Ein Anruf beim Bischof von Lourdes

 

17. Oktober 1940, Der Bischof von Lourdes Exzellenz Théas, horcht gespannt ins Telefon. Ein Anruf von Montauban bittet ihn dringend an das Sterbelager des Expräsidenten von Spanien, Azaña y Diez.

 

Während der Wagen durch die Häuser davonschießt, sucht sich der Priester an die Gestalt des Mannes, der ihn ruft, zu erinnern: hochgewachsen, breitschultrig, grob geschnittenes Kinn unter einem harten, breiten Mund, dunkle Augen hinter den behornten Brillengläsern. Azaña war Schriftsteller, republikanisch-kirchenfeindlicher Politiker, Kriegsminister, Ministerpräsident und seit 1936 Präsident der roten Republik. Seine Politik zielte eindeutig auf die Vernichtung der katholischen Kirche. Im Parlament rief er aus: „Spanien hat aufgehört, katholisch zu sein“, ein andermal: „Ich trage in mir den Engel des Hochmutes!“ Bei dem Zusammenbruch der roten Diktatur des Proletariates war Azaña nach Frankreich geflüchtet. Nun liegt er im Sterben. Er will vor Gott treten, um Rechenschaft über seine Verwaltung abzulegen. Es waren die Jahre 1936-39, da in Spanien die Zahl der getöteten Priester, Mönche und Nonnen in die Tausende ging und Kirchen, Klöster und religiöse Symbole geschändet wurden. In der Landschaft Katalonien allein erlitten zwischen dem Juli 1936 und April 1937 einundzwanzig Kapuziner, 9 Laienbrüder und 7 Seminaristen den Märtyrertod. Vom Juli bis zum November 1936 verloren 28 Jesuiten in der Provinz Aragon das Leben. Die Benediktiner am Montserrat zählten 30 ermordete Patres. Am 1. Juli 1936 hatte ein Hirtenbrief der spanischen Bischöfe festgestellt, dass nicht weniger als 2000 Kirchen vollständig zerstört oder ausgeplündert und 6000 Weltpriester bis zu diesem Datum ermordet worden seien.

 

Azaña schickte sich also an, mit dem lieben Gott über diese Jahre zu sprechen. Wie weit er persönlich für jede Brandfackel und Kugel verantwortlich ist, wird sich dann klären. Im Augenblick ist nur eines wichtig, er ruft den Priester. Was will er? Der Bischof wirft den Wagenschlag zu und schreitet raschen Schrittes durch die Gänge des Hospitals, er klopft, er tritt ein.

 

Der Kranke richtet sich auf: „Dank, Monsignore, dass Sie gekommen sind! Ich wünsche in der katholischen Kirche zu sterben!“

 

Bischof Théas reicht ihm sein Kruzifix. Präsident Azaña küsst es mit den Worten: „Jesus, Verzeihung, Barmherzigkeit!“ Dann beichtet er.

 

War es diese Stunde, die Gott den jungen Laienbruder der Gesellschaft Jesu aus Kolumbien in Südamerika in jenem Gesicht schauen ließ, das er vor dem Tod hatte? Bruder Apaolaza litt an der Schwindsucht und bot Gott sein Leben an für die Bekehrung Azañas. Er starb mit der Gewissheit, sein Opfer sei angenommen.

 

Bischof Théas eilte aus dem Krankenzimmer. Als er kurze Zeit später mit der heiligen Wegzehrung und dem heiligen Öl zurückkommt, verweigert ihm ein Unbekannter den Eintritt: „Der Präsident ist herzleidend, und das kann ihm schaden!“

 

Fünfmal versucht der Bischof in das Zimmer einzudringen, fünfmal wird er abgewehrt. Da erreicht ihn um Mitternacht der telefonische Anruf von Frau Azaña: „Kommen Sie, bitte, sofort.“

 

Als der Bischof über die Schwelle tritt, brennt die Sterbekerze. „Ich bekenne vor Gott, dem Allmächtigen“, betet der Kranke mit letzter Kraft, und der Priester antwortet: „Es erbarme sich deiner der allmächtige Gott.“ Ein erschütternder Augenblick, der kleine Mensch und das große Erbarmen, Azaña stirbt mit Gott.

 

Als am anderen Tag der Konsul von Mexico, der auch das Hotel des Präsidenten bezahlt hatte, ohne die Witwe zu fragen, die zivile Beerdigung anordnete, ahnte das buntblasierte Volk um den Grabhügel nicht, welches Wunder Gott getan hatte.

 

Aus „Stadt Gottes“, Kaldenkirchen 1954