Girolamo Savonarola

 

Eine umstrittene Figur der Kirchengeschichte

 

Eine der umstrittensten Figuren in der Geschichte der Kirche ist wohl Girolamo Savonarola gewesen, der große „katholische Reformator und Bußprediger“. Girolamo Savonarola wurde am 21. September 1452 in Ferrara geboren. Noch vor seinem Eintritt in den Orden der Dominikaner legte er durch seinen strengen religiösen Eifer und seine feurigen Gedichte Zeugnis ab von seinem Widerstand gegen die Entartung, welche die Renaissance nicht nur in Florenz, sondern sogar am päpstlichen Hof in Rom begleitete. Nach seiner Anstellung als Professor und Prediger in Florenz sagte er dem Verfall

 

Öffentlich den Kampf an. Ohne jemanden zu schonen, verurteilte er die Sünden. Er kündigte an, dass die Kirche gezüchtigt werden würde, und zwar bald. Aus diesen Katastrophen würde sie jedoch geläutert und erneuert wiedererstehen. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, reformierte er das Kloster von San Marco, dessen Prior er war, damit von diesem Zentrum aus ein guter Einfluss auf die Stadt am Arno und hierdurch auf ganz Italien, ja auf die ganze Kirche ausginge. So ist es auch geschehen. Durch die Initiative Savonarolas verstärkte sich die Reaktion auf die herrschende Korruption überall. Die Großen der sogenannten Gegenreformation haben sich lange nach seinem Tod von Savonarolas Arbeit inspirieren lassen.

 

Nicht alle jedoch haben Verständnis für die harten Wahrheiten gezeigt, die der Mönch ohne Ansehen der Person von der Kanzel und durch seine Schriften verkündigte. Schon bald geriet der Bußprediger in Konflikt mit Piero de Medici, dem Herrscher von Florenz, und Papst Alexander VI. Die Ursache dieses Zusammenstoßes muss aber nicht allein in der unbarmherzigen Kritik des allgemeinen Verfalls, sondern vor allem im politischen Meinungsgegensatz gesucht werden. Während Savonarola in der Ankunft des französischen Königs Karl VIII., der 1494 in Italien eingefallen war, eine von der Vorsehung gewollte Prüfung sah, welche die so dringend gewünschte Reformbewegung begünstigen würde, sahen Piero de Medici und Alexander VI. in Karl VIII. den Bedroher ihrer Macht. Der Papst schämte sich nicht, in diesem Streit seine geistige Autorität aus persönlichen Motiven geltend zu machen und seine politischen Gegner mit kirchlichen Strafen zu bekämpfen. Am 25. Mai 1498 wurde Savonarola in Florenz aufgehängt und verbrannt, wie er es vorausgesagt hatte. In einem Prozess, der ohne Zweifel eine Vergewaltigung des damals herrschenden Rechtes war, wurde der Bußprediger des Schismas und der Ketzerei schuldig befunden.

 

Heute, nach über fünf Jahrhunderten, da die Leidenschaften längst zur Ruhe gekommen sind und ein klareres Urteil möglich ist, hat sich in Italien eine Bewegung gebildet, die sich offen zu Gunsten Savonarolas ausspricht. Nicht mehr so sehr die Andersdenkenden, die den Dominikaner zeitweilig zu Unrecht als einen der ihrigen angesehen haben, als vielmehr unverdächtige Katholiken (unter anderen auch zahlreiche Mitglieder der Hierarchie) haben 1952 Savonarolas 500. Geburtstag zum Anlass genommen, die Ehre des „katholischen Reformators“ wieder herzustellen.

 

Wer in Savonarola nur den Aufständischen gegen die gesetzliche päpstliche Gewalt, den Schrittmacher einer konzilaren Bewegung, den Anhänger Joachims von Fiore und Vorläufer des Protestantismus, den unbeherrschten und stolzen Idealisten, den geschliffenen Politiker oder den großen Menschen sieht, wird unmöglich begreifen, dass hervorragende Dominikaner auf ihren Generalkapiteln 1935 und 1949 einen Seligsprechungsprozess gefordert haben oder dass eine Studie von Prof. S. Dezoni und seinen Mitarbeitern („Documenti eindirizzi“, Turin 1948) von zahllosen Katholiken, Laien und Priestern, zustimmend aufgenommen wurde. Diese Äußerungen können in ihrem Wert nur geschätzt werden von denen, die sie als logische Schlussfolgerung der ununterbrochenen Verehrung Savonarolas als katholischer Reformator und Bußprediger ansehen.

 

Tatsächlich datiert die Verehrung Savonarolas nicht erst aus der letzten Zeit. Sie geht zurück auf den 23. Mai 1498, als die Flammen um den Gehängten loderten und seine erhobene Hand der Volksmenge, die nicht ohne Zittern diesem grauenhaften Schauspiel zusah, den letzten Segen zu geben schien. Kaum waren die Flammen erloschen, da suchten schon Frauen, als Dienstmägde verkleidet, in der Asche nach Reliquien des „Martyrers“, während junge Burschen am folgenden Tag in den Arno tauchten, in den man die Überreste des Hingerichteten geschüttet hatte. Bevor noch das Quattrocento verstrichen war, wurde der Sterbetag des „Heiligen“ in einigen toskanischen Klöstern schon als ein Fest von hohem Rang und mit einem eigenen Officium gefeiert.

 

Es ist interessant, festzustellen, wie diese Verehrung sich trotz mancher Verbotsbestimmungen und strenger Strafen ausbreitete. In den ersten fünfzig Jahren nach Savonarolas Tod erschienen allein in Florenz und Venedig mehr als hundert Ausgaben seiner Predigten und Schriften, während Übersetzungen davon einen großen Einfluss auf die spanische Spiritualität ausübten. Namhafte Künstler, unter ihnen Sandro Botticelli und Bartolommeo della Porta, haben durch Kunstwerke, die meistens für Kirchen und Klöster bestimmt waren, öffentlich Zeugnis für diese Verehrung abgelegt. Mindestens zehn Priester oder Mönche, die später offiziell zur Ehre der Altäre erhoben wurden, haben Savonarola diese Ehre erwiesen. Anlässlich eines Besuches im Dominikanerinnenkloster von Prato wurden uns zahllose Reliquien und fromme Darstellungen des „Propheten, Lehrers und Martyrers“ gezeigt, die als solche von der heiligen Katharina de Ricci aus Dankbarkeit für die „wunderbaren“ Heilungen und andere Wohltaten, die sie nach eigener Aussage auf die Fürsprache Savonarolas von Gott erhalten hatte, benützt wurden. Als im achtzehnten Jahrhundert in Rom der Prozess zu ihrer Heiligsprechung geführt wurde, hat der Advocatus diaboli es nicht versäumt, diese Verehrung Savonarolas gegen sie ins Feld zu führen. Da aber andere Heilige nicht anders gedacht hatten als die Dominikanerinnen, wurde dieser Einwand nicht anerkannt.

 

Diese Formen der Verehrung fanden bis zu einem gewissen Grad Unterstützung in den Bemühungen, die aufgewendet wurden, um eine Heiligsprechung Savonarolas zu erreichen. Nachdem Papst Julius II. im Jahr 1509 sich schon in diesem Sinn geäußert hatte, wurden unter dem Pontifikat Clemens` VIII. die nötigen Vorbereitungen getroffen. Die Sache war schon so weit gediehen, dass der Generalobere der Dominikaner drei Officien anfertigen ließ, aus denen, sobald die so lange erwartete Heiligsprechung Tatsache würde, eines ausgewählt werden sollte. Dass es nicht so weit kam, lag am Widerstand Alessandro de Medicis, des Erzbischofs von Florenz, in dem noch die private Feindschaft Piero de Medicis gegen den „schrecklichen Mönch“ nachwirkte.

 

Als durch die berühmten Dekrete Urbans VIII. die Ehre der Altäre denen vorbehalten blieb, die offiziell selig- oder heiliggesprochen waren, war auch der öffentlichen Verehrung Savonarolas ein Ende bereitet.

 

Viel günstiger war das Los, das den Werken des großen Predigers und geistlichen Schriftstellers, denn das war Savonarola ohne Zweifel, zuteilwurde. Als Papst Leo X. – wie die Medici 1516 – die Predigten und Schriften auf den Index setzen wollten, sprach sich die Mehrheit der zu Rate gezogenen Theologen zu Gunsten Savonarolas aus. Fast noch mehr Aufsehen erregte die Anerkennung dieser Werke auf dem Konzil von Trient (1558), das im Zusammenhang mit dem sogenannten Index Pauls IV. eine Untersuchung angeordnet hatte. Bezeichnend für die Situation war die Haltung des heiligen Philipp Neri, der derartig gespannt auf den Ausgang der Beratung wartete, dass er den Tag, der die Entscheidung bringen sollte, im Gebet vor dem Allerheiligsten zubrachte. Plötzlich richtete er sich auf und rief den Anwesenden begeistert zu: „Wir haben gesiegt! Die Gegner haben Girolamo und seine Lehre ohne Erfolg angegriffen, sie bleibt unversehrt, bestätigt durch unseren allerheiligsten Herrn (den Papst) und die Kirche.“ Und so war es tatsächlich. Die Werke wurden freigegeben bis auf einen Abschnitt, der kommentiert werden musste.

 

Wenn auch die öffentliche Verehrung Savonarolas verboten wurde, so konnte sich doch die Wertschätzung seiner Schriften und damit die private Verehrung seiner Person ungestört erhalten. Davon zeugen die zahllosen Veröffentlichungen, Studien und Lebensbeschreibungen, die im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert erschienen, sowie zahllose Zeugnisse zu Gunsten des Reformers. Die eingangs genannte Bewegung in Italien ist nur auf dem Hintergrund dieser Tradition zu begreifen. Man hüte sich jedoch vor Übertreibungen. Eine Tradition wie die geschilderte ist nicht unfehlbar. Im Lauf der Jahrhunderte wurden auch viele Stimmen gegen den „Gottgesandten“ laut.

 

Wir möchten Savonarola trotz sehr ernster Bedenken, die wir noch gegen manche seiner Worte und Taten haben, als hochstehende, ja makellose Persönlichkeit ansehen. Vorsichtiger Zweifel erscheint uns daher nach wie vor geboten.

 

H. van Dongen O.P.

Aus „De nieuwe Eeuw“, Amsterdam,

abgedruckt in „Katholiek Vizier“, Amsterdam