Sorge für das Seelenheil anderer

 

Jeder Christ ist dazu verpflichtet, für das Seelenheil anderer Sorge zu tragen. Betrachten wir zum einen die Verpflichtungsgründe und zum anderen die Arten der Sorge für das Seelenheil anderer.

 

1. „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!“ Dieses Gebot legt uns Jesus Christus selbst ans Herz. Die höchste Vollkommenheit Gottes besteht in seiner Liebe, die sich jederzeit zum Wohl der Menschen kundgab, und bald wie liebliches Glockengetön zum Dienst Gottes einlud, bald wie der rollende Donner eines unheildrohenden Gewitters die Widerspenstigen erschütterte. Wenn nun der himmlische Vater eine so große Sorge trägt für die Rettung seiner Kinder, sollten wir weniger Sorge hegen für unsere Brüder und Schwestern, die in die Irre gegangen sind? – Jesus Christus erklärt es für seine Aufgabe, zu suchen und selig zu machen, was verloren war. Er lehrte alle den Weg der Wahrheit, zeigte allen das erhabenste Beispiel und opferte sein Blut und Leben für uns, um uns den höchsten Beweis seiner Liebe zu geben. Sollte uns die Liebe Jesu nicht entflammen zur Liebe unserer Mitmenschen, die durch dasselbe Blut erlöst worden sind? – Auch der Heilige Geist sorgt unablässig für das Wohl der Menschheit. Kaum hatten wir das Licht der Welt erblickt, so goss der Heilige Geist im Sakrament der Wiedergeburt seine Gnade in unsere Herzen, er kommt uns zuvor und begleitet uns mit seinem Beistand, rät uns in zweifelhaften Fällen, führt uns auf den rechten Weg und lässt uns aus dem siebenfachen Strom seiner Gnaden schöpfen. Wenn uns nun der dreieinige Gott wie seinen Augapfel hält, dürfen wir dann unseren Nächsten geringschätzen, der ein auserwähltes Werkzeug in Gottes Hand und ein Erbe himmlischer Reichtümer ist? Kann es uns gleichgültig bleiben, ob unser Mitmensch seine Bestimmung erreicht oder schmachvoll zugrunde geht? – Das Hauptgebot des Christentums fordert nach der Liebe Gottes die Liebe des Nächsten. Was steht uns aber höher: der Leib oder die Seele des Nächsten? Ohne Zweifel die Seele, denn sie ist ein Hauch Gottes. Wir sind alle eines Ursprungs, mögen wir hoch oder niedrig gestellt sein. Deshalb sollen wir durch Werke der leiblichen, mehr aber noch der geistlichen Barmherzigkeit den Bedrängten zu Hilfe kommen. „Was nutzt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele?“ Oder was kann der Mensch wohl geben, um seine Seele wieder einzutauschen? Wenn Christus schon einen Trunk Wassers belohnt, den man in Liebe einem Durstigen reicht, um wie viel mehr wird er jenen belohnen, der eine unsterbliche Seele für das Himmelreich gerettet hat.

 

2. Auf welche Weise sollen wir für das Seelenheil anderer Sorge tragen? Ein sehr wirksames Mittel ist das gute Beispiel. Tausende und abertausende Menschen sind durch die glänzenden Vorbilder des Christentums für den Himmel gewonnen worden. Das Beispiel wirkt umso ergreifender, je höher jemand steht. Die Vorgesetzten, Eltern und Herrschenden gleichen einer Stadt auf hohem Berg, einem Licht, das auf einen Leuchter gestellt ist, damit es allen leuchte. „Lasst euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und den Vater preisen, der im Himmel ist!“ – Mit dem guten Beispiel soll sich das gute Werk verbinden. Wie oft zieht eine liebevolle Mahnung einen verirrten Freund von seinem böswilligen Vorhaben zurück! Wie manchmal weckt eine freundliche Vorstellung die schlummernde Gottesfurcht! Wie vielem Unglück beugt man durch einen guten Rat vor! „Ein gutes Wort findet stets einen guten Ort.“ Statt dessen verflucht und verdammt man den Fehlenden, man lässt sich von blinder Leidenschaft fortreißen und entzündet das verheerende Feuer des Zornes, man verdächtigt und verkleinert die Ehre des Nächsten, speit Gift und Galle gegen ihn und freut sich über den beklagenswerten Schaden am Seelenheil des Mitmenschen. – Das Christentum legt uns die heilige Pflicht auf, dem Gefallenen freundlich die Hand zu bieten, um ihn Gott und der Tugend wiederzugewinnen. Und welcher Gewinn könnte dem Gewinn einer unsterblichen Seele gleichkommen? Ist das Heil der Seele nicht wichtiger, als alle irdischen Güter? Beachten wir die Vorschrift des Evangeliums: „Hat dein Bruder gegen dich gesündigt, so verweise es ihm zwischen dir und ihm allein. Gibt er dir Gehör, so hast du deinen Bruder gewonnen. Gibt er dir aber kein Gehör, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit die ganze Sache auf dem Mund von zweien oder dreien beruhe. Hört er auch diese nicht, so sage es der Kirche! Wenn er aber auch die Kirche nicht hört, so sei er wie ein Heide oder öffentlicher Sünder.“ Hielten wir diese Ordnung ein, es würde vieles besser werden. – Möchten wir doch die geistige Wohlfahrt unserer Mitmenschen mit aller Sorgfalt fördern! Möchten wir allen durch ein gutes Beispiel voranleuchten, den Zweifelnden recht raten, die Betrübten trösten, die Irrenden freundlich zurechtweisen, die Gefallenen mitleidig aufnehmen, alle zur wahren Tugend und Gottesfurcht anregen, damit bald ein Hirt und eine Herde werde! Amen.