Gott lässt seiner nicht spotten

 

Gott lässt Seiner nicht spotten

 

Aus Thüringen wird die folgende Geschichte erzählt:

In dem Städtchen Ermsleben, unweit von Ballenstädt, waren in der Franzosenzeit mehrere Maurer beschäftigt, die Decken und Wände der kleinen Kirche von den Marien- und Heiligendarstellungen, deren man sich nun schämte, zu befreien und auszuweißen. Einige der Gesellen ließen, als sie im Heiligtum zur Vesper sich niedergesetzt hatten, in kecker Weise ihren Hohn und Unglauben aus und witzelten in den schnödesten Gotteslästerungen. Ja, der frechste von ihnen ergriff sogar seinen Maurerpinsel, wandte die lange Stange um und stieß dem Kruzifix seinen „Speer“ höhnend in die Seitenwunde. „Da hast Du noch einen Stoß“ – rief er lachend und freute sich des höllischen Gelächters seiner Kameraden.

Sie arbeiteten bis zum Abend. Am anderen Morgen erschien der gottlose Ermslebener Geselle nicht auf dem Werkplatz. Man fragte nach ihm und erfuhr, er sei unwohl. Seit dem Abend des vorhergehenden Tages fühlte er einen brennenden, stechenden Schmerz in der linken Seite und gleichzeitig hörte er im Inneren die Donnerstimme: „Irrt euch nicht, Gott lässt Seiner nicht spotten!“ Seine Qual wurde von Tag zu Tag schrecklicher. Die schmerzliche Stelle brach auf und es entstand eine Wunde, der merkwürdigerweise nie Eiter, sondern nur eine Absonderung wie Wasser und Blut entfloss. So litt der Unglückliche fast ein Jahr lang, aber das Leiden wurde ihm zum Heil. Oftmals ließ er sich in die Kirche tragen und vor demselben Kruzifix niederlegen, vor dem er einst so schnöde gefrevelt hatte, und flehte unter Tränenströmen in inbrünstigem Gebet um Erbarmen.