Vom Geheimnis der Schwarzen Madonnen

 

(Von: Dr. Franz A. Schmitt, Katholischer Digest, Dezember 1948, S. 26)

 

Wer kennt nicht die schwarzen Madonnen in den Wallfahrtskirchen Deutschlands und vieler anderer Länder Europas, wer kniete nicht einmal vor einem der oft seit Jahrhunderten verehrten Bilder, die Gesicht und Hände der Gottesmutter und des Kindes in seltsam dunkelbrauner oder schwarzer Farbe zeigen? Altötting, Würzburg und Köln sind einige Stätten in Deutschland, zu denen aber eine stattliche Zahl in anderen Ländern kommt. Nicht weniger als 272 meist sehr alte Bildnisse und Skulpturen Schwarzer Madonnen sind in ganz Europa nachweisbar, von denen dann an vielen Orten des Ursprungs- oder Nachbarlandes Nachbildungen aufgestellt wurden, die zu neuen Mittelpunkten gläubiger Verehrung geworden sind. Frankreich besitzt mit 188 Schwarzen Madonnen die meisten Beispiele für ihre weite Verbreitung. In Italien sind es 17, in Belgien 16, in Spanien 14 und in Russland 8, um nur einige Länder zu nennen.

 

Die Schwarzen Madonnen sind längst ebenso eine Tatsache wie der bunte Legendenkranz, der sie umgibt, oder die mannigfaltigen Erscheinungsformen ihrer religiösen Verehrung. In ehrwürdigen Kapellen stehen sie an erhöhter Stelle eines Altars. Prächtig ausgeschmückte Gewänder mit reichem Edelsteinglanz kennzeichnen sie. Als älteste Darstellungen erkannte man die sitzenden Madonnenstatuen aus dem 11. und 12. Jahrhundert, jünger sind jene, die Maria stehend mit oder ohne Kind zeigen. In den einzelnen Ländern lassen sich leicht charakteristische Formen unterscheiden.

 

Zunächst fällt auf, dass England keine einzige Schwarze Madonna besitzt, ebenso Schweden, Norwegen und Dänemark, während Holland, wie jene ein protestantisches Land, 5 Schwarze Madonnen aufweist. In Österreich und in der Tschechoslowakei findet man Nachbildungen der Schwarzen Muttergottes von Loreto in Ancona (Italien) oder jener auf dem Montserrat bei Barcelona. Italien zeigt einige sehr alte Madonnen in Statuen- und Bildform. Im Osten herrscht fast ausnahmslos die Bildform vor, so in Polen, Russland, Griechenland, Syrien und auch in Palästina. Spanien und vor allem Frankreich sind überreich an Bildern, insbesondere aber an Statuen Schwarzer Madonnen.

 

Überall auffallend ist sodann die Tatsache, dass die Wallfahrtsstätten mit Schwarzen Madonnen sich häufig auf Bergeshöhen und in der Nähe vom Meer, von Flüssen oder Quellen befinden. Die ältesten Darstellungen besitzen Italien, Frankreich und Spanien. Berühmt ist auch jene von Notre-Dame de Halle in Belgien, eine sitzende Madonna aus schwarzem Holz, die 1264 von der heiligen Elisabeth von Ungarn geschenkt wurde. Auf Grund der Forschung gehören die ältesten Madonnen, die sitzenden Statuen dem 11. und 12. Jahrhundert an, obwohl die Legenden sie bis in die ältesten christlichen Zeiten und vielfach auf die Meisterhand des heiligen Lukas zurückgeführt wissen wollen. Das 12. Jahrhundert hat vor allem in Frankreich viele schwarze Statuen hervorgebracht, wie die umfangreiche wissenschaftliche Untersuchung „Etude sur l´origine des Vierges Noires“ von Marie Durand-Levèvre (Paris 1937) darlegt. Die dem heiligen Lukas zugeschriebenen gemalten Madonnen zeigen alle die Madonna in dunkelbrauner oder schwarzer Gesichtsfarbe. Die Bilder sind meist auf Holz oder auf goldenem Hintergrund gemalt und insbesondere in Russland und Italien anzutreffen. Schon ihre große Zahl lässt die Auffassung nicht zu, nach welcher sie von einem einzigen Menschen angefertigt sein sollen. Allein in Rom gibt es 12 solcher Bilder, die nach der Legende auf das in Jerusalem befindliche wirkliche Originalbild aus der Hand des hl. Lukas zurückgeführt werden. Die wissenschaftliche Forschung indessen hält heute daran fest, dass kein zeitgenössisches Werk des Heiligen auf uns gekommen ist. Von Interesse bleibt ferner, dass die ältesten Madonnen, die auf einem Thron oder Sessel sitzend dargestellt sind, meist ein kleines Schränkchen für Reliquien enthalten. Als Material für die Skulpturen finden wir gewöhnliches Holz, zuweilen auch Zedern- und Ebenholz. Gelegentlich ist Stein und Marmor, selten Metall verwendet worden.

 

Die religiöse und kunstgeschichtliche Forschung hat sich in allen Ländern erst in neuerer Zeit eingehend mit den Gründen befasst, die man zur Erklärung der schwarzen Farbe zu unterscheiden haben wird. Die neuesten Ergebnisse führen zu fünf Ansichten:

 

1. Äußere Gründe für die gelegentliche oder zufällige Schwarzfärbung. Sie wird erklärt durch Bekleidung mit silbernen Platten oder infolge mehrerer aufeinander angebrachter Lagen von Firnis, durch natürliche chemische Umwandlung der Farben, besonders des zur Herstellung der Fleischfarbe verwendeten Zinnobers und Mennigs sowie des Silbers als Untergrund, die mit der Zeit nachdunkeln und tiefbraun werden. Auch Waschungen mit Öl oder Wein nach einem religiösen Ritus konnten das Nachdunkeln hervorgerufen haben. Andere Erklärungen nennen den längeren Aufenthalt an einem feuchten Ort, die jahrzehntelange Einwirkung des Staubes, des Rauchs der Kerzen und des Weihrauchs, schließlich Einwirkung von Feuer bei Kirchenbränden und Veränderung des Holzes bei hohem Alter.

 

2. Die Erforschung eines zeitgenössischen Urbildes. Diese Hypothese, die in der Literatur viel erörtert wird, fußt auf der Behauptung, der hl. Lukas habe das Bild der Gottesmutter nach der Natur gemacht und dabei den Typus judäischer Frauen als Vorbild genommen. In enger Beziehung mit dieser Erklärung steht die Ansicht, dass Marias Antlitz auf der Reise zur Zeit ihrer Flucht nach Ägypten von der Sonne gebräunt wurde und dass die Darstellung des hl. Lukas hierauf Bezug nehme.

 

3. Auch orientalischer Ursprung auf Grund der Verbreitung eines aus Asien gekommenen Modells wird zuweilen angenommen.

 

4. Auf antike Glaubensvorstellungen glaubte man die christlichen Schwarzen Madonnen zurückführen zu müssen, nämlich besonders auf die Isis-Horoslegende und somit auf die ägyptische Sonnenkönigin, die Mutter des Sonnengottes Horos. Doch kann diese Theorie in der christlichen Literatur keine Stütze finden, da kein direkter Einfluss von schwarzen Göttinnenbildnissen auf die christliche Verehrung der allerseligsten Jungfrau vorstellbar und nachzuweisen ist. Die Ansicht, dass die christlichen Schwarzen Madonnen mit dem Christentum an die Stelle der einstigen antiken Gottheiten gerückt seien und hiermit auch die Farbe der überwundenen, einst verehrten Bilder und Gestalten übernommen hätten, widerspricht der Lehre und dem Standpunkt der katholischen Kirche. Der Grund der Schwarzfärbung kann nicht in altheidnischen Vorbildern im Hinblick auf die schwarze Isis oder die ebenfalls schwarze Diana von Ephesus gesucht werden, die vom Christentum abgelehnt wurden.

 

5. Schließlich ist die symbolische Bedeutung, die auf den oft erwähnten Stellen des Hohen Liedes beruht, vielfach als Erklärung der schwarzen Fleischfarbe herangezogen worden. Im Hohen Lied Salomos (1,4-5) heißt es von der Braut Salomos, als Vorbild der allerseligsten Jungfrau und als Symbol für die Kirche: „Ich bin schwarz, aber schön, ihr Töchter Jerusalems, schwarz wie die Zelte Cedars, schön wie die Teppiche Salomos. Sehet mich nicht an, dass ich schwarz bin. Denn die Sonne hat mich verbrannt.“ Zur Erklärung sei hier vermerkt, dass Cedar ein Nomadenvolk in Nordarabien war, dessen Zelte wie heute noch die der Beduinen schwarz waren, indem man Ziegenfell gebrauchte. Auf diese Hohe Lied-Stelle nimmt z. B. auch der Dichter Konrad von Würzburg im 13. Jahrhundert in seinem Lob der Jungfrau Maria geschriebenen „Goldenen Schmiede“ Bezug, wenn er sagt:

 

„du sprichst, vrouwe reine,

daz du swarz unt schoene sist.“

 

Weder das Evangelium von Lukas noch jenes von Johannes geben uns einen Anhaltspunkt über das Aussehen der Mutter Gottes. Auch bei Augustinus finden wir keine Erwähnung eines wirklich vorhanden gewesenen, authentischen Bildes Marias. Von ihm wurde uns vielmehr überliefert (De Trinitate, lib. CIII, c. V.), dass das wirkliche Antlitz Marias unbekannt ist. Das älteste Marienbild (Ende des ersten, spätestens erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts) in der Priscilla-Katakombe in Rom an der Via Salaria, das auch den Propheten Jesaja zeigt, ist jedenfalls nicht schwarz, und auch andere alte Marienbilder aus den ersten Jahrhunderten enthalten keinen Hinweis auf die dunkle Hautfarbe der Madonna oder des Kindes. Erst im fünften Jahrhundert kommen schriftlicher Überlieferung nach, die ersten Marienbilder auf, die dem hl. Lukas zugeschrieben werden, von denen wir aber nichts Näheres wissen. Die berühmte Maria Hodigitria, die 438 nach Jerusalem gebracht wurde, soll auch von seiner Hand sein, ebenso die vielen Marienbilder rein byzantinischen Charakters.

 

Die Verehrung Schwarzer Madonnen hat in ganz Europa einen weiten Legendenkreis hervorgebracht. Bestimmte Namen sind jeder Madonna beigegeben worden. Eine gewisse Rivalität unter den einzelnen Wallfahrtsorten mit solchen berühmten Madonnenbildern ist feststellbar. Wundertätige Stätten, vor allem wiederum in Frankreich, sind oft am Ort der Auffindung oder Aufstellung Schwarzer Madonnen entstanden. Wunderbare Heilungen werden aus Frankreich aus dem späten Mittelalter ebenso häufig überliefert wie Wallfahrten und andere religiöse Verehrungsweisen zu bestimmten religiösen Feiertagen des Kirchenjahres. Daher erklärt sich auch die große Zahl von Nachbildungen altehrwürdiger Madonnen dieser Art, vor allem jener von Tschenstochau in Polen (auf Zypressenholz gemaltes Muttergottesbild mit dem Kind, byzantinischen Ursprungs, mit dunkelbrauner Gesichtsfarbe, schon 1382 erwähnt), von Notre-Dame von Liesse in Frankreich (Aisne), von Loreto in Ancona (Italien), von Altötting und von Einsiedeln in der Schweiz, um nur einige der bekanntesten zu nennen. Von der schwarzen, hölzernen Madonnenstatue von Einsiedeln aus dem 16. Jahrhundert schreibt Adam Fuetscher, als er ihre Farben 1799 erneuerte: „Das Angesicht war durchaus schwarz, doch ist diese Farbe nicht dem Pinsel, sondern dem Dampf der Lichter und Ampeln, welche seit so vielen Jahrhunderten in der hl. Kapelle immer brannten, zuzuschreiben. Denn ich fand und sah es augenscheinlich, dass es ursprünglich fleischfarbig war.“ Auch das Altöttinger Madonnenstandbild war ursprünglich nicht schwarz, was um 1850 bei einer Abformung deutlich erkannt wurde. An einigen Stellen sprang die dunkle Kruste ab, und man sah die alte Bemalung in der natürlichen Fleischfarbe. Ungewiss ist allerdings der Zeitpunkt der Schwärzung. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart konnte man nach dem Vorbild der Madonna von Altötting 38 Nachbildungen in deutlich schwarzer Farbe und 13 in heller Farbe feststellen.

 

Keine der erwähnten Vermutungen für die Entstehung der Schwarzen Madonnen ist völlig zufriedenstellend. Die Legenden und Deutungen, die eine gelegentliche oder zufällige Schwarzfärbung annehmen, die sich um die Vorstellungen volkskundlichen, orientalischen oder antiken Ursprungs oder um die symbolische Sinngebung auf Grund des Hohen Liedes drehen, überschneiden sich und ermöglichen keine eindeutige und wissenschaftlich unanfechtbare Erklärung. Dennoch lassen die Untersuchungen einzelner Legenden sowie des urkundlichen Quellenmaterials einzelner Bilder und Statuen deutlich den Einfluss der einen oder anderen Vorstellungsweise hervortreten. Historiker, Archäologen und Theologen haben in vielen Arbeiten diese Einzelwege der Entstehung und Überlieferung, der Ausbreitung und Abwandlung eines bestimmten Madonnenbildes untersucht. Die vor allem von französischen Forschern vertretene Spezialliteratur zählt heute weit über 200 wissenschaftliche und volkstümliche Darstellungen, die das Geheimnis der Schwarzen Madonnen ergründen wollen, wo immer feste Anhaltspunkte für die Entstehungs- und Verehrungsgeschichte gegeben sind. Der Gedanke des Einflusses des Hohen Liedes zur Begründung und Erklärung der Schwarzen Madonnen in Gestalt ursprünglich schwarz gemalten Bildern und Statuen ist sicherlich weit verbreitet und von gewisser Volkstümlichkeit. Der Glaube an die Originalität der bildlichen Darstellung aus der Hand des hl. Lukas oder an die getreue Kopie eines dieser Originale hat vor allem den christlichen Legendenkranz von Jahrhundert zu Jahrhundert mit neuen Blüten bereichert. Schließlich hat der Glaube an die wunderbare Errettung eines ursprünglich hellfarbigen Bildes aus Feuersnot, das seit jenem Ereignis dann ein dunkelgefärbtes Antlitz zeigte oder seine natürlich vor sich gegangene, jetzt aber nicht mehr erklärbare Schwarzfärbung oder seine im Gewirr von religiöser Sage und frommer Legende begründete geheimnisvolle Auffindung dazu beigetragen, dass die Schwarze Madonna gerade wegen ihres so auffallenden äußeren Andersseins schnell überall zum Mittelpunkt besonders gläubiger Verehrung und ungezählter Wallfahrten geworden ist.