Die Seele - Gottes Ebenbild

 

Im Leben der Heiligen finden wir, dass sie alles Irdische und Vergängliche gering schätzten, aber alles Himmlische und Göttliche mit heißer Begierde erstrebten. In der Welt herrscht zumeist das umgekehrte Verhältnis: man sorgt für den Leib sehr ängstlich, vernachlässigt aber die Sorge für die unsterbliche Seele. Um uns vor dieser Verkehrtheit zu bewahren, achten wir die Seele als Ebenbild Gottes.

   1. Die Seele ist unendlich kostbar,

   2. und wird oft so gering geschätzt.

 

1. Ein Bild ist umso kostbarer, je tüchtiger und berühmter der Meister ist, der es verfertigte. Der Schöpfer unserer Seele ist der allmächtige und allweise Gott selbst. Begeistert ruft der heilige Ambrosius aus: „Lerne, o Mensch, warum du groß und kostbar bist. Oder kann etwas Größeres und Kostbareres gedacht werden, als dies Bildnis Gottes? Ein Geist, wie Gott, einfach wie Gott, lebendig wie Gott, unsterblich wie Gott.“ Willst du die Kostbarkeit deiner Seele erkennen, so frage deinen Erlöser. Frage ihn, warum er so arm wurde. Frage ihn, warum er seine irdischen Tage so mühevoll und verachtet durchlebt hat. Zähle die Tränen, die er geweint, die Geißelstreiche, die er empfangen hat. Betrachte die Dornenkrone auf seinem Haupt, die Nägel in Händen und Füßen, betrachte den schimpflichen Kreuzbalken, an dem der Gerechte und Edelste gestorben ist; frag ihn, warum er unter den grausamsten Martern gestorben ist? Deine Seele ist der hohe Preis seiner Leiden und seines Blutes. Wenn nun der eingeborene Sohn Gottes selbst so unendlich große Opfer der Liebe für die Menschenseele brachte, wieviel muss sie wert sein, zu wie großen Dingen muss sie bestimmt sein. – Je seltener eine Sache, desto höher ihr Wert. Wären Gold und Diamanten so gewöhnlich wie Sand und Steine, man würde sie gleichgültig mit Füßen treten, wie diese. Wenn nun Gold und Diamanten so hoch geschätzt werden, weil es wenig davon gibt, soll uns unsere Seele nicht unschätzbar sein, da wir nur eine einzige unsterbliche Seele haben? Gott hat dir zwei Augen zum Sehen, zwei Ohren zum Hören, zwei Hände zum Fühlen, zwei Füße zum Gehen gegeben. Was, wenn man dir ein Auge ausstechen, ein Ohr abschneiden, eine Hand abhauen, einen Fuß abnehmen wollte, würdest du es zulassen? Und doch könntest du noch sehen, noch hören, noch fühlen, noch gehen. Aber Gott hat uns nur eine einzige Seele gegeben. Wenn wir diese zu Grunde gehen lassen, wie können wir dann ewig glückselig leben? Möchte jederzeit unser Tun und Lassen beweisen, dass wir den Adel und die Kostbarkeit unserer Seele wohl zu schätzen wissen.

 

2. Leider achten wir die Kostbarkeit zu wenig. Der heilige Chrysostomus vergleicht manche Menschen mit einem Hausherrn, der sein Zimmer prächtig einrichtet, während er selbst schlecht und schmutzig gekleidet einhergeht. Ebenso – sagt er – machen es die meisten Menschen. Sie tragen alle mögliche Sorge für ihr Haus und vernachlässigen dabei den Hausherrn, sie sorgen für ihren Leib, so gut sie können, und vernachlässigen die Seele, die den Leib regiert. Auf den Leib, der über kurz oder lang eine Speise der Würmer wird, gehen vom Morgen bis zum Abend alle Gedanken hin, aber an die Seele, das unsterbliche Ebenbild Gottes, denkt man die ganze Woche kaum einmal. Dem Leib gibt man Speise und Trank alle Tage, die Seele lässt man monatelang Hunger und Durst leiden. Man wäscht und putzt und kleidet den Leib, die Seele aber vom Schmutz der Sünde zu reinigen, vergisst man. Man spart oft keine Unkosten, man opfert die Nachtruhe, um ein Vergnügen zu genießen, aber morgens und abends ein Viertelstündchen für sein Seelenheil zu verwenden, den zehnten Teil unnötiger Ausgaben den Armen mitzuteilen, davon weiß man sich zu entschuldigen. Erkrankt der Leib so ruft man eilig den Arzt, ist aber die Seele krank, so schiebt man die Bekehrung so weit als möglich hinaus. Um die Gesundheit wieder zu erhalten, nimmt man die ekelhafteste Arznei willig ein, aber um die Seele im Leben zu erhalten, will man nichts von Selbstüberwindung hören. „O Blindheit!“ – ruft der heilige Augustinus aus – „du beweinst den Tod eines Leibes, der ohnedies bald hätte sterben müssen; und den Tod einer Seele, die in alle Ewigkeit leben soll, beweinst du nicht.“ Heißt das nicht, seine Seele den Händen ihrer Feinde übergeben? – O mein Geist! Überall umlauern dich Feinde. Gedämpft, geduldet, gelitten muss werden, wenn du deine Seele retten willst. Aber wo zeigst du, dass dir der Verlust deiner Seele zu Herzen geht? Wenn ein zeitliches Unglück hereinbricht, dann weinst und klagst du, wo aber sind deine Tränen, deine Unruhe und Betrübnis, wenn deine Seele durch Sündigen verloren ging? Wenn dich ein Straßenräuber anfiele und dein Geld oder Leben forderte, würdest du ihm nicht dein Geld hingeben, um dein Leben zu retten? Wenn dich aber der Seelenräuber überfällt, dann opferst du ihm lieber das Leben deiner Seele, als ein irdisches Gut oder einen Sinnengenuss. Welch eine Raserei, wenn du die Sünde mehr liebst, als deine Seele, die du durch Sünde ins ewige Verderben stürzt. Willst du deine unsterbliche Seele, dies schöne Ebenbild Gottes, den Preis des kostbaren Blutes Jesu Christi durch die Sünde zu Grunde richten? Gott verhüte es! Amen.