Die Heilige Messe für die Verstorbenen

 

Der heilige Matthäus berichtet uns im 27. Kapitel seines Evangeliums folgendes: „Christus rief abermals mit lauter Stimme und gab den Geist auf. Die Gräber öffneten sich und viele Gestalten der entschlafenen Heiligen standen auf. Und nach seiner Auferstehung gingen sie aus den Gräbern, kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen.“

 

Das Opfer Christi hat also ohne Verzögerung Früchte getragen, die nicht den Lebenden, sondern den Verstorbenen zufielen, jenen Gerechten nämlich, die in der Vorhölle auf die Opferverdienste Christi warteten. Diese Erstlingsfrucht des Kreuzopfers war schon im Voraus verkündet im 9. Kapitel des Propheten Sacharja: „Im Blut deines Bundes wirst du deine Gefangenen aus dem Kerker entlassen.“ Der Kerker der Gefangenen Christi seit seiner Auferstehung ist der Ort, in dem die Überbleibsel von Sünde und Strafe gleich Resten von Schmutz und Staub durch reinigenden Schmerz „weggefegt“ werden. Der Glaube daran ist so alt wie die apostolische Lehre, und selbst Martin Luther sah sich gezwungen, das Vorhandensein eines Fegfeuers zuzugeben. „Ich glaube ganz fest,“ sagte er beim Leipziger Religionsgespräch, „ja ich dürfte sogar sagen, ich weiß bestimmt, dass es einen Reinigungsort gibt, und ich gebe leicht zu, dass in der Heiligen Schrift davon Meldung geschieht.“ Von jeher hat die katholische Kirche durch die Zuwendung der Opferverdienste Christi in der Heiligen Messe den Verstorbenen Hilfe zu bringen gesucht. Das Blut Christi soll die strafenden Flammen des Reinigungsortes auslöschen. Die Art und Weise, wie die Kirche das tut, gibt davon Zeugnis, wie edel und nachsichtig, wie gerecht und weise das Herz dieser Völkermutter ist.

 

So wenig die Kirche auch die Höchstgestellten von Welt und Kirche an ihrer Gruft kurzweg seligspricht, so weit geht sie in ihrer Milde denen gegenüber, die zwar Mitglieder der Kirche waren, aber sehr wenig christlich gelebt haben. Nach der Überzeugung einiger Gottesgelehrter bekehrt sich eine namhafte Zahl von Sündern noch in ihren letzten irdischen Augenblicken und ihr letzter Seufzer ist vielleicht ein gewaltiges Anklammern der Hoffnung an die unendliche Barmherzigkeit Gottes und ein Stöhnen um Schonung, nur von demjenigen verstanden, der die Herzen ergründet. Der heilige Johannes Chrysostomus sagt in einer seiner Predigten: „Wenn dein Freund als Sünder gestorben ist, so musst du ihm vor allem zu Hilfe kommen nicht durch Tränen, sondern durch Gebete, Almosen und Opfer. Nicht umsonst erwähnen wir der Toten in den göttlichen Geheimnissen. Nicht fruchtlos nahen wir dem Altar und beten für sie zu dem Lamm, das hinwegnimmt die Sünden der Welt. Es erwächst ihnen daraus irgendein Trost. Wenn Hiob seine Kinder reinigte, indem er für sie ein Opfer darbot, um wie viel mehr muss das große, erhabene Versöhnungs-Opfer, das wir darbringen für die Toten, ihren Zustand erleichtern? Es kann selbst geschehen, dass wir für die Verstorbenen vollständige Verzeihung erlangen durch die Gebete und die Gaben, die wir in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche für sie darbringen. Kann eine so große Gnade nicht auch für den erlangt werden, den du beweinst?“ Von solchen Gesinnungen erfüllt, lässt die heilige Kirche das Opfer Christi unter bedingungsweiser Zuwendung der besonderen Früchte auch für solche darbringen, deren schweren Ungehorsam sie zu beklagen hatte.

 

Die Seelengottesdienste bekämpfen jede Selbstüberhebung und fördern christliche Verdemütigung. Ob ein armer Taglöhner vor das Gericht Gottes gerufen wurde oder ein prunkender Staatsmann oder das Oberhaupt der Kirche selbst, ob das heilige Opfer als einfaches Amt in einer bescheidenen Dorfkirche oder unter den sinnreichsten Zeremonien in einer kaiserlichen Hofkapelle dargebracht wird, immer ist es der gleiche Ton, der aus den Gebeten der Kirche spricht: „Verzeih, o Herr, der Seele deines Dieners! Gedenke, dass er stets an dich geglaubt, auf dich gehofft hat!“ Vom hochseligen Papst Leo XIII. hat einer seiner Gegner öffentlich erklärt: „Ich hätte gern irgendeinen Schatten auf dieses Lebensbild aufgetragen, aber es war mir unmöglich, auch bei den entschiedensten Feinden der Kirche irgendeinen Tadel über ihn aufzutreiben.“ Wie hat man nun einen Mann von solcher Makellosigkeit behandelt, als man ihn in die Gruft senkte? Auch beim ihm wurde keine Ausnahme gemacht, sondern fünfmal das gebräuchliche, flehende Bittgebet wiederholt: „Tritt nicht ins Gericht mit deinem Diener, o Herr, denn niemand kann gerechtfertigt werden, wenn du ihm nicht alle Sünden nachlässt.“ Also spricht die Kirche am Grab ihrer „unfehlbaren“ Päpste. Trotz aller Ehrenbezeigungen gegenüber dem Stellvertreter Christi vergisst sie niemals, dass er ein Geschöpf ist, das die Freiheit besitzt, sich zu retten oder sich zu verdammen. Daher dieser Ausruf, der auch am Grab des Papstes fünfmal gesungen wird: „Entreiße seine Seele den Pforten der Hölle!“ So erfüllt die Kirche ihre Beteuerung, dass ihr im Angesicht der göttlichen Gerechtigkeit alle Verstorbenen gleich viel gelten, ob nun ihre Hand das zierliche Zepter der Macht oder das rohe Werkzeug der Arbeit gehalten hat. Wie an dem Trauergerüst des Fürsten muss der Diener des Altares auch an der Bahre des armen Bauern beten und singen.

 

Wie schön und herzrührend ist dieses Gebet an der Bahre des Verstorbenen! Bald ein Ausruf des Schmerzes, bald ein freudiges Wort der Hoffnung! Wenn die Verse des Psalmisten und die Klagen des schwergeprüften Hiob ertönen, ist es gleichsam der Tod selbst, der betet und seufzt, der klagt und zittert, der hofft und sich freut. Der große Name „Christ“ macht im Tod alles gleich und der Stolz des mächtigsten Monarchen kann der Religion kein anderes Gebet entreißen als dasjenige, das sie auch dem Bettler darbringt. Der „Arme“ des Evangeliums wird in dem Augenblick, da er seinen Atem aushaucht, ein geheiligtes und ehrwürdiges Wesen, umkleidet von der Hoheit, die dem Tempel des Heiligen Geistes gebührt. Wenn der Kirchenbesucher während der ganzen Dauer eines Seelengottesdienstes auch nichts anderes tun würde als nachdenken über die erschütternde Ausgleichung durch den Tod, über die edle Kraft des letzten religiösen Liebesdienstes an unseren verstorbenen Angehörigen und über die Erhabenheit der Kirche, mit der sie armselige Standesvorurteile verwirft, so müsste ein redlicher Geist durch solches Nachdenken allein schon aufs tiefste und heilsamste bewegt werden.

 

Von den kirchlichen Feierlichkeiten, die an Werktagen stattfinden, gehören die Seelengottesdienste zu den häufigsten, notwendigsten und ergreifendsten. Von allen anwesenden Leidtragenden steht der amtierende Priester der betrauerten Seele am nächsten. Er ist der Mittler zwischen ihr und den betenden Hinterbliebenen. In den vorhergehenden Tagen und Wochen ist der Seelsorger auch in anderem Sinn ein Mittler gewesen. Er hat sich abgemüht im Ausgleich zwischen göttlicher Gerechtigkeit und menschlicher Gebrechlichkeit. Je mehr ein Schwerkranker seinen hoffnungslosen Zustand erkennt, desto zarter und inniger schmiegt sich seine Seele an das Herz des pflichtgetreuen Seelsorgers an. Keiner von denen, die in lockerer Gesinnung über den Priesterstand spötteln, kann versichern, dass nicht auch seine letzten Blicke dankend und bittend jener Gestalt sich zuwenden, die mit violetter Stola geschmückt an seinem Schmerzenslager stundenlang ausharrt.

 

Immer hat er milde Worte

Von der Welt, die quält und kränket,

Von der Welt, die sühnt und sänftigt,

Trostvoll ihm ins Herz versenket,

 

Hat ihm dargereicht das letzte

Liebesmahl, die Himmelsspeise,

Und die wandermüden Füße

Ihm gesalbt zur letzten Reise.

 

Draußen harret auf die Sichel

Reicher Fluren goldne Spende;

Drinnen ist des Todes rauhe

Schnitterarbeit schon zu Ende.

 

Das ist es, was das Gemüt des zelebrierenden Priesters durchzittert. Und wie ein Gelöbnis liegt es in jedem Wort, das er betet, in jedem Ton, den er singt: „Wenn alle die Deinigen Dich vergessen sollten, ich werde Deiner stets eingedenk bleiben.“

 

Während der Priester die Geheimnisse der Versöhnung feiert und zum Schluss ein letztes Mal in den lauten Ruf ausbricht: „Sie ruhen im Frieden“, sehen die Anwesenden diesen Frieden verkörpert in der Kinderschar, die nahe beim Altar steht, eine Gruppe so selig und traulich, so unbekümmert und unberührt, als gäbe es für sie niemals etwas anderes als Jugend und Unschuld, Licht und Frieden. Und so mancher, dem wahrer Herzensfrieden schon längst fremd geworden ist, vernimmt die einladende Stimme dieses Friedens im demütigen Gesang des Kyrie eleison, in den flehenden Tönen des Agnus dei und in den beruhigenden und schmeichelnden Schluss worten nach der Kommunion: „Das ewige Licht leuchte ihnen, o Herr; denn du hast väterliches Erbarmen (quia pius es).“

 

Da fangen die Paradiesesglocken der frommen Kinderjahre in seinem Gemüt zu läuten an und er, in dessen irdischer Hülle der erste Todeskeim sich eingenistet hat, bringt von der Totenfeier hinweg den Lebenskeim der nahen Bekehrung in sein Haus mit. Wahrlich nicht umsonst schweben Schutzgeister über der Trauerversammlung, Friedensboten aus lichten Höhen, die Wächter und Hüter der Gottesfurcht und des Eifers, des Erbarmens und des Starkmutes, der Kindesliebe und der Dankbarkeit, der Freundschaft und der Versöhnung.

 

Um den Frieden fleht der Priester;

Auf die Knie sinken alle.

Friedensgeister, Gottes Engel

Schweben durch die stille Halle.