eher sei eine Stadt ohne Grund und Boden möglich, als ein Staat ohne den Glauben an die Gottheit. Nach dem römischen Geschichtsschreiber Cicero haben die Römer mehr nach ihrer Religiosität als durch ihre Tapferkeit und Weisheit die Herrschaft über die Völker errungen; ohne Pietät gegen Gott, meint er, könne weder Treue noch Gerechtigkeit bestehen. Diese Anschauung von der Notwendigkeit der Religion war in Rom seit der Gründung der Stadt so selbstverständlich, dass Valerius Maximus sagen konnte: „Immer war es Grundsatz unserer Stadt, der Religion vor allen sonstigen, auch den höchsten und ruhmreichsten Gütern den Vorzug zu geben.“

 

Um auch ein Zeugnis aus neuerer Zeit anzuführen, so erklärte Washington in der Eröffnungsrede an den Kongress: „Die Religion und Moral sind die unentbehrlichsten Güter der Staatswohlfahrt: vergeblich würde der sich seines Patriotismus rühmen, welcher diese beiden Grundpfeiler des gesellschaftlichen Gebäudes umstürzen wollte. Warum hat auch Napoleon nach Niederwerfung der Revolution den Glauben an Gott und die Religion wieder mit allen Mitteln, freilich nach seiner Weise, aufzurichten gesucht? War es nicht die sichtbare Überzeugung, dass ohne Religion ein Staat nicht bestehen kann?“