Kein Salz verschütten!

 

Salz

 

Dichtung und Tatsachen um Chlor-Natrium von James C. G. Conniff

Zusammenfassung aus „Columbia“, 45 Wall St., New Haven, Conn. Mai 1948

 

Ich kenne jemand, der sein Gedächtnis dazu benützt, ganz ungewöhnliche Tatsachen aufzustapeln. Er behauptet, dass ihm das helfe, im Leben vorwärtszukommen. So weiß er z.B., dass es in Borneo fliegende Küchenschwalben gibt, die 30 cm lang sind. Eine Million Pfennige würden eine Linie von 18 Kilometer bilden. In der Sowjetunion sprächen die Einwohner 146 Sprachen einschließlich Russisch. Von den letzten 4000 Jahren seien nur 268 frei von Kriegen gewesen. Noch vielerlei derartige Dinge weiß dieser gute Mann.

 

Im letzten Winter war er einmal abends in seinem Wohnzimmer beim Zeitunglesen. Ihm gegenüber stopfte seine Frau friedlich seine Socken. Von Zeit zu Zeit unterbrach ihre sanfte Stimme das häusliche Idyll, um von den vielen Problemen einer Hausfrau zu berichten, die sie während des Tages beschäftigt hatten. Mein Freund ist alt genug und kennt das schon, aber plötzlich ritt ihn der Teufel, und er holte aus seinem großen Gehirnvorratsraum eine seiner beliebten Raritäten hervor. Mit einem stillen Lächeln auf den Lippen senkte er die Zeitung und fragte ganz harmlos: „Weißt du, dass es noch heutzutage ferne Gegenden gibt, wo sich der Mann um die kleine Büchse Salz im Wert von 10 Pfennig, die du im Küchenschrank stehen hast, eine Frau kaufen kann?“

 

Als er danach wieder aus dem Krankenhaus herauskam, befasste sich mein Freund etwas näher mit dem Kochsalz. Er kam dabei darauf, dass dieser Stoff wunderbarer und wirksamer ist, als er es träumte. So war er zunächst einmal überrascht, dass er selbst von den 8 Millionen Tonnen Salz, die jährlich von 4 oder 5 großen Bergwerksgesellschaften in USA gewonnen werden, im Durchschnitt 12 Pfund konsumiert. Das ist um die Hälfte mehr, als der Durchschnittseuropäer braucht, um seine Nahrung im Jahr zu würzen. Mein Freund war schon wieder versucht, seine Frau mit dieser Neuigkeit zu überraschen. Dann besann er sich aber doch noch schnell eines Besseren, ging in die Küche hinaus und trank ein paar große Gläser Wasser. Wie er so an der Wasserleitung stand, dachte er an einige der 14.000 bekanntgewordenen Gebrauchsarten des Salzes, die er aufzählen konnte, wenn er es je hätte tun müssen.

 

Es fiel ihm ein, dass seine Frau ihm Salz zum Zähneputzen gab, wenn sie einmal vergaß, Zahnpasta zu kaufen. Er weigerte sich hartnäckig zuzugeben, dass er es jetzt sogar lieber hatte und es heimlich benutzte, auch wenn eine volle Tube Zahnpasta auf dem Toilettentisch lag. Aber ob sie wohl wusste, dass sie, wenn sie etwas Salz in die heiße Pfanne streuen würde, bevor sie ihr Fleisch darin briet, damit verhindern könnte, dass das Fett spritzte? Sein Wissen machte ihm selbstgefällige Freude. Und dann der Trick mit dem Teelöffel voll Salz im Wasser, wenn man beschädigte Eier siedet, um zu verhüten, dass das Eiweiß ausläuft. Aber diesen Trick würde sie wahrscheinlich doch kennen, so wie sie wohl auch wissen würde, wie gut Salz ist, um die Flecken im Kaffeetopf abzureiben. Aber er bezweifelte, ob sie auch wusste, dass ein paar Esslöffel davon im Waschwasser verhindern, dass die Wäsche an kalten Tagen an der Leine anfriert, oder dass eine Mischung von Salz mit der gleichen Menge doppelkohlensauren Natrons in Wasser gegen Schnakenstiche hilft.

 

Er hatte schon gesehen, wie sie nach einem harten Tag mit vielen Besorgungen ein heißes Fußbad in Salzwasser genommen hatte, und er selbst hatte erst am Abend vorher sich die Schmerzen im ganzen Körper damit vertrieben, dass er eine ganze Packung Tafelsalz in sein dampfendes Badewasser geschüttet hatte. Dieses kleine Geheimnis wollte er ihr auch verraten, aber erst, nachdem er festgestellt hätte, dass sie seine Bemerkungen, wie z.B. auch die, dass eine lauwarme Salzwasserlösung ein Mittel gegen müde, blutunterlaufene Augen darstellt, nicht übelnehmen würde.

 

Am nächsten Morgen setzte er die Kinder am Frühstückstisch in Erstaunen, als er etwas Salz in seinen Kaffee tat und leicht über seine Grapefruit streute. „das erhöht den Kaffeegeschmack“ strahlte er, „und macht die Grapefruit süßer“.

 

Der Mann an der Tankstation lächelte ungläubig, als ihm mein Freund erklärte, dass es ohne Salz wohl überhaupt kein Benzingeschäft gebe. „Nanu?“ sagte der Mann. „Wieso das?“

 

„Ganz einfach“, antwortete mein Freund, „man braucht Salz, um die Stahltele der Autos zu härten, um das Leder zu gerben und zu beizen, um Textilien für die Polsterung, synthetischen Gummi für die Reifen und Maschineneinfassungen, Lenkräder aus Kunstharzen und Frostschutzmittel herzustellen und besonders um das Benzin zu raffinieren. Sind Sie sich dessen bewusst“, mein Freund senkte die Stimme, als ob er ein großes Geheimnis verrate, „dass es ohne Salz kein Bleitetraäthyl gäbe?“

 

„Was für ein Zeug?“ fragte der Mann.

 

„Kein Bleitetraäthyl“ wiederholte mein Freund mit Nachdruck. „Das würde bedeuten, dass es kein klopffreies Benzin gäbe. Und vielleicht auch“, fuhr er gedankenvoll fort, „keine Kriege mehr.“

 

Die Leute im Büro waren froh, dass die Zeit um war. Sie fühlten sich ganz schwach vor lauter Reden über Salz. Einer meinte, es würde ihn nicht wundern, wenn er heute Abend beim Zubettgehen Salz in seinen Schuhen finden würde. Der Chef hatte keinen rechten Genuss an seinem Abendessen, weil er immer daran denken musste, wie sehr er vom Salz abhängig war, das seine Speisen würzte, damit das Wassergleichgewicht in seinen Drüsen auf der richtigen Höhe gehalten würde. Immerhin beschloss er, im nächsten Sommer in seinem Betrieb Salztablettenautomaten einrichten zu lassen und einen verchromten Salzbehälter in den Konferenzsaal zu stellen, damit niemand durch übertriebenes Schwitzen aus Salzmangel einen Zusammenbruch erleiden würde.

 

Auf seinem Heimweg traf sein Freund einen alten Bauern, den er kannte, und fragte auch diesen, ob er wisse, wie wichtig es sei, dass das Vieh jederzeit an Salz kommen könne.

 

„Alte Weste“, brummte der Bauer. „Ich habe mehr 50-Pfund-Salzblöcke auf meinem Besitz verteilt, als ich im Februar Eier von meinen Hühnern bekomme.“

 

„Ah“, rief mein Freund aus, „die Tiere lecken wohl an den Salzblöcken, wenn sie welches brauchen, was?“

 

„Versteht sich“, murmelte der Bauer, „die Kühe haben mehr Verstand als mancher neugescheite Mensch!“

 

An jenem Abend hatten mein Freund und seine Frau einen Professor und dessen Frau als Gäste. Während des Bridgespiels brachte mein Freund seine ganze Weisheit über das Salz an. Die groben Kristalle streuen Eisenbahner und Hausmeister auf Schienen und Gehsteige, um das Eis aufzutauen. „Und Salz von der nämlichen Größe“, erzählte er seinen Partnern, „wird auch dazu benützt, um das Speiseeis gefrieren zu lassen.“

 

„Ach was?“ murmelte der Professor. „Zwei Treff.“

 

„Das Gold in Ihrem Ehering“, erzählte er dann der Frau des Professors, „hätte ohne Salz nicht gereinigt werden können. Und denken Sie, Ihre Tageszeitung wäre ohne Salz, welches das Zeitungspapier bleichen muss, einfach unleserlich.“

 

„Meine Güte!“ rief die gute Frau aus. „Ich passe.“

 

„Derselbe Stoff, der die Brezeln hier auf dem Tisch schmackhaft macht“, fuhr mein Freund unverdrossen fort, „wird mit Erde oder Ton gemischt, um den Schotter auf den Landstraßen fester zu machen. Sie können das Salz in den Regalen Ihres Krämers in seiner natürlichen Würfelform oder in Form von Flocken oder unregelmäßigen Kristallen finden, je nachdem es verarbeitet worden ist. Für die Damen mag es nützlich sein, zu wissen, dass man beim Kochen einen gehäuften Teelöffel Flockensalz für einen gestrichenen Teelöffel Würfelsalz braucht.“

 

„Tatsächlich?“ murmelte seine Frau, „Herz zwei.“

 

„Salz wird, wie Sie wissen, - ich passe -, noch heute nach der alten Verdampfungsmethode am großen Salzsee in Utah gewonnen, wo die Sonnenstrahlen seichte Salzwasserlaken eindunsten, so dass das Salz als Niederschlag am Boden zurückbleibt. Aber das meiste Salz wird entweder mittels Maschinen aus tiefen Höhlen im Bergwerksbetrieb herausgeholt, wobei es in Riesenblöcken zutage kommt, oder es wird in Form von Sole aus Bohrschächten gepumpt. Körniges Salz erhält man meist durch Eindampfen der Sole in luftleeren Pfannen.“

 

„Ich probierte es auf meiner Windschutzscheibe aus, das Eis mit Salz zum Tauen zu bringen“, sagte der Professor. „Und als es wieder wärmer wurde, fand ich heraus, dass sich die salzige Kruste, die zurückgeblieben war, in die Farbe der Motorhaube gefressen hatte.“

 

„Da hätten Sie freilich vorsichtiger sein sollen. Denken Sie an die Fußböden! Wenige Frauen wissen, dass Böden, die man mit einer starken heißen Sole schrubbt, mithelfen, Motten aus den Teppichen und Läufern herauszuhalten. Die Motten hassen das Salz.“

 

„Das kann ich mir vorstellen“, antwortete der Professor.

 

„Aber“, sagte mein Freund, „wenn Sie einen Parkettboden mit Salz reinigen, ruinieren Sie das ganze Parkett. Eine alte Sache. Genauso wie beim Entfernen von Tintenflecken aus Kleidern. Salz in Wasser ist großartig dafür, aber die Leute warten, bis der Flecken tagealt ist, und jammern dann, wenn der Trick mit dem Salz nicht mehr hilft.“

 

„Viele alte Bräuche sind wohl mit dem Salz verbunden“, meinte der Professor mit einem Seufzer.

 

„Das will ich meinen! Man wirft zum Beispiel ein bisschen Salz über die Schulter, um Unglück abzuwehren, wenn man Salz verschüttet hat, weil man meint, der Teufel stehe hinter der linken Schulter und verursache solche Unfälle. Die Menschen als das Salz der Erde zu bezeichnen, wie es Christus tat, ist eine hohe Auszeichnung. Ein guter Arbeiter, sagt man, verdient sich sein Salz.“

 

„Da werden Sie wohl auch wissen“, unterbrach ihn der Professor, „dass das Wort Salz vom lateinischen „sal“ kommt?“

 

„Und“, fuhr mein Freund triumphierend fort, „auch das englische Wort salary für Lohn kommt von diesem lateinischen „sal“, weil die römischen Soldaten einen Teil ihrer Löhnung in Salz erhielten!“

 

Der Professor lächelte und legte seine Karten nieder. „Haben Sie auch schon gehört, dass Leute um und durch Salz gestorben sind?“

 

„Oh, schon oft! Im amerikanischen Bürgerkrieg griffen die Truppen der Union Saltville im Staat Virginia an und fochten eine schwere Schlacht, um die Stadt dann zu plündern und ihr Salzbergwerk zu zerstören. Auf dem Rückzug von Moskau starben die Soldaten Napoleons eines schrecklichen Todes, weil ihre Wunden wegen Salzmangels in den Speisen nicht heilten. Weiße Händler in Südamerika, Afrika und der Südsee starben durch die Hände der Eingeborenen, mit denen sie kostbares Salz gegen Gold, Edelsteine und Elfenbein vertauschten, wenn die Eingeborenen, wahrscheinlich wegen Salzmangels, tobsüchtig wurden. Während des ersten Weltkrieges kostete es bei der Offensive der Russen viel Blut, um das größte Salzbergwerk der Erde, das von Wieliczka in Polen, einzunehmen, wo Millionen Tonnen Salz gewonnen worden sind, seitdem diese Salzlager ungefähr um 1000 n. Chr. Entdeckt worden sind. Heute besitzt es an die 100 Kilometer Gänge in sieben Stockwerken von 80 bis 300 Metern unter der Erde.“

 

„Ich habe es einmal gesehen“, erzählte die Frau des Professors. „Es gibt sogar ein ganzes Eisenbahnnetz darin, und Fähren tragen die Passagiere über die Salzseen, die sich in der Dunkelheit ausbreiten. Aber das Wunderbarste darin ist doch die Kapelle, die mit Altar, Gitter und Stühlen ganz aus festem Salz gehauen ist.“

 

„Wir haben etwas Ähnliches auf der Insel Avery vor der Küste von Louisiana, wo 20 Meter hohe Säulen aus Salz ein Dach tragen und kleine Werkstätten und Bürogebäude für die Verwaltung des Bergwerkes ebenfalls in Salz gehauen sind.“ Nach einer Pause fuhr mein Freund fort: „Aber um auf das zurückzukommen, was der Professor eben sagte: Eines der berühmtesten Beispiele für die üble Vorbedeutung des Salzverschüttens ist wohl, denke ich, das „Letzte Abendmahl“ von Leonardo da Vinci, auf dem der Künstler das tiefe Entsetzen über den Verrat des Judas dadurch ausdrückt, dass er ihn mit einem umgeworfenen Salzfässchen neben der Faust, die den Beutel mit dem unheilvollen Silber umklammert, malt.“

 

Der Professor hörte schweigend zu, als mein Freund diese wenig bekannte Tatsache erzählte, fing aber schließlich wieder zu reden an, wobei er seine Karten aufnahm und sagte: „Nein, das war es nicht, was ich im Kopf hatte. Ich dachte daran, ob Sie wissen, dass das Salz, das für unser Wohlbefinden ein so kostbarer Stoff ist, dass es unsere Regierung während des letzten Krieges auf die Liste der notwendigsten Güter setzte, eine Mischung aus zwei tödlichen Giften, Natrium und Chlor, ist. Wirklich tödlich!“ Ein merkwürdiges Lächeln huschte über seine Lippen. „Kommen Sie mal in mein Laboratorium, John. Da werde ich Ihnen zeigen, was ich meine. Drei Pik!“

Die Donau in Passau