Selig sind die Armen im Geist

 

Der Herr sprach einst zu seinen Jüngern: „Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Geld in euren Gürteln haben, auch keine Tasche auf dem Weg, noch zwei Röcke, noch Schuhe, noch Stab; denn der Arbeiter ist seiner Nahrung wert.“ (Mt 10,8-10) Dieser Aufforderung folgend, verließen viele Heilige alles, was das Menschenherz an diese Erde zu fesseln pflegt: Heimat, hohe Lebensstellung, Eigentum, alle Freuden und Genüsse der Welt, um als arme Ordensleute oder Einsiedler oder Pilger oder Bettler höhere, unvergängliche Schätze zu suchen. Solche preist der Heiland selig. „Selig sind die Armen im Geist, denn ihrer ist das Himmelreich.“

 

1. Was verlangt Gott in diesem Ausspruch?

 

2. Was dürfen die Armen im Geist von ihm verlangen?

 

1. Fern von aller Habsucht und unordentlicher Anhänglichkeit an irdisches Gut, soll die Menschenseele zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit suchen. Alles übrige wird ihm dazugegeben werden. Arm sind wir in die Welt gekommen, arm werden wir die Welt verlassen müssen. Ist es darum nicht die größte Torheit, jenen Gütern nachzujagen, die uns der Tod wieder entreißen wird? Was wir besitzen, ist ein anvertrautes Gut, mit dem wir wuchern sollen für die Ewigkeit, indem wir es in christlicher Weise verwenden. „Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst gebt es hin!“ mahnt der Herr. Schälen wir unser Herz los von den irdischen Dingen, dann werden wir umso mehr himmlische finden. Christus erwählte die Armut, eine arme Jungfrau war seine Mutter, ein armer Zimmermann sein Nährvater, arme Hirten beteten ihn zuerst an, mit den Armen verkehrte er am liebsten, arme Fischer erkor er zu seinen Jüngern. Von sich selbst konnte er sagen: „Die Füchse haben ihre Höhlen, die Vögel ihre Nester, aber der Menschensohn hat nicht, wohin er sein Haupt hinlegen könnte.“ Wir dürfen uns demnach nur als Nutznießer der uns anvertrauten Güter ansehen, und sollen nie vergessen, dass wir einst strenge Rechenschaft über den Gebrauch oder Missbrauch derselben ablegen müssen. Wehe uns, wenn wir mit ihnen nicht gewuchert haben für die Ewigkeit.

 

2. Was dürfen wir von Gott verlangen? Den nötigen Unterhalt. „Der Arbeiter ist seines Lohnes wert.“ Wer für Gott arbeitet, darf nicht fürchten, dass es ihm an dem nötigen Unterhalt fehlen werde. Dies lehrt die Erfahrung. Als Jesus seine Apostel ausgesandt hatte ohne Geld, ohne Reisetasche, ohne doppelte Kleidung und sie von ihrer Sendung zurückgekommen waren, fragte er sie: „Hat euch etwas gemangelt?“ Und sie antworteten: „Nichts.“ (Lk 22) Uns allen ruft er zu: „Sorgt nicht ängstlich, indem ihr sagt: Was werden wir essen oder was werden wir trinken oder womit werden wir uns bekleiden? Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, alles übrige wird euch von Gott gegeben werden.“ (Mt 6) Gott schenkt dem christlichen Armen gewöhnlich einen großen Frieden des Herzens. Das Stücklein Brot schmeckt ihm besser, als dem Reichen die üppigste Mahlzeit. Nur eine Sorge hat er, dass er nämlich die Gnade und Freundschaft Gottes verlieren möchte; nur ein Verlangen hat er, nämlich die ewige Seligkeit. Er fürchtet den Tod nicht; denn er kann ihm nichts nehmen, vielmehr erscheint er als willkommener Freund, um ihn aus dem irdischen Jammertal in die Freuden des Paradieses hinüberzuführen. Warum sollten wir also murren, wenn uns Gott in den Stand der Armut versetzt hat, oder wenn wir ihm freiwillig ein armes, abgetötetes Leben angelobt haben? Haben wir Nahrung und Kleidung, so seien wir zufrieden. Hängen wir unser Herz nicht an eitle und vergängliche Dinge. „Selig der Mann, der nicht dem Geld nachgeht und nicht auf Geld und Schätze seine Hoffnung setzt! Wer ist dieser, auf dass wir ihn loben? Er wird Wunderbares wirken in seinem Leben.“ Amen.