Der Selbstmord

 

Vom Regen in die Traufe

 

Von Richard Ginder

Zusammenfassung aus „Our Sunday Visitor“,

Huntington, Indiana, 11. April 1948

 

Zeiten der Verwirrung und der Not sind immer auch Zeiten häufiger Selbstmordfälle. Man hört dann Redensarten wie „er hat seine Ruhe“, „er hat es besser“ oder, wenn der Selbstmord mit irgendeinem öffentlichen Ereignis im Zusammenhang stand, „er ist ein Märtyrer seiner Sache geworden“.

 

All dies ist Unsinn! Selbstmord ist Feigheit! Man wird nicht dadurch zum Märtyrer, dass man von einem Wolkenkratzer herunterspringt, wenn die Lage kritisch ist. So billig wird man nicht zum Märtyrer.

 

Sich selbst das Leben nach eigener Entscheidung zu nehmen, ist an sich eine Todsünde. Wir sagen ausdrücklich „an sich“, weil es aus dem einen oder anderen Grund Fälle geben kann, dass einem Selbstmord nicht das Verwerfliche einer solchen Handlung zukommt.

 

Im Alten Testament befiehlt das fünfte Gebot: „Du sollst nicht töten!“ „Das heißt weder deinen Nächsten noch dich selbst“, bemerkt der heilige Augustinus dazu, „denn der, der sich selbst umbringt, tötet ja auch ein menschliches Leben.“

 

Der Mensch besitzt nur ein indirektes Eigentum über seinen Körper, der ihm gegeben wurde, um Gott zu verherrlichen und nach Gottes Vorsehung sein Seelenheil zu erreichen. Daher muss sich der Mensch Gottes Willen unterwerfen und es ihm überlassen zu entscheiden, wann sein Leben auf Erden zu Ende geht. Sonst würde ja der Mensch sich anmaßen zu versuchen, Gottes Plan zu vereiteln. Durch den Selbstmord beendet der Mensch nicht nur die ihm gegebene Gelegenheit, sich noch mehr Verdienste für die Ewigkeit zu erwerben, sondern verliert Gott und zieht sich die Verdammnis zu, mit anderen Worten, er verpfuscht damit in nicht gutzumachender Weise seine ganze Existenz.

 

Dazu kommt noch die andere Tatsache, dass kein Mensch für sich allein lebt. Jeder lebt als Mitglied seiner Familie und der Gesellschaft. Jeder hat eine Aufgabe in der Gemeinschaft, selbst wenn diese nicht anerkannt würde. Der gesunde Mensch kann, sagen wir, Schreiner, Arzt, Straßenkehrer sein. Der kranke kann durch geduldiges Leiden Gnade erwerben. Alle diese Aufgaben werden durch den Selbstmord vernichtet, der, wie Chesterton sagt, eine Beleidigung und eine Herausforderung Gottes darstellt.

 

Die gewöhnlich gegen die christliche Einstellung zum Selbstmord erhobenen Einwendungen sind die folgenden:

 

1. Der Mensch gerät oft in eine so schlimme Lage, wird von Schmerzen und Not so gepeinigt und niedergeschlagen, dass es gerechtfertigt erscheint, lieber den Tod zu wählen als eine lebendige Hölle. Aber der Selbstmörder übersieht in solchen Umständen den Zweck des Lebens. Der Mensch ist in erster Linie nicht hier auf Erden, um das Leben zu genießen oder sogar, um nur ein Minimum an natürlichem Glück zu haben. Sein erster Daseinszweck ist, seine Seele zu retten, ganz gleich in welche äußeren Umstände er nach Gottes Zulassung gerät. Ich bin mir zwar wohl bewusst, dass ich dies in einem bequemen Studierzimmer inmitten all der Annehmlichkeiten eines Gelehrtendaseins schreibe. Aber ich habe die Überzeugung, dass Gott uns so viel Gnade und Stärke sendet, wie zu jeder Heimsuchung gehört. Niemand wird über seine Kräfte versucht. Und außerdem ist es eine Tatsache, die wir in der Nachkriegsliteratur in vielen Beispielen finden, dass Menschen auch hinter dem Stacheldraht der Kzs Gipfel heroischer Tugenden erstiegen haben. Natürlich gab es auch solche, die den schrecklichen Prüfungen, denen sie ausgesetzt waren, erlagen. Nur Gott kann ein barmherziges und gerechtes Gericht über ihre Taten und ihre Beweggründe fällen.

 

2. Ist Selbstmord nicht der Schande vorzuziehen?

 

Durchaus nicht. Wird ein Mensch ungerecht beschuldigt, so nimmt ihm ja der Selbstmord jede Möglichkeit, seine Ehre wieder herzustellen. Sind die Anklagen aber wahr, dann nützt es ihm auch nichts, wenn er freiwillig von der Bühne des Lebens abtritt. Das Vernünftigste ist dann, in einem solchen Fall seinen guten Namen dadurch wiederherzustellen, dass man ein ehrliches und gerechtes Leben zu führen beginnt.

 

3. Bei drohender Vergewaltigung hat manche Frau schon den Tod vorgezogen.

 

Die Reinheit ist aber eine übernatürliche Tugend, die in der Seele wurzelt. Sie wird nicht durch das beeinträchtigt, was der Körper unter Zwang erleidet. Dies wird nur unvernünftiger Weise als eine gesellschaftliche Schande angesehen. Schließlich ist zu bedenken, dass niemand eine Sünde begehen darf, um Schande oder Bemitleidung durch andere zu vermeiden.

 

4. Hoffnungslos Unheilbare sind oft sich selbst und den Menschen ihrer Umgebung eine Last. Es bedeutet für die anderen eine Wohltat, wenn sie sich selbst umbringen, sagt man.

 

Doch auch die Unheilbaren haben als lebende menschliche Wesen einen Ehrenplatz auf der Welt. Durch geduldiges Leiden vermehren sie ihre eigenen Verdienste und ziehen Gottes Gnade herab auf die Welt. Für ihre Umgebung aber bedeuten sie eine Gelegenheit, geduldiges Ertragen und Nächstenliebe zu beweisen. Ihr Leben wird dadurch fruchtbarer im Übernatürlichen.

 

Mit unserem Urteil über einen Selbstmörder müssen wir immer zurückhalten. Ein solch armer Mensch kann geisteskrank oder außer sich vor Vorwürfen und Angst gewesen sein. Er mag auch nicht unterrichtet genug in der christlichen Lehre oder überhaupt kein Christ gewesen sein. Wir können nur beten, dass Gott sich seiner Seele erbarmen möge.

 

Der Selbstmord aber ist immer der falsche Ausgang. Hier kommt man stets vom Regen in die Traufe. Er ist eine so hässliche und unnatürliche Sünde, dass die Kirche dem Selbstmörder das kirchliche Begräbnis verweigerte.