Im Weinberg deiner Seele

 

Unsere Seele ist der Weinberg, in dem jeder von uns treue Arbeit leisten soll.

 

Unsere Seele soll wie ein lieblicher Weinberg vor Gottes Augen blühen und edle Frucht bringen für eine ganze Ewigkeit.

 

Unsere Seele! – Wer denkt an sie mit dem Ernst, mit dem Eifer, wie es sein sollte?

 

Wenn der Leib hungert – das fühlt man sofort und sucht bald nach Sättigung. Wenn ein Glied schmerzt, geht man gleich zum Arzt und sucht Heilung. Aber die Seele kann verkümmern aus Mangel an geistiger Nahrung, sie kann schwach werden in Gleichgültigkeit und Lauheit, sie kann sterbenskrank werden in Sünde und Gottlosigkeit. Ihr leises Klagen wird überhört, ihre Not nicht gestillt, ihr Leiden nicht behoben. Die Pflanze, die welk wird, begießt man, dem Tier, das leidet, verschafft man Linderung, aber der eigenen, von Sünde und Schuld bedrückten Seele erbarmt sich so mancher nur selten oder überhaupt nicht.

 

Und doch ruft Gott, der himmlische Gärtner, von dem die Seele geschaffen, für den die Seele bestimmt ist, uns allen zu: „Geht auch ihr in meinen Weinberg!“

 

Mensch, geh in den Weinberg deiner Seele!

 

Ist Ordnung darin, wie es in einem Garten sein soll? Seit der Kindheit Tagen wachsen in der Seele neben guten Anlagen auch schlechte Triebe. So oft müssen wir es beklagen, dass sich Selbstsucht, Eigensinn, Zorn, Unwahrhaftigkeit, Genusssucht immer stärker regen. Wenn solche Triebe nicht immer wieder wie Unkraut ausgejätet werden, wird bald der ganze Garten verwildert sein. In aufrichtiger, reumütiger, heiliger Beicht wollen wir unser Herz immer wieder reinigen von den giftigen Gewächsen ungeordneter Leidenschaft!

 

Der richtige Weinberg ist mit einer steinernen Mauer umzäunt.

 

Machen wir eine Mauer um unser Herz, damit nicht die Tiere des Feldes eindringen und im Innern Verwüstung anrichten! Als Hüter stellen wir an die enge Einlasspforte den starken, gewissenhaften Willen! Ein guter Vater nimmt nicht allerlei verdächtiges Gesindel bei sich auf. Wir dürfen nicht alle möglichen Gäste in unseren Herzensgarten hineinlassen. Was unserer Seele schadet, was sie in Verwirrung bringt, was das Wachstum und Blühen des Guten in uns hemmt, das muss draußen bleiben. So verlangt es die rechte Sorge für unsere Seele.

 

Zur Arbeit des Winzers gehört auch das Beschneide der Reben. Die Schossen werden verkürzt, damit die Kraft des Weinstockes sich nicht unnütz in zu vieles Laub vergeude, sondern recht viele Trauben hervorbringe.

 

Dies auf das innere Leben angewandt, heißt: Lerne ertragen und entsagen! Alle erfahrenen Eltern und Lehrer wissen, dass Kinder, denen alle Wünsche erfüllt werden, nur immer begehrlicher werden. Je weichlicher einer erzogen ist, desto schmerzlicher empfindet er die kleinen und großen Stöße und Verwundungen im Leben.

 

Verzärteln wir uns selber nicht. Es ist noch kein Mensch ohne Leid und Kampf durchs Leben gegangen. Wollen wir die einzige Ausnahme sein? Die Prüfungen, die uns treffen, sollen nach der Absicht Gottes uns innerlich reifer, besser machen. Unverständige Kinder seufzen wohl über ihre Schularbeit, die ihnen ganz zwecklos erscheint. Wir sollten die Mühen und Sorgen des Lebens mit freudigem Mut auf uns nehmen. Wenn wir sie richtig, mit Liebe zu Gott ertragen, dann müssen sie uns zum Besten gereichen.

 

Beschneiden wir unsere Wünsche und Erwartungen! Wollen wir sicher das Böse meiden, dann müssen wir bisweilen auch dem Erlaubten entsagen können. Der Soldat muss sich auf dem Übungsplatz für den Ernst des Krieges vorbereiten. Durch tägliche kleine Opfer der Selbst Überwindung erwerben wir uns die nötige Kraft und Übung zum Widerstand gegen das Böse.

 

Die Reben werden an Spaliere gebunden. Wir müssen uns selbst an das Gesetz Gottes binden. Wie die Rebe, die im Staub dahinkriecht, vom Ungeziefer zerfressen wird und keine Frucht bringen kann, so muss jedes Menschenleben ohne Heil und Segen bleiben, das sich loslöst vom heiligen Willen Gottes. Zerstört nicht Hass und Wut das Glück Unzähliger? Führt nicht Unzucht zur Zerrüttung und Vergeudung edelster Lebenskräfte? Gleicht nicht der Gerechte, der in allem das Gebot Gottes vor Augen und im Herzen hat, dem Fruchtbaum, dessen Blätter niemals welken? Im Gehorsam gegen Gottes Gebot wächst die Seele aufwärts, wie die Rebe am Spalier sich in Luft und Sonnenschein badet.

 

Arbeiten wir im Weinberg unserer Seele! Was ein jeder vor Gott ist, das ist sein wahrer Wert. Unser Besitz, unsere Stellung, das Ansehen, das wir genießen, wird einmal von uns abfallen, wie die Puppenhülle vom Schmetterling abgestreift wird.

 

Nur Gott lieben, seine Gebote halten, nach seinem Willen für die Ausbildung und Heilung der Seele sorgen – das gibt unserem Leben Ewigkeitswert. Nur ein solches Leben ist Arbeit im Weinberg Gottes, nur einem solchen Tagewerk kann einst der ewige Lohn werden.