Ein Brief an meinen Schutzengel

 

Brief eines Singhalesen: J.P. De Fosenka

Aus „Ceylon Catholic Messenger“

Colombo Ceylon

 

Wenn ich diesen Brief geschrieben habe, nehme ich mir nicht die Mühe, ihn Dir mit der Post zu schicken, da ich weiß, dass er auch so zu Dir kommen wird, ohne dass ich ein höheres Porto zahlen oder „mit Luftpost“ darauf schreiben muss.

 

Ich kann ihn in Englisch schreiben, kann ihn aber auch – vorausgesetzt, dass ich es fertigbringe – in Latein, Griechisch, Hebräisch oder irgendeiner anderen Sprache schreiben.

 

Ich weiß, dass Du alle Sprachen verstehst, ohne dass Du Dich erst bemühen musst, sie zu erlernen. Ich armer Mensch aber muss die Regeln der Grammatik und des Stils beachten. Den Schutzengeln in schlechtem Latein zu schreiben, hätte aber wohl keine andere Wirkung als die, ihnen ein wenig Zerstreuung zu verschaffen inmitten der Plagereien, die sie mit ihren Schützlingen haben.

 

Die gewöhnliche Formel, deren Gebrauch die Kirche empfiehlt, ist jetzt das fromme tägliche Gebet zum Schutzengel geworden. Man spricht es allgemein vor dem Einschlafen, und es beruht auf dem durchaus einwandfreien Glauben, dass die Engel nicht schlafen.

 

Du wirst verstehen, wie schwer, um nicht zu sagen beinahe unmöglich es für uns armselige irdische Wesen ist, sich einen Begriff davon zu machen, was ein Engel ist, wozu noch kommt, dass eine Reihe Menschen so völlig aufgehen in den Dingen der Erde, dass sie die Vorstellung eines Geistes überhaupt ablehnen. Freilich versuchen künstlerische Werke – Frucht der begrenzten Phantasie der Menschen – uns dabei zu helfen, indem sie die Engel nach unserem Bild- und Gleichnis darstellen, ihnen jedoch noch Flügel anheften. Dieses Verfahren trägt den schrecklichen Namen „Anthropomorphismus“ (Vermenschlichung des Göttlichen). Welche Verwirrung wäre das für euch und auch für mich, wenn wirklich ein solcher Engel in menschlicher Gestalt mich überall begleiten würde und wenn alle meine Brüder in gleicher Weise von den ihrigen begleitet würden!

 

Diese Engel der künstlerischen Schöpfung bieten jedoch den Vorteil, uns an eure Existenz zu erinnern, die wir nur zu leicht immer wieder vergessen. Ich kann Dich weder sehen noch hören noch fühlen, aber ein himmlischer Wohlgeruch strömt sicherlich von Deiner beständigen Nähe aus.

 

Um mir Deine Gegenwart vorzustellen, muss ich mich über mich selbst erheben, und wenn ich versuche, Dich mir vorzustellen, zerbricht fast mein armer Kopf, denn sich ein geistiges Wesen vorzustellen bedeutet eine Anstrengung, die an die Grenzen unserer Natur reicht. In der Lebensbeschreibung eines Heiligen unserer Zeit, eines frommen französischen Priesters, P. Lamy, schildert uns der Verfasser, wie sehr sich diese heilige Seele der Gegenwart der Schutzengel anderer, bewusst war. Wenn P. Lamy einen Christen grüßte, sagte er zu ihm: „Seid gegrüßt beide“. „Beide“ sollte heißen: der Angeredete und sein Engel. Ebenso sagte er, wenn er von sich sprach, nicht „ich“, sondern „wir“, nämlich er und sein Engel. So sagt er z. B.: „Wir freuen uns, euch zu sehen“ oder „Wir wollen jetzt spazieren gehen.“

 

Man sagt, dass dieser heilige Mann gewöhnlich seinen Schutzengel sah, was in der Tat den Gebrauch der Mehrzahlform besonders rechtfertigte. Aber dies war eine außerordentliche Gnade. P. Lamy jedoch sah bei all seiner Bescheidenheit darin nichts Anormales.

 

Verleihe uns gewöhnlichen Sterblichen, die wir nicht diese Gabe des P. Lamy haben, dass wir von Zeit zu Zeit an Dich denken! Lass uns zum Bewusstsein werden, dass, wenn wir unseren Fuß nicht an einen Stein gestoßen haben, dies daher kommt, dass Gott seine Engel beauftragt hat, alle unsere Schritte zu bewachen. Der berühmte Psalm 90 veranlasst uns, uns immer an die Dienste zu erinnern, die ihr Schutzengel treu eurer Aufgabe der Beschützung, die ihr vom Himmel erhalten habt, ohne Unterlass erfüllt. Der Psalm versichert, dass ich dank dieses Schutzes über Schlangen und Nattern schreiten und den Kopf des Löwen und des Drachen zertreten kann. Normalerweise wäre dies ein tollkühnes Unternehmen, aber dieses Versprechen könnte sich bewahrheiten, wenn mein Vertrauen auf Dich felsenfest und von der Art wäre, wie es Pater Lamy hatte. Derselbe Psalm von den Engeln spricht von Gefahren wie „den Schrecken der Nacht“ und „dem fliegenden Pfeil bei Tag“ und dem „Angriff und dem Dämon des Mittags“. Die Menschen, welche die schrecklichen Jahre des zweiten Weltkrieges erlebt haben, wissen, dass das keine bloßen rednerischen Ausdrücke sind. Auch die Worte Jakobs, Judiths und des Tobias und das 23. Kapitel des zweiten Buches Mose lehren mich deutlich, dass Du immer an meiner Seite bist. Der hl. Bernhard sagte: „In jedem Zimmer, in jeder Ecke bezeigt eure Ehrfurcht eurem Engel. Wollt ihr es wagen, vor ihm das zu tun, was ihr nicht wagen würdet, wenn ich euch sähe?“

 

Der heilige Thomas von Aquin, den man den Engelgleichen nannte, der aber trotz seiner beispiellosen Intelligenz noch weit, sehr weit von der Vollkommenheit der wahren Engel entfernt war, gab auf Fragen über die Natur der Engel folgende Antworten: „Kann ein Engel der Tätigkeit des Teufels entgegenarbeiten oder sie zuschanden machen? Ja. Haben die Menschen einen Schutzengel? Ja. Einen für jeden einzelnen. Sind alle Menschen ohne Ausnahme dem Schutz eines Engels anvertraut? Ja, so ist es. In welchem Augenblick wird dieser Engel dem Menschen zugeteilt? Im Augenblick, in dem der Mensch auf die Welt kommt.

 

Verlässt der Engel den Menschen zuweilen? Nie, bis zum letzten Augenblick, den der Mensch auf Erden verbringt. Ist es ratsam, sich oft und in allen Lagen seinem Engel anzuvertrauen? Ja, das ist etwas Ausgezeichnetes.

 

Kann man unfehlbar seines Schutzes sicher sein, wenn man ihn anruft? Ja, vorausgesetzt, dass die Bitte im Einklang mit den ewigen Beschlüssen Gottes steht.

 

Sind die Engel traurig über die Sünden derer, die sie beschützen? Nein. Nachdem sie versucht haben, was in ihren Kräften steht, dass die Sünde nicht begangen wird, beten sie, wenn sie doch begangen worden ist, auch darin wie in allen Dingen die Geheimnisse der göttlichen Vorsehung an.“

 

Aber es ist vergebens, euch all dies zu sagen, sogar mit den Worten eines heiligen Thomas. Ihr Engel wisst, was im Menschen ist; der Mensch aber muss lernen, den Engel zu verstehen.

 

Ein Engel kann kein besserer Engel werden, aber ein Mensch kann sich in einen besseren Menschen verwandeln. Gib mir Deine Hilfe, o Engel, damit ich mich bessere. Bekommen die Engel eine neue Aufgabe, wenn ihre Mission zu Ende ist? Sind in diesem Fall alle Dienste, die sie im Lauf der Jahrhunderte geleistet haben, in Büchern aufgeschrieben? Das sind Fragen, die ich mir vorlege. Ich habe noch niemals eine Lehre darüber gefunden, auch nicht beim heiligen Thomas. Auf jeden Fall wäre ich neugierig, zu wissen, wer der Schutzengel des heiligen Thomas war.

 

Und damit grüße ich dich.