Die Sehnsucht

 

Sehnsucht nach dem Erlöser

 

Wer sehnte sich nach dem Erlöser?

 

Die Patriarchen:

Von unseren Stammeltern Adam und Eva an, durch die die Sünde in die Welt gekommen ist, brennt die Menschheit in der Sehnsucht nach Erlösung von der Sünde. Zugleich mit dem Fluch, den Gott über beide aussprach und mit dem er den Verführer in den Staub drückte, verband er die Verheißung der Erlösung. Die Stammeltern glaubten an diese Worte und nährten mit diesem Glauben ihre Sehnsucht. Ihnen folgt die ganze, ehrwürdige Schar der Patriarchen.

 

Die Propheten:

Mitten aus dem Dunkel der unerlösten Welt und Zeit erweckte Gott Menschen, deren seelisches Auge von ihm erleuchtet, tiefer drang und weiter blickte als das der übrigen Sterblichen, und diese sahen die Erlösung voraus in der vollen Herrlichkeit göttlicher Macht und in allen, der Erde angepassten Einzelheiten, Umständen und Zeitbestimmungen. Das ganze Werk stand vor ihren Augen, sie schauten und schilderten es, sie klagten und frohlockten, dankten und lobpriesen. Sie nährten ihre Sehnsucht nach der Erlösung durch das Schauen im Gebet.

 

Das auserwählte Volk:

An diese zwei Reihen auserlesener Vorkämpfer der Erlösung schließt sich das ganze Volk Juda an. Es muss der Vorsehung folgend, durch seine ganze Entwicklung und Führung vorbilden und vorbereiten und dem Plan folgen, den der Allmächtige ihm vorzeichnet. Es kennt seine Bestimmung, teilt den Glauben seiner Väter, fasst den Sinn der Propheten, sendet in Opfern und heiligen Gebeten seine Sehnsucht nach Erlösung zum Himmel, bindet sich an diesen seinen Beruf und nährt ihn durch Gehorsam gegen das Gesetz.

 

Die heilige Jungfrau:

Sie allein war makellos, daher auch ihre Sehnsucht die reinste. Sie flehte um die Erlösung, weil sie Gott liebte, dessen Heiligkeit beleidigt wurde, und weil sie die Menschen liebte, die durch die Sünde in Elend und Tod versunken waren. Diese zweiflammige Liebe entfachte ihre Seele zu verzehrender Sehnsucht, entrückte sie der Erwägung und Beschauung des eigenen Selbst und der Gnadenvorzüge, die ihr Gott gespendet hat, der außergewöhnlichen Wege, die seine Hand sie geführt hat. Wunderbare, übernatürliche Demut erfüllte sie, die nie gesündigt hat, nie den Trieb zur Sünde weder gekannt noch bekämpft hatte. Daher war sie allein würdig erfunden, mit ihrem reinen, heiligen Blut der Erlösung zu dienen.

 

Die heiligen Könige und Hirten:

Sie blickten auf zum Himmel, harrten eines Zeichens und nährten ihre Sehnsucht durch das Vertrauen, dass dieses Zeichen erscheinen und ihnen den Weg zum Erlöser weisen werde. Diese Hoffnung war der Stern, der ihnen leuchtete und sie führte, wunderbarer und strahlender noch als jener, den Gott vom Firmament herabschweben ließ und in dessen lichter Bahn sie zur Anbetung schritten.

 

Die Vorhölle:

Die Seelen aller Söhne und Töchter Adams, die den Keim ihrer Auserwählung nicht in persönlicher Sünde erstickt und die mit dem Tod die Strafe der Sünde erduldet hatten, harrten in der Vorhölle auf das befreiende Wort, das die Pforten ihres Gefängnisses sprengen und sie zur Anschauung ihres Schöpfers erlösen würde. Irdisches Wesen hielt ihr Auge nicht mehr gebunden, und der ganze allmächtige, gerechte und gütige Plan der Vorsehung Gottes seit der Schöpfung und dem Sündenfall lag vor ihren Blicken da. In klarer Erkenntnis sahen sie das Wesen Gottes und seines menschlichen Ebenbildes. Sie sahen die Größe der Sünde und kannten die Sühne, die die heilige Gerechtigkeit fordern und bieten würde, und diese Erkenntnisse nährte ihre Sehnsucht nach der Erlösung. Heiß und quälend brannte in ihnen die Sehnsucht. Konnten sie ja in keiner Weise mitwirken, um die Tage des Heils zu beschleunigen, mussten sie doch allein nur harren und in Fesseln liegen.

 

Die Erde:

Mit der ersten Sünde kam der erste Schmerz auf die Erde und mit ihm der erste Seufzer nach Erlösung. Der Mensch, weinend geboren, im Kampf lebend und durch den Tod besiegt, erduldet zahllose Leiden, ist gequält durch die Gewissheit der Trennung in allen seinen Freuden. Die Entfaltung seines Geistes und seiner Liebe ist ahnungsvoll aber lichtlos, der Widerstreit in seiner Brust erringt ihm die Siegespalme nie: dumpf, ernst und gebunden ist das einst reine, freie Gottesbild. Die Erde, auf der er lebt, die Natur, die er sich dienstbar zu machen versucht, ist mit gleichem Bann belegt. Sie trägt weder Lieblichkeit noch Schöne, die nicht zerstört würde und welk ins Nichts versänke. Krieg folgt auf Krieg in ihrem Schoß, und Vernichtung bergen die Schranken des Firmaments, die sie umschließen. Das ist der unerlöste Mensch auf unerlöster Erde. Schwäche und Hinfälligkeit nähren die Sehnsucht nach Befreiung, und aus Milliarden und aber Milliarden zerknirschter und zerschlagener Menschenherzen dringt der Schrei nach Erlösung auf zu Gott.

 

Der Himmel:

Die Anbetungsschar vor dem Thron sah zweimal Frevel üben an Gottes Ehre: im Sturz der Engel und im Sündenfall der Menschen. Erwartungsvoll schaute sie in die Fernen der Ewigkeit hinaus nach einer Tat der göttlichen Gerechtigkeit, die das angetastete Gut rächen werde. Anbetend sah sie der Vorsehung Pläne. Einzelne aus ihr wurden Werkzeuge und Boten des Heils durch die ganze Führung des auserwählten Volkes hindurch bis zur Verkündigung Mariä. Wo ein Weg bereitet wurde für den kommenden Erlöser, da schwebten himmlische Geister befehlend, ermahnend, tröstend, leitend, antreibend auf Gottes Geheiß herab, während ihre lichten Brüder vor Gottes Thron lagen in stetem Warten, flammend in seligem Sehnen nach dem Augenblick, wo Gott gebieten und sie herabbefehligen werde, um zwischen Himmel und Erde das neugeschehene, wiedergeborene Gloria zu verkünden.

 

Gott selbst nährte den Ratschluss, dass des Menschen Erlösung seine Ehre erhöhe: die Gerechtigkeit des Vaters, die Liebe des Sohnes und die Kraft des Heiligen Geistes verbanden sich in dreieinigem Erbarmen, um Undank, Sünde und Blindheit des Menschengeschlechtes zu tilgen und einen neuen Tag zu schaffen, an dem die göttliche Sonne der Liebe ungetrübt über der Erde strahlen würde. Die Huld des himmlischen Vaters wartete auf diesen Tag und zog in diesem heiligen, unaussprechlich hehrem Sehnen alle Seelen an sich, die im Verlangen nach Erlösung erglühten, gab ihrer Sehnsucht Kraft und Verdienst und schuf sie zu Mitarbeitern an dem Werk.

 

Und nun, liebe Seele! Der Erlöser liegt hier vor dir in der Krippe. Engel singen, Könige opfern, Hirten knien, Maria und Josef beten an, am Himmel leuchtet der Wunderstern, das Sehnen ist gestillt, die Gnade geschenkt: - freue dich im Anblick dessen, was Gott für dich getan hat!